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„Setzt Japan nicht mit Fukushima gleich“

Ansichten aus Japan „Setzt Japan nicht mit Fukushima gleich“

Bei Dreharbeiten für den Kinofilm „Willi und die Wunder dieser Welt“ haben sie sich kennengelernt. Für die OP befragte der Stadtallendorfer Helmar „Willi“ Weitzel seinen Freund Yo Morita. Heraus kamen ehrliche Ansichten aus einem fernen Land.

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Zwischen Normalität und Zerstörung: Willi Weitzel und sein Freund Yo Morita sprechen über das Leben in Japan ein Jahr nach der Erdbeben- und Atomkatastrophe.

Quelle: Archiv

Willi Weitzel: Yo, wie erinnerst Du den Tag der Katastrophe?

Yo Morita: Das öffentliche Streckennetz in Tokio war zusammengebrochen. Ganz Tokio war auf den Beinen. Die, die nicht nach Hause kommen konnten, übernachteten in Hotels oder blieben im Büro. Obwohl am Tag des Bebens nicht viel über die Fukushima-Reaktoren bekannt war, schockierten mich die Bilder im Fernsehen über die Folgen. So ging es den meisten. Die Menschen verstummten. Es verschlug uns einfach die Sprache. Ich selbst fühlte mich so kraftlos gegen die rohe Kraft, die die Natur in sich birgt.

Willi: Hast Du Dir überlegt abzuhauen?

Yo: Ich habe versucht, mir meinen Kopf so klar wie möglich zu bewahren. Habe abgewogen, ob es vielleicht besser wäre, für eine bestimmte Zeit, bis sich alles beruhigt hat, nach West-Japan zu Verwandten und Freunden zu gehen oder gar nach Deutschland zu ziehen. Dieser Weg stand mir offen, da meine Eltern in Deutschland wohnen.

Aber für kaum einen Japaner gab es einen Ort zum Fliehen. Dieses Land ist unsere Heimat, die kann man nicht einfach aufgeben. Um das Leben so gut wie möglich wieder auf die Beine zu stellen, ging ich, wie viele andere Japaner, schon am folgenden Montag ins Büro, um so schnell wie möglich mit dem Wiederaufbau anfangen zu können.

Willi: Welche Gedanken stehen bei Dir heute im Mittelpunkt?

Yo: Das Erdbeben hat uns bewiesen, wie überheblich wir Menschen in den Industrienationen gegenüber der Natur sind. Aber die Opfer des 11. März 2011 sollen nicht umsonst gewesen sein. Keins der Opfer wollte  sein Leben lassen. Nein, Sie waren ohne eigenes Vergehen zur falschen Zeit am falschen Ort. Das hätte auch ohne weiteres mich selbst treffen können.

Wir, die Menschen die mit dem Schrecken davongekommen sind, müssen unsere Lehren aus dem Unglück ziehen.

Willi: Welche sind das?

Yo: Ich denke nicht, dass wir ein Erdbeben oder eine Flutwelle verhindern können, aber wir können bessere Vorkehrungen und Sicherheitsmaßnahmen treffen. Ich versuche, den Opfern und Angehörigen sozial beizustehen. Andererseits ist es für mich als Japaner auch ein Ansporn all den skeptischen Leuten zu zeigen, dass wir alles wieder aufbauen können – ob mit Hilfe der mit uns fühlenden Menschen in der ganzen Welt, im schlimmsten Fall aber auch ohne auswärtige Hilfe.

Willi: Bei meinen Dreharbeiten in Tokio habe ich Euch Japaner als sehr disziplinierte Menschen kennengelernt. Der Tsunami hat aber absolutes Chaos hinterlassen. Auch Chaos in den Menschen selbst?

Yo: Ich war selbst begeistert, wie diszipliniert und sozial wir Japaner mit den Zumutungen und den Nachrichten zu dieser Zeit umgegangen sind. Und ich war irgendwie auch stolz auf unsere fast schon krankhaften Manieren. Meine Achtung vor den Polizisten, Feuerwehrleuten und anderen Helfern ist wirklich gestiegen.

Andererseits habe ich selbst gespürt, wie sehr die Nerven bei vielen Leuten blank lagen und wie alle Menschen angespannt und kurz davor waren, die Kontrolle zu verlieren. Aber es gab keine Massenpanik, keine Randale und keine Überfälle. Ich spüre auch heute sehr viel Respekt vor den Leuten, die immer noch unermüdlich in der schrecklichen Umgebung der Fukushima-Reaktoren die Aufräumarbeiten leisten und für die Kühlung sorgen.

Willi: Bei uns in Deutschland wird erst jetzt zum Jahrestag wieder viel in den Medien über Fukushima berichtet. Wie ist das bei Euch?

Yo: Bei uns wird immer noch viel darüber berichtet, da dieses Thema noch lange nicht vorüber ist. Erst vor Kurzem ist herausgekommen, dass TEPCO und verschiedene Ämter darüber Bescheid wussten, dass die Kernschmelze hätte vielleicht verhindert werden können, wenn sie die Kühlung schneller beschlossen hätten anstatt abzuwarten. TEPCO hat noch nicht einmal die Hälfte der Schadensersatzzahlungen an die Bewohner von Fukushima gezahlt, ist aber so arrogant und dreist, einfach mal die Strompreise um 10 bis 17 Prozent zu erhöhen, da sie ja zur Zeit keine Kernkraft verwenden können.

Willi: Wie hat sich dein eigenes Leben nach dem Unglück verändert? Alles wieder beim Alten?

Yo: Es spielt sich wieder Alltag ab, aber anders als früher. Ich gehe sparsamer mit Elektrizität um, schaue irgendwie mit größerer Skepsis auf die Medienberichte. Außerdem liegt mein Vertrauen in die japanischen Politiker bei fast null. Andererseits haben wir wieder die Wichtigkeit von Menschennähe und Familie gespürt. Nächstenliebe zeigt sich als wiederentdecktes Gut.

Willi: Bei Euch Japanern steht Fisch und Reis ganz oben auf der Speisekarte: machst Du Dir Sorgen um atomar verstrahltes Essen?

Yo: Wenn ich anfange, mir Sorgen darüber zu machen, kann ich nichts mehr zu mir nehmen. Es kann vielleicht daran liegen, dass es mir und den meisten Leuten einfach nicht klar ist, ab welchen Werten in welchen Mengen und über welchen Zeitraum radioaktive Strahlung gefährlich ist. Soll ich im Gemüseladen den Geigerzähler auspacken? Und ab welchen Werten ist Gemüse überhaupt gefährlich? 

Es gab ein oder zwei Fälle, wo unverschämte Menschen es gewagt haben, die Herkunftsregion von Gemüse und anderen Waren aus den stärker strahlenden Regionen zu fälschen, da hatte ich wirklich Bedenken. Aber die Qualität japanischer Nahrungsmittel ist hoch. Wir Japaner legen Wert auf gesunde Ernährung.

Willi: Wenn Du an uns Deutsche einen Wunsch richten könntest, wie sähe der aus?

Yo: Es wäre freundlich, wenn ihr unser Japan nicht mit der Region um den Fukushima-Reaktor gleichsetzen würdet. Wir Japaner spüren irgendwie, dass wir international fast so angesehen werden wie Tschernobyl. Aber Fukushima ist nicht gleich Japan. Die Deutschen würden sich doch auch komisch vorkommen, wenn Fremde sagten: „In der Nordsee hat ein Tanker das Meer verseucht, nun ist das Wasser im Bodensee bestimmt auch unrein. Deutschland ist verseucht!“

Willi: Wie lebt es sich mit dauerhafter Erdbebengefahr?

Yo: Man muss in Japan mit Erdbeben rechnen, wie mit Lawinen im Gebirge und deswegen vorbereitet sein. Natürlich habe ich Angst vor dem nächsten großen Erdbeben, kleine gibt es ja täglich. Wir haben deutlich gesehen, dass Atomanlagen alles andere als katastrophensicher sind. Dennoch ist Japan ein Land mit vielen Schönheiten und auch mit einer wunderbaren Natur.

Willi: Ein Ende des Atomstroms, so wie in Deutschland, ist nicht in Sicht. Machst Du Dir Sorgen um die Zukunft?

Yo: Als Inselstaat muss man irgendwie Energie herstellen. Ich bin so optimistisch zu hoffen, dass – wenn auch kein Japaner – ein Forscher irgendwo auf der Welt es schafft, neue effiziente Wege zur Energieherstellung zu finden.

Da mache ich mir – wie viele Deutsche bestimmt auch – eher Sorgen, wie sicher mein Arbeitsplatz oder meine Karriere ist, ob die Rente später noch existent sein wird, oder einfach nur, ob ich eine eigene Familie gründen kann oder nicht.

Willi: Was hältst Du von der Aktion, betroffene Kinder für einen Urlaub ins Marburger Land einzuladen?

Yo: Zuerst fällt mir ein großes DANKE dazu ein! Super Idee. Kindern eine Auszeit und Abstand zur Katastrophe zu gönnen ist ein echtes Geschenk. Viele Kinder haben ihr Zuhause und manchmal ihre Familien verloren. Da bleiben Wunden, die wahrscheinlich nie richtig heilen können. Daher sollte man sie auch nicht unbedingt auf das Thema ansprechen, sondern ihnen einfach eine Abwechslung gönnen. Die Sprache ist eine Herausforderung, aber japanische Kinder spielen genauso gerne wie die deutschen Kinder.

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