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Ostkreis Zum Jubiläum schweigt die Orgel
Landkreis Ostkreis Zum Jubiläum schweigt die Orgel
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06:16 08.07.2012
Pfarrer Dierk Brüning freut sich mit Kurt Lawrenz über die von ihnen gebaute Sonnenuhr. Quelle: Florian Lerchbacher
Schwabendorf

Schwabendorf. „Ich wüsste nicht, wann ich mich so gefreut habe, unsere Orgel wieder zu hören“, sagte Pfarrer Dierk Brüning nach etwa zwei Drittel des musikalischen Gottesdienstes, den die Schwabendorfer zur Eröffnung der Feierlichkeiten anlässlich des 325-jährigen Bestehens ihres Dorfes feierten. Das Jubiläum „125 Jahre Schwabendorfer Orgel“ wollten sie auch noch begehen - doch daraus wäre beinahe nichts geworden.

Nach wenigen Stationen der musikalischen Zeitreise durch die Stilrichtungen der vergangenen 325 Jahre hatte Organistin Katharina Zinnkann eine Defekt am Instrument vermeldet. Der Posaunenchor übernahm ihren Part während der folgenden Lieder, während sich auf der Empore Gerd Helfenbein, Karl-Heinz Ohly, Christian Henkel, Günther Aillaud und Manfred Aillaud auf Fehlersuche begaben.

Die Schwabendörfer feiern dieses Jahr ihr 325jähriges Bestehen.

Der Zwischenstopp im Barock musste zwar ausfallen und die Gläubigen kamen nicht in den Genuss des Präludiums und der Fuge in es-Dur von Johann-Sebastian Bach, doch dann begann Brüning über die Stärke der Gemeinschaft zu sprechen. Die fünf fleißigen Helfer schienen sich die Worte des Pfarrers zu Herzen zu nehmen, denn plötzlich fanden sie den Fehler und behoben ihn sogleich.

Spontaner Beifall brandete auf, und Brüning widmete sich nun doch kurz der Geschichte des Instruments: Die Orgel sei ein „Gnadengeschenk“ von Kaiser Wilhelm I. gewesen, berichtete er. Im Ersten Weltkrieg habe der Staat die Zinnpfeifen requiriert. Für Ersatz sorgte die Kirchengemeinde - in vielen kleinen Schritt. Erst vor sechs Jahren habe sie die letzten Pfeifen ersetzt.

Für Musik sorgten während des Gottesdienstes neben den beiden Organistinnen Katharina Zinnkann und Kathrin Ochs die Singgruppe sowie der Gesangverein und der Posaunenchor. Letzterer spielte auch während der Fortsetzung der Feierlichkeiten vor der Kirche, wo Brüning gemeinsam mit Herbert Temme, dem Präsidenten der Deutschen Waldenservereinigung eine Sonnenuhr und eine Gedenktafel einweihte. Temme erinnerte an die „leidvolle Geschichte“ der Hugenotten und Waldenser und mahnte, sie dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Auch der Pfarrer schlug eine Brücke in die Vergangenheit: Gedenkstein und Uhr sollten an die vielseitigen handwerklichen Fähigkeiten der Vorfahren erinnern, „die aus wenig viel machten“. Dabei sparte er nicht an Lob, unter anderem für Peter Röder und Erwin Klein, die sich um die Sandsteine gekümmert hätten, sowie für Kurt Lawrenz, der für die Sonnenuhr verantwortlich war: „Er arbeitet sehr präzise und besitzt das Tüftel-Talent der Hugenotten und Waldenser.“ Der fleißige Schwabendorfer gab das Lob jedoch zurück: „Wir haben gemeinsam an dem Projekt gearbeitet“, sagte er und berichtete im Gespräch mit dieser Zeitung von den zahlreichen Arbeitsschritten. „Alles begann mit einem Stock, den wir auf der Wiese aufstellten, um zu sehen, welche Uhrzeiten wir hier überhaupt zeigen können“, ergänzte der Pfarrer.

Doch nicht nur an der Kirche gibt es einiges zu bewundern: Im Dorfgemeinschaftshaus, wo der anschließende Festkommers stattfand, hatte Helga Pfanzler eine Ausstellung vorbereitet mit Fotos der Schulklassen von 1951 bis 1973. Einer der ersten, der die Bilder im ehemaligen Schulgebäude unter die Lupe nahm, war Eckhard Ulrich, der mit Beate Kison das letzte Lehrerduett in Schwabendorf gebildet hatte. „Ich war von 1962 bis 1973 in Schwabendorf und für die Oberstufe, also die Fünft- bis Achtklässler, verantwortlich. Das war die schönste Phase meiner Schulzeit.“

von Florian Lerchbacher