Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Elf Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung
Landkreis Ostkreis Elf Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:01 25.04.2018
Aktives Vorgehen gegen seine Alkoholsucht bewahrt einen Angeklagten vor dem Gefängnis.  Quelle: Daniel Naupold/dpa
Kirchhain

Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Auflagen: 120 Stunden gemeinnützige Arbeit. Die begonnene Therapie darf nicht mit ärztlicher Zustimmung beendet werden.
Gleich zwei Anklageschriften hatte das unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektorin Andrea Hülshorst tagende Gericht abzuarbeiten.

Diese bezogen sich auf Fälle im Juni 2016 und im Spätsommer 2017. 15 Zeuginnen und Zeugen wurden an zwei Verhandlungstagen gehört. Insbesondere die Zeuginnen berichteten, wie unangenehm sie die Anzüglichkeiten, Nachstellungen und aufdringlichen Beobachtungen des Angeklagten empfanden.

Wie diese Zeitung vom ersten Verhandlungstag berichtete hatte der geständige Angeklagte alle Taten im Vollrausch begangen. Deshalb billigte ihm das Gericht Strafmilderung nach Paragraf 21 des Strafgesetzbuches zu. Außerdem absolvierte er im zweiten Anlauf eine stationäre Alkohol-Entgiftung und eine Langzeittherapie.

Inzwischen befindet er sich in der Adaption, der zweiten Phase der medizinischen Rehabilitation. Noch in dieser Woche tritt er ein Praktikum in einem Markt an. Zudem ist er dabei, die von ihm angerichteten Schäden zu regulieren – trotz Privatinsolvenz.

Und am zweiten Verhandlungstag tat er dass, was er zum Prozessauftakt noch versäumt hatte. Der Angeklagte entschuldigte sich bei allen seinen Opfern.
Sein Pflichtverteidiger Marcus-R. Kress sprach von einer radikalen Wandlung seines Mandanten, mit dem anfangs nichts anzufangen gewesen wäre.

Anträge lagen nicht weit auseinander

Staatsanwaltschaft und Gericht verschlossen sich dem positiven Trend nicht. Anklage und Verteidigung lagen mit ihren Anträgen, wie die vielen, zum Teil tateinheitlich mit Hausfriedensbruch getätigte Beleidigungen, Sachbeschädigungen und Diebstählen zu ahnden sind, nicht weit auseinander. Die Anklage sah eine zwölfmonatige Freiheitsstrafe, auszusetzen zur Bewährung, als tat- und schuldangemessen an. Die Verteidigung sah eine zehnmonatige Freiheitsstrafe mit Bewährung als ausreichend an.
Wurden am ersten Verhandlungstag die Geschehnisse im Ostkreis mit den schwerwiegenden Fällen rund um eine Kita verhandelt, verlagerten sich die Tatorte am zweiten Tag in Richtung Gießen und Marburg. In der Gießener Vitos-Klinik wurde er im September 2017 wegen einer Entgiftung vorstellig.

Auf Station entdeckte er dort einen ihm bekannten Pfleger. An diesen richtete er das Wort: „Du hast mich angefasst. Ich mach Dich platt. Ich bring dich um.“ Wie eine als Zeugin geladene Oberärztin berichtete, trat der Angeklagte ein Türschloss ein und beschädigte ein Schild.

Die Psychiaterin zeigte sich überzeugt, dass der Angeklagte nicht wusste, was er tat: „Absoluter Kontrollverlust. Er hatte zu diesem Zeitpunkt keine Steuerungsfähigkeit.“ Promillewert: 2,3.

Am 29. September 2017 versuchte der Angeklagte in einer Gießener Sparkassenfiliale am Automaten Geld zu ziehen. Das funktionierte nicht, weil er seine Verfügungsmittel bereits aufgebraucht hatte. Er randalierte in der Filiale, richtete einen Schaden in Höhe von 150 Euro an und ließ sich von einem Taxifahrer nach Marburg fahren.

Mit sexuellen Beleidigung traktiert

Dort wiederholte sich das Spiel. Kein Geld, Randale in der Schalterhalle, Beschimpfungen. Wie sehr sie das Geschehen nachhaltig verfolgt hat, zeigte eine als Zeugin geladene Teamleiterin des Kreditinstituts, die sich nur in Begleitung eines Beistands in den Gerichtssaal traute.

Von einer Kollegin gerufen habe sie dem Randalierer versucht, den Sachverhalt zu erklären, warum von dem Pfändungskonto keine Auszahlung mehr möglich sei. Daraufhin seien sie und ihre Kollegin gefühlte 150 Mal von dem Mann mit der gleichen sexuellen Beleidigung traktiert worden. Daraufhin habe sie einen Anruf bei der Polizei angekündigt. „Normalerweise reicht das. Nicht aber in diesem Fall“, sagte die Zeugin.

Der Mann sei richtig ausgerastet, zwei Kollegen hätten sich schützend vor sie gestellt. Sie habe körperliche Übergriffe auf ihr Team befürchtet. „Bis zum Eintreffen der Polizei haben wir uns bedroht gefühlt“, sagte sie. Promillewert: 2,29.

Am 4. Oktober 2017 besuchte er gleich zweimal eine Gießener Gaststätte: vormittags und abends. Dabei versuchte er jeweils mittels eines Pornoheftes, sich den Bedienungen sexuell zu nähern. Die Diensthabende am Vormittag warf ihn raus, worauf er mit einem Aschenbecher, die Lampenschale einer Messingleuchte zertrümmerte. Abends kehrte er trotz Lokalverbot zurück und versuchte die gleiche Masche erneut.

Wieder flog er raus, kam aber nach zehn Minuten wieder – durch die geschlossene Glastür! Der Abend endete für den Zecher im Krankenhaus. Promillewert: 2,59.
Der Angeklagte räumte ein, dass er sich mitunter gefragt habe, was überhaupt in seinem Kopf vorgehe. Das galt besonders für zwei Diebstähle. In einer Tankstelle nahm er einfach so vier Dosen Bier mit.

Und einen Elektromarkt verließ er mit zwei TV-Geräten unter dem Arm. Überhaupt nicht witzig waren die Nachstellungen, die eine Zeugin erleiden musste. Die Frau, die beruflich mit Kindern zu tun hatte, sorgte sich um ihre Schutzbefohlenen und um sich selbst. Sie habe ihre Lebensführung ändern müssen, um dem allgegenwärtigen Mann auszuweichen.

von Matthias Mayer