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Ostkreis Zeitzeugin warnt vor Entwicklungen der Gegenwart
Landkreis Ostkreis Zeitzeugin warnt vor Entwicklungen der Gegenwart
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18:43 23.05.2017
Eva Pusztai sprach im Dokumentations- und Informationszentrum über ihr Leben. Leiter Fritz Brinkmann-Frisch moderierte die Veranstaltung. Quelle: Karin Waldhüter
Stadtallendorf

Eva Pusztai wartet geduldig, bis das Headset samt Mikrofon sitzt, nach kurzem Ausprobieren dann aber durch ein anderes Mikrofon ersetzt werden muss. Die 91-jährige strahlt Haltung und Würde aus, lauscht der Klaviermusik, die zur Eröffnung der Veranstaltung erklingt. Ihr gegenüber, gleich in der ersten Besucherreihe, sitzt ihr Lebensgefährte Andor Andrasi. Neben ihr hat Fritz Brinkmann-Frisch, der Leiter des Dokumentationszentrums (DIZ), Platz genommen.

Als der letzte Klavierton verklingt erhebt sich Bürgermeister Christian Somogyi. Es sei ihm eine Ehre, mit Eva Pusztai und Manfred Vollmer gleich zwei Ehrenbürger der Stadt begrüßen zu können. Er erinnert an das Motto des Museumstages „Spurensuche und Mut zur Verantwortung“: „Ein Motto, welches für die Arbeit des DIZ von Anfang an prägend ist“, wie er betont. In Kooperation mit der Georg-Büchner-Schule begebe sich das DIZ auf die Suche nach Spuren, nicht nur in den Archiven, sondern auch nach Menschen, die Zeugnis ablegen können über die Zeit ihrer Verfolgung. Seit vielen Jahren berichtet Eva Pusztai in Zeitzeugengesprächen und Vorträgen vor allem für Kinder und Jugendliche in Deutschland und Ungarn über ihr Leben - so auch einen Tag später an der Georg-Büchner-Schule. Sie war 1944 aus ihrer Heimat Ungarn in das Vernichtungslager Auschwitz und von dort zur Zwangsarbeit im Sprengwerk DAG Allendorf verschleppt worden.

"Alle Überlebenden sollten erzählen"

Um ihre Biografie besser verstehen zu können, bittet Brinkmann-Frisch Pusztai zunächst, von ihrer Kindheit zu berichten. „Ich bin glücklich, noch einmal hier zu sein, weil ich mich erinnern muss“, erklärt sie zunächst. Hin und her reisen und von ihrem Leben erzählen, wolle sie bis zum letzten Moment. „Alle Überlebenden sollten erzählen“, fordert sie. Eigentlich sei der Zweite Weltkrieg noch nicht zu Ende gegangen, denn seither habe es keinen einzigen Tag auf der Welt gegeben, an dem „Menschen sich nicht getötet haben, geplündert wurde und Kinder ihrer Eltern verloren haben“. „Nur halt nicht bei uns, aber ist das nicht dasselbe?“, fragt sie.

Auf einem großen Bildschirm erscheint ein Familienfoto, das den 25. Jahrestag der Hochzeit ihrer Großeltern zeigt. Und Eva Pusztai berichtet von einer glücklichen Kindheit auf dem Gehöft der Großeltern.

Doch die Zeiten änderten sich. Noch immer habe es in Ungarn jedoch keine Auseinandersetzung mit dem Thema gegeben, betont sie und äußert die Hoffnung, dass es einmal dazu kommen werde. Inzwischen lebe die dritte Generation in Ungarn. Erst jetzt würden Jugendliche sie fragen, was damals passiert sei.

Das Bild auf dem Bildschirm wechselt. Jetzt sind Schlangen von Häftlingen, aufgeteilt in Frau und Mann, arbeitsfähig oder nicht, zu sehen. Nur ein Fingerzeig habe über Leben oder Tod entschieden, berichtet Pusztai und ergänzt, dass sie 49 Familienmitglieder während des Holocaust verloren habe. Drei Tage dauert die Reise vom Todeslager Auschwitz-Birkenau nach Stadtallendorf. „Entsetzlich ausgehungert“, mit gerade einmal 40 Kilo Gewicht bei einer Größe von 1,76 Metern, kam sie im Lager Münchsmühle an. Nach acht Monaten wurde sie zusammen mit 1000 anderen Frauen auf einen Evakuierungsmarsch geschickt. In der Nacht erreichte die Gruppe eine kleine Scheune und wurde nach Tagen in allerletzter Sekunde von alliierten Truppen gerettet und nach Ziegenhain gebracht.

"Nie war es wichtiger zu reden"

Lange konnte Eva Pusztai nicht über das Erlebte sprechen. Selbst nach 59 Jahren habe sie immer gesagt „es ist noch so nah“. Fritz Brinkmann-Frisch habe sie immer wieder aufgefordert, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Nach einer ersten Broschüre (2004), herausgegeben vom Magistrat der Stadt, ist mittlerweile die dritte Auflage ihres Buches „Die Seele der Dinge“ erschienen. „Nie war es wichtiger zu reden als jetzt, es kommt doch wieder“, warnt sie und widmet sich der jüngeren Vergangenheit.

Etwas Schöneres als die Ehrenbürgerrechte in Stadtallendorf könne sie sich nicht vorstellen. „Gerade da, wo ich acht Monate in einer schrecklichen Lage war, ich fast verhungert bin und entsetzlich und über meine Kraft arbeiten musste“. Sie habe das Gefühl, Wiedergutmachung sei nicht leistbar: „Aber doch“, sagt sie leise.

Das Bild auf dem Bildschirm wechselt erneut und zeigt ihr aktuelles Projekt. Sie stellt gemeinsam mit der jungen Tänzerin Emese Cuhurcova in der Tanzproduktion „Salzblume“ ihr Leben dar. 50 Mal hat die 91-Jährige das Stück schon gespielt - auf 150 Aufführungen will sie kommen. Und vielleicht kommt sie nächstes Jahr mit ihrer Tanzproduktion zu den Kunst- und Kulturtagen nach Stadtallendorf. Bürgermeister Christian Somogyi und Michael Feldpausch, Vorsitzender des Stadtallendorfer Kulturkreises, sind von der Idee jedenfalls sehr angetan.

von Karin Waldhüter