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Ostkreis Wo die Energie-Multis draußen bleiben
Landkreis Ostkreis Wo die Energie-Multis draußen bleiben
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06:17 06.05.2012
Mit Biogas betriebene Lkw-Motoren erzeugen Strom. Ihre Abwärme reicht, um damit fast ein ganzes Dorf zu beheizen.
Ostkreis

Sobald diese Genossenschaft ihre Mitglieder mit biologisch erzeugter Nahwärme versorgt, darf sich das Dorf Bioenergiedorf nennen. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es bislang erst zwei Bionergiedörfer: Oberrosphe und Josbach. Aber die Bioenergiedorf-Bewegung erlebt derzeit einen Boom. Gleich elf Bioenergiedörfer sind in Planung oder bereits im Werden.

Was braucht es zueinem Bionergiedorf?

Da ist zuerst die leistungsfähige Wärmequelle, die CO2-neutral Wärme produziert. Das kann ein Holzhackschnitzel-Heizkraftwerk sein, wie es die Oberrospher Nahwärme-Pioniere gebaut haben. Das kann aber auch eine Biogasanlage sein. Letztere hat die Vorteile, dass ihre Betreiber die Nahwärme kostenlos abgeben können und dass für die Genossenschaft keine Kosten für Bau und Unterhalt eines eigenen Heizkraftwerks anfallen.

Dann braucht es den Mut und die Tatkraft einiger Bürger, die die zukunftssichere und umweltfreundliche Wärmeversorgung im Dorf zu ihrem Ding machen; die die Gründung der Genossenschaft vorbereiten, ihre Nachbarn für das Projekt begeistern und die schließlich nach der Gründungsversammlung bereit sind, im Vorstand der Genossenschaft deren Geschicke zu leiten.

Dabei müssen diese Ehrenamtlichen das Rad nicht neu erfinden. Der Genossenschaftsverband steht mit Rat und Tat zur Seite, stellt unter anderem Muster-Satzungen und Muster-Verträge zur Verfügung. Bei vielen Fragen zur Praxis der Geschäftsführung und der Geschäftspläne helfen die bereits bestehenden Genossenschaften weiter. Und die ganzen technischen Aufgaben liegen, angefangen von der Machbarkeitsstudie über die Planung, Ausschreibung, Bauleitung bis zur Betreuung nach der Fertigstellung ohnehin in der Hand eines Ingenieur-Büros.

Welche Aufgaben hatdie Genossenschaft?

Normalerweise beschränkt sich das Geschäftsfeld einer Nahwärme-Genossenschaft - Oberrosphe ist eine Ausnahme - auf den Vertrieb und den Verkauf von Nahwärme. Dafür hat die Genossenschaft das komplette Nahwärmeleitungsnetz zu bauen, zu bezahlen und zu betreiben. Das Netz reicht von der Übergabestation im Maschinenhaus der Biogasanlage meist über Kilometer bis zur kompakten Übergabestation des letzten angeschlossenen Hauses. Dazu kommen die Kosten für die Steuerungstechnik, den Spitzenlastkessel und den großvolumigen Wärmepufferspeicher, die an extrem kalten Tagen dafür sorgen, dass niemand im Dorf frieren muss.

Die Finanzierung eines solchen Millionenprojekts ruht auf drei Säulen:

Staatliche Förderung in Höhe von ungefähr einem Drittel des Investitionsvolumens. n Eigenkapital der Genossenschaft, aufgebracht durch die Mitglieder mit einem Anteil von je rund 3500 Euro. n Zinsgünstige Darlehen der KfW-Bank. Mit den Erlösen aus dem Verkauf der Nahwärme, die ein Abfallprodukt der Ökostrom-Erzeugung in einer Biogasanlage ist, tilgt die Genossenschaft ihre Kredite und finanziert die überschaubaren laufenden Kosten. Im Ergebnis können die Nahwärme-Genossenschaften unter dem Heizölpreis bleiben. Das ist nicht der einzige Vorteil für die Genossen. Statt der Energie-Multis bestimmen sie selbst den Wärmepreis. Und der kann nach 20 Jahren, wenn die Genossenschaft schuldenfrei ist, steil nach unten gehen. Kehrseite der Medaille: Weitere Biogasanlagen können im Landkreis mangels Mais-Anbauflächen nicht mehr gebaut werden.

von Matthias Mayer