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Deutsche Überreaktion?

Medien-Tsunami Deutsche Überreaktion?

Fukushima sorgte für einen Medien-Tsunami. Die Wogen glätteten sich aber schnell.

„Wir haben längst den Super-GAU“ hieß es zwei Wochen nach Beginn der Fukushima-Katastrophe im „Stern“. Zeitgleich war im Netz (wirtschaftsthemen.net) sogar von einem „dreifachen Super-GAU“ die Rede. Am 12. April 2011 hieß es im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ – bereits etwas ermüdet - „GAU auf Raten“.

Die dreifache japanische Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze, ausgelöst am 11. März 2011, zog eine mediale Flutwelle nach sich aus TV-Sondersendungen, „Brennpunkten“, Nachrichtentickern, Tweeds und Blogeinträgen. Die Naturgewalten trafen eines der technisch am stärksten entwickelten Länder der Erde. Von keiner Katastrophe zuvor dürfte es so viele Bilder und Berichte geben.

Doch die medialen Wogen glätteten sich relativ schnell. Das 2003 in Bonn gegründete und heute in Zürich ansässige private Forschungsinstitut Media Tenor wertete 55.017 Beiträge von Nachrichtensendungen in ARD, ZDF und RTL aus, die zwischen Januar 2011 und Februar 2012 gesendet wurden. 1028 waren Japan gewidmet. Der Höhepunkt lag im Katastrophenmonat März mit 509 Beiträgen, im Juli 2011 waren es nur noch 11 und im Februar 2012 lediglich 2 Berichte über Japan.

Eine Auswertung der „Tagesschau“-Top-10 von 2011, durchgeführt von Media Control, ergab, dass der Atom-GAU in Japan mit 9 Millionen Zusehern hinter der Frauen-Fußball-WM (13 Millionen) und der Wahl in Baden-Württemberg (9,4 Millionen) zurückblieb.

„Es hat sich schnell auf das Normalmaß eingependelt“, sagte Christian Kolmer von Media Tenor auf Anfrage. Wäre Fukushima „wirklich eine weltbewegende Katastrophe gewesen, wäre länger berichtet worden“. Selbstverständlich hätten deutsche Medien in den ersten Wochen „Panik geschürt“.

Diese Ansicht teilt auch der Statistikprofessor Walter Krämer (Technische Universität Dortmund). Der Autor von „Die Angst der Woche“ nennt die Deutschen sogar „Weltmeister im Produzieren von Panik“. Auf Anfrage dieser Zeitung sagte Krämer: „Der Bruder meiner japanischen Schwiegertochter arbeitet im Krisengebiet. Für die Japaner ist Fukushima ein mittlerer Unfall. Die ganze Panik fand nur in Deutschland statt. Die Japaner lachen sich kaputt“.

Der Statistikexperte verglich über einen längeren Zeitraum hinweg deutsche, spanische, englische und französische Medien. In der „Frankfurter Rundschau“ und der „Süddeutschen Zeitung“ würden durchschnittlich vier Mal so viele Panikmeldungen veröffentlicht wie in „Le Figaro“ oder „Corriere della Sera“, sagt Krämer. BBC oder CNN hätten über das Kraftwerksunglück in Japan nüchtern berichtet, „als ginge es um ein Busunglück auf der A3“.

Bedienen deutsche Medien tatsächlich die Angstlust? Schlüpfen sie in die Rolle des Meisters/Therapeuten, der an den tiefsten Angstpunkten der Hysterikerin (des Publikums) laboriert? In den Tagen und Wochen nach dem Unglück stellten sich die Massenmedien auf jeden Fall selber unter Strom. Ein Leidensbericht in Buchform ist „Das japanische Desaster: Fukushima und die Folgen“ (Herder, 14,95 Euro) des ZDF-Korrespondenten Johannes Hano.

„Im Halbstundentakt sind wir auf Sendung. Der Informationsdurst in Deutschland wird immer größer, immer mehr Sendungen. Atemlos“, notierte dieser am 13. März, und fünf Tage später: „Diese Live-Situationen im Halbstunden- bis Stunden-Takt sind extrem anstrengend … wir müssen höllisch aufpassen, dass uns nicht größere Fehler unterlaufen.“ Die Korrespondenten vor Ort hatten ein höheres Strahlenrisiko, jedoch eine geringere Informationsdichte. Häufig war die Internet-Community schneller über Entwicklungen im Bilde.

Ein Media-Monitoring von Alterian SM2 erbrachte interessante Einblicke in Netzdebatten rund um Fukushima und Atomausstieg. Dabei wurden 100.000 Konversationen auf Internetforen, Blogs, Twitter und Sozialen Netzwerken ausgewertet. Mit Fukushima nahm die Atomdebatte im Netz schlagartig zu. Der absolute Peak aber war Ende Mai mit der Vorstellung der Beschlüsse zur Energiewende.

Im Vergleich mit dem englischen und französischen Sprachraum ging es im deutschsprachigen Netz nicht heißer her. Als Fazit heißt es in der Studie: Die Behauptung mancher Medien und Interessensgruppen hierzulande, die Deutschen würden mal wieder Panikmache betreiben, sei „klar widerlegt“.

In einem Punkt sind sich alle Analysten einig: Die Berichte-Flut war Auslöser der politischen Energiewende in Deutschland.

Von Johanna Di Blasi

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