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„Qualifizierung gibt es nicht umsonst“

Jobcenter schlägt Alarm „Qualifizierung gibt es nicht umsonst“

Das Kreisjobcenter schlägt Alarm: Für mehr Kunden hat es weniger Mittel zur Verfügung – eine ordentliche Qualifizierung Langzeitarbeitsloser zur anschließenden Vermittlung in Arbeit sei kaum noch zu realisieren.

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Uwe Kreiter (von links), Andrea Martin, Dr. Ulf Immelt, Dr. Dirk Hohn und Marian Zachow fordern mehr Geld für das Kreisjobcenter – um Langzeitarbeitslose besser qualifizieren zu können. 

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. „Was wir hier starten ist schon fast ein gemeinsamer Hilferuf“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU). Denn gemeinsam mit Dr. Dirk Hohn, Geschäftsführer der „Vereinigung der Hessischen Unternehmerverbände“ Mittelhessen, und Dr. Ulf Immelt, Organisationssekretär beim DGB Mittelhessen, macht der Landkreis darauf aufmerksam, dass der Bund dem Kreisjobcenter (KJC) die Mittel „faktisch um fast 1,5 Millionen Euro gekürzt hat“ – gleichzeitig sei die Zahl der Kunden des KJC in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen.

Demnach lag die durchschnittliche Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten,­ also der Kunden des KJC, bei 8 136 Personen – 2017 waren es bereits 9 009. Und davon hat fast ein Viertel – nämlich 2 132 Personen – einen Fluchthintergrund. Andrea Martin, Leiterin des KJC, sagt: „Der reine Anstieg zeigt das Problem noch nicht in seiner ganzen Schärfe“, denn es seien ja „nur knapp 900 Kunden mehr“.

Allerdings verzeichne das KJC des Landkreises hessenweit den vierthöchsten Zugang an Flüchtlingen. Der Grund: Durch das gemeinsame Arbeitsmarktbüro von Arbeitsagentur und KJC werden die Flüchtlinge schneller erfasst, wechseln somit auch schneller von der Zuständigkeit der Agentur in die des KJC. Dementsprechend ­habe das Kreisjobcenter unter­ den 44 vergleichbaren Jobcentern bundesweit den zweithöchsten Zugang an erwerbsfähigen Leistungsberechtigten. „Unter anderem wirkt auch die Uni als Magnet für studierwillige Flüchtlinge“, weiß Martin.

Bei der Integration in Arbeit und der Nachhaltigkeit dieser Integration liegt das KJC trotz der gestiegenen Kundenzahlen bundesweit bei den vergleichbaren Jobcentern ganz vorne:­ Bei der Integrationsquote­ auf dem zweiten Platz, bei der Nachhaltigkeit auf Platz eins. Nachhaltig heißt in diesem Zusammenhang, dass die vermittelten Personen ein Jahr nach der Integration in Arbeit immer noch in Arbeit sind.

71 Prozent der Geflüchteten haben keinen Abschluss

Vor diesem Hintergrund sei es „ganz bitter“, dass dem KJC nun wesentlich weniger Geld zur Verfügung stehe – noch dazu, weil man 2016, als die Flüchtlingswelle hoch war, Geld nicht habe abrufen können, weil die Geflüchteten noch nicht in der Zuständigkeit des KJC waren.

Andrea Martin verdeutlicht, dass dem KJC in diesem Jahr insgesamt 9,5 Millionen Euro zur Eingliederung und Qualifizierung seiner Kunden zur Verfügung stünden. 2017 seien es noch 10,8 Millionen Euro gewesen. Dabei sei die Zahl der so genannten erwerbsfähigen Leistungsberechtigten innerhalb eines Jahres um rund 750 Personen gestiegen. Pro Kopf bedeute das eine Reduzierung um rund 220 Euro im Jahr auf 1 062,94 Euro.

Dabei sei der Qualifizierungsbedarf vor allem der Geflüchteten sehr hoch: Laut Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verfügen rund 71 Prozent der Flüchtlinge über keinen Berufsabschluss, lediglich 8 Prozent über mittlere Berufsabschlüsse. Vor diesem Hintergrund sei eine Nachqualifizierung immens wichtig – sonst könne die dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt nicht gelingen.

Und auch für die Kunden ­ohne Fluchthintergrund müssten mehr Mittel für Qualifizierung zur Verfügung gestellt werden, wie Zachow sagt. So habe das Projekt „In“ zur Vermittlung Schwerbehinderter in den Arbeitsmarkt einen immensen Erfolg gehabt ( die OP berichtete), könne aber vonseiten des Bundes nicht fortgeführt werden. „Unsere größte Sorge ist der Fehlschluss, dass brummende Arbeitsmarktzahlen bedeuten, man kann bei der Qualifizierung sparen – das Gegenteil ist der Fall“, so Zachow. „Qualifizierung gibt es nicht umsonst“, sagt er.

Arbeitgeber haben hohen Bedarf an Fachkräften

Was Qualifizierung kostet, verdeutlicht Uwe Kreiter vom KJC: Demnach kostet der Lastwagen-Führerschein etwa 7 600 Euro, für den Bus sind es 1 000 Euro mehr. Die Umschulung zum Zerspanungsmechaniker ist ungleich teurer: Sie schlägt mit 27 500 Euro zu Buche. „Arbeitslosigkeit ist allerdings noch viel teurer“, sagt Andrea Martin. Und die Betriebe würden für solche Berufe dringend Mitarbeiter suchen.

Für Dr. Dirk Hohn ist klar, dass man „jetzt etwas tun muss, denn wir haben eine gute wirtschaftliche Lage – wenn wir jetzt qualifiziertes Personal auf den Arbeitsmarkt bekommen, dann sind die Chancen so hoch wie selten in den letzten 20 Jahren, dass wir die Menschen auch vermitteln können“.

Es gebe einen enormen Bedarf an Fachkräften. Hohn verdeutlichte jedoch: „Die Qualifizierung muss für die Berufe erfolgen, die der Markt hinterher abfragt“ – etwa zu Pflegekräften und nicht zu Bürofachangestellten. Es gelte, die wirtschaftlich gute Zeit zu nutzen, „um möglichst viele Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge durch Qualifikation und Bildung in den Arbeitsmarkt zu bekommen“, so Hohn.

Dr. Ulf Immelt verdeutlicht, dass Integration durch Vermittlung in einen Job nur der erste Schritt sei – es müsse eine weitere Qualifikation folgen. „Und das kann nicht passieren, wenn man weniger Geld in die Hand nimmt“, sagt Immelt.

Alle Beteiligten appellierten, den Jobcentern „auskömmliche Budgets“ zur Verfügung zu stellen. So könnte beispielsweise das Übertragen nicht verwendeter Finanzmittel auf das Folgejahr die Planung der Jobcenter erleichtern. Zudem solle die Flexibilität in der Förderung weiter erhöht werden.

von Andreas Schmidt

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