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„Man kann sich diese Angst nur schwer vorstellen“

Rückblick „Man kann sich diese Angst nur schwer vorstellen“

Erst das Beben, dann der Tsunami und am nächsten Tag Fukushima: So erlebte der Nienburger Christian Ernst die Tage rund um den 11. März

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Das zerstörte AKW in Fukushima.

Quelle: dpa

Der gebürtige Nienburger, Christian Ernst (35), lebt seit 2005 in Tokio. Er ist mit einer Japanerin verheiratet und arbeitet im Marketing für ein großes Schweizer Unternehmen. Das Erdbeben im März 2011 überraschte ihn im Büro.

Wenn Sie ein Jahr zurückdenken, was war der prägendste Moment?

Das war die Minute des Erdbebens und die damit verbundene Angst. Man kann sich diese Angst nur schwer vorstellen, wenn man aus einem von schweren Beben verschonten Deutschland kommt. Es ist eine Art instinktive Angst, die keinen ausnimmt.

Wo haben Sie das Erdbeben erlebt?

Ich war im Büro, ein ruhiger Freitag, plötzlich fängt es an zu beben. Ich hörte zunächst die typischen und unaufgeregten Kommentare, wie ich sie von leichten Beben her kannte. Dann wurde das Wackeln stärker. Als alle Angestellten sich dann auf dem Vorplatz des Bürogebäudes eingefunden und dort längere Zeit gewartet hatten, kamen über Smartphones die ersten Bilder des Tsunami. Viel Wasser war zu sehen, aber zu dem Zeitpunkt war noch keinem klar, wie viele Opfer diese Welle fordern würde.

Wie verlief der Tag weiter?

Auf dem dreistündigen Heimweg zu Fuß war ich einfach nur erleichtert, dass mir und meiner Frau, mit der ich mittlerweile telefonisch Kontakt aufgenommen hatte, nichts weiter zugestoßen war. Autos und Menschen stauten sich entlang der Straße. Aber niemand wurde aggressiv. Alles war sehr gesittet. Große Hotels hatten ihre Lobbys für Menschen, die nicht mehr mit Zug oder Auto nach Hause gekommen waren, geöffnet. So sieht eine funktionierende Zivilgesellschaft aus, dachte ich mir.

Wie haben Sie die Nachricht von dem bevorstehenden Gau im Akw von Fukushima erfahren?

Live im Fernsehen. Erst die Explosion und dann jeden Tag die Pressemitteilungen. Ich war allerdings erstaunt über die Informationen, die in den westlichen Medien verbreitetet wurden. Unverantwortlich finde ich, dass einfach Informationen hinzugedichtet wurden. Nach dem Motto: Japan ist ja weit genug weg, da kann man ruhig ein bisschen Panik verbreiten. Der Tsunami bot offenbar nicht genug Potential. Als in der deutschen Presse nur noch vom Gau die Rede war, haben die japanischen Medien über Eltern berichtet, die in den Trümmern, die der Tsunami hinterlassen hatte, nach ihren Kindern suchen. Das war die eigentliche Tragödie.

Spürt man eine Veränderung in der japanischen Gesellschaft?

Die Angst vor einem weiteren großen Erdbeben ist gewachsen. Firmen und Menschen ziehen in erdbebensichere Gebäude und Gegenden. Katastrophenübungen haben zugenommen. Und das Bewusstsein fürs Stromsparen ist gewachsen.

Sie sind Deutscher und mit einer Japanerin verheiratet. Kam Ihnen je der Gedanke, Japan zu verlassen?

Ich habe nie daran gedacht, Japan zu verlassen. Auch wenn der Gedanke an ein weiteres großes Erdbeben unangenehm ist. Meine Frau lässt ihre Familie hier nicht allein und ich lasse meine Frau nicht allein. So würde jeder verantwortungsbewusste Mensch auf der Welt handeln.

von Nora Lysk

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