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Ostkreis „Wir verfügen über keinen Goldesel“
Landkreis Ostkreis „Wir verfügen über keinen Goldesel“
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20:08 08.03.2012
Bürgermeister Manfred Vollmer blickt im Gespräch in die Vergangenheit und auf die Zukunft der Stadt Stadtallendorf. Seine erste Amtsperiode begann am 15. März 1982. Quelle: Tobias Hirsch

OP: Haben Sie sich vor 30 Jahren vorstellen können, dass Sie in Stadtallendorf sesshaft werden?
Manfred Vollmer: Nein, eigentlich hatte ich geplant, nach zwei Legislaturperioden noch einmal eine neue Herausforderung zu suchen. Ich bin geblieben, weil es mir hier sehr gut gefiel und ich eine interessante Aufgabe vor mir hatte.

OP: Und was machen Sie am 15. März, dem ersten Tag im Ruhestand?
Vollmer: Dann genieße ich meine neugewonnene Freiheit. Ich werde mich in den ersten drei bis sechs Monaten  sortieren. Dazu gehören Ausschlafen, Ordnung schaffen, Lesen, Urlaub machen. Außerdem bleibe ich Kreistagsabgeordneter mit einer Reihe von Aufgaben.

OP: Was werden Sie vermissen?
Vollmer: Das weiß ich noch nicht genau. Nach 50 Jahren im Beamtenverhältnis, davon 30 Jahre als Bürgermeister, möchte ich zunächst mal Zeit für mich gewinnen.

OP: Welche Ereignisse haben Sie geprägt?
Vollmer: Entscheidend war sicherlich die Aufarbeitung der Rüstungsaltlasten. Dabei ist die Stadt an den Rand ihrer Existenzfähigkeit gekommen. Allein bei einem Unternehmen hatten wir damals einen Investitionsstau von einer halben Milliarde Mark. Manchmal habe ich nicht gewusst, wie es weitergehen sollte. Dazu kam die Umgestaltung der Stadt.

OP: Was fällt für Sie alles unter Umgestaltung?
Vollmer: Durch die „Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme“ kam vieles ab 1980 in Gang.  Im Vordergrund stand dabei aber immer auch die Gleichbehandlung von allen Stadtteilen. Ich will nur ein paar Beispiele für die Kernstadt nennen:  den Bau der Stadthalle und des Rathauses, der Unternehmensausbau, wobei es stets um Bestandspflege ging, die Ausstattung der Feuerwehren oder die Sportstätten.  Dabei denke ich an den Ausbau des Stadions ebenso wie zum Beispiel an die Sanierung der Bärenbachhalle.

OP: Der Ausbau der Sportstätten war allerdings auch mit reichlich Streit und Auseinandersetzungen verbunden, nicht nur in der Politik, auch mit Vereinen.
Vollmer: Das stimmt, es lief nicht ohne Knirschen ab. Aber der Bürgermeister ist auch Kämmerer und kann die Dinge nicht losgelöst von den Finanzen betrachten. Projekte müssen nacheinander abgearbeitet werden. Wir verfügen über keinen Goldesel. Andere Städte dürften uns um die Sportstätten, die wir haben, ein Stück beneiden. Natürlich haben wir  auch noch eine Wunschliste.

OP: Gibt es Dinge, die zwar nötig wären, aber noch nicht realisiert werden konnten?
Vollmer: Sicherlich wäre eine weitere Sporthalle wünschenswert oder auch eine weitere Investition in das Stadion. Doch wir haben jetzt die Sanierung oder den Neubau des Hallenbads im Auge. Das sind Kosten zwischen 7,5 und 16 Millionen Euro. Das ist eine mächtige Herausforderung.

OP: Sie haben die Stadtmitte schon angesprochen. Was hätte anders laufen müssen?
Vollmer: Manches ist dort in der Entwicklung sicherlich anders gelaufen, als es sich der Bürgermeister vorgestellt hat. Es sind Jahre in diesem Prozess durch zu viele Diskussionen verloren gegangen. Die Stadtmitte könnte heute viel weiter sein. Und es fehlte des Öfteren an Kompromissbereitschaft.

OP: Gilt das mit der fehlenden Kompromissbereitschaft nicht auch für Sie?
Vollmer: Das gilt zunächst mal für alle Beteiligten, vor allem die damalige Vertretung der Einzelhändler, weil sie teilweise wichtige Punkte gänzlich abgelehnt hat.

OP: Was wünschen Sie sich denn für die Zukunft der Stadtmitte, die Ansiedlung eines Kaufland-Marktes?
Vollmer: Nach der Fortschreibung des Einzelhandelsgutachten sollte es eine vernünftige Neuplanung der noch zur Verfügung stehenden Grundstücke und Flächen geben. Die Träume von weiteren großen Einzelhandelsgeschäften sind zu groß geraten. Wir haben wachsende Probleme bei der Lebensmittelversorgung, besonders jetzt, wo Kostial aufgibt. Einen Lebensmittelmarkt könnten wir in Zukunft durchaus noch gebrauchen. Kaufland ist angesichts seiner Größe sehr problematisch. Was den leer stehenden Baumarkt angeht, fehlen uns aber Vorschläge von Architekten und Vermarktern für das alte Baumarktgebäude, obwohl sie uns seit Monaten in Aussicht gestellt sind.

OP: Der Jubiläums-Hessentag hat der Stadt in kurzer Zeit einiges abverlangt. War der Hessentag das herausragende Ereignis Ihrer Amtszeit?
Vollmer: Das sicherlich nicht, aber er war für Stadtallendorf ein Ereignis, von dem die Stadt noch Jahrzehnte profitiert. Er war ein Glücksfall. Denken Sie an die Investitionen. Wir haben all das hervorragend hinbekommen. Bis heute reden die Menschen von einem guten Hessentag. Sehr viele haben gemerkt, dass Stadtallendorf sich von der grauen Maus zu einer attraktiven Stadt entwickelt hat. Ich bin zufrieden und stolz darauf, dass wir das mit Hilfe aller Bürger, der Politik und den Kollegen aus der Verwaltung geschafft haben.

OP: Ist das Wir-Gefühl erhalten geblieben?
Vollmer: Ja, in jedem Falle. Denken Sie nur an das Weindorf, das  jetzt als Teil des Heimat- und Soldatenfestes stattfindet und großen Zulauf hat. 

OP: Bedauern Sie es, dass Sie einige der zentralen Themen in Stadtallendorf nicht mehr selbst mitgestalten können?
Vollmer: Ja, ich wäre gern an den Prozessen der nächsten zwei bis drei Jahre beteiligt, weil ich denke, dass es einige spannende Entwicklungen geben wird. Aber meine Zeit ist um.

OP: Wie haben Sie Ihr Verhältnis zum Parlament gesehen, es lief ja wahrlich nicht immer reibungslos?
Vollmer: Bürgermeister und Stadtparlament haben ein unterschiedliches Rollenspiel. Ich habe meine Rolle angenommen, habe mich aber auch in der Position gesehen, Verantwortung zu übernehmen und zu führen.

OP: Der ein oder andere wirft Ihnen vor, gerne mal am Parlament vorbeiregiert zu haben.
Vollmer: Das sehe ich nicht so. Wenn ein Parlamentarier den Eindruck hatte, frage ich mich, warum er dem nicht entgegengewirkt hat. Verwaltung muss  die Freiheit haben, Dinge vorzubereiten. Ich habe die Gremien immer dann unterrichtet, wenn ich der Meinung war, dass die Zeit reif dafür war und die Verwaltung die nötigen Vorbereitungsarbeiten geleistet hatte.

OP: In den vergangenen Wochen ist der Eindruck entstanden, dass Ihr in der Vergangenheit gutes Verhältnis zur Stadtallendorfer CDU nicht mehr so von Glückseligkeit geprägt war. Täuscht das?
Vollmer: Den Eindruck teile ich nicht. Nach der Kommunalwahl habe ich mich ein wenig zurückgezogen, zumal die Partei sich neu sortieren musste und eine Bürgermeisterwahl bevor stand. Dem Prozess wollte ich nicht im Wege stehen.

OP: Es gab einigen Wirbel um die Verleihung der Ehrenbürgermeisterwürde an Sie. Richtet sich Ihre scharfe Kritik am Prozedere nicht auch gegen die eigene Partei?
Vollmer: Ich will dazu nur feststellen, dass alle Ausschuss-Mitglieder den Sachverhalt in einer öffentlichen Sitzung diskutiert haben, war sehr ungewöhnlich Nach einiger Überlegung und der öffentlichen Diskussion habe ich dann darum gebeten, davon Abstand zu nehmen.

OP: Politik wird von Personen gemacht. Welche bleiben Ihnen positiv in Erinnerung?
Vollmer: Bei der eigenen Partei sind es Namen wie Werner Waldhüter und Wolfgang Curdt. Das sind Persönlichkeiten, die Stadtallendorf mitgeprägt haben. Bei der SPD ist es Werner Hesse, dem ich meinen Respekt immer bezeugt habe, auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren. Bei der AGS war es Günter Ettel.

OP: Integration ist ein großes Thema für Stadtallendorf. Was ist aus Ihrer Sicht erreicht worden?
Vollmer: Es hat Fortschritte gegeben, aber es hätte mehr sein können, wie ich gerne zugebe. Zur Integration gehören zwei Seiten. Integrationsprobleme gab es vor allem bei den türkischstämmigen Mitbürgern und Spätaussiedlern. Wir haben in der Integration sehr viel getan, vom Jugendzentrum über das Programm Soziale Stadt bis zum Südstadt-Kiosk. Aber es gibt auch bei einer guten Infrastruktur Grenzen, die nur Menschen selbst überwinden können.

OP: Kommen wir zur persönlichen Bilanz. Wo lagen Ihre persönlichen Erfolge?
Vollmer: Bürgermeister müssen ihre Stadt voranbringen. Ich glaube, dass mir das gelungen ist. Das beginnt bei der Stadtentwicklung und geht über Gebühren und Beiträge, die sich kreisweit sehen lassen können. Wir haben gute Bestandspflege bei den Unternehmen gemacht. Es ist gelungen, die Bundeswehr zu erhalten. Das spielt bei meiner Bilanz eine große Rolle. Wir haben permanent zittern müssen und mussten bis zuletzt bangen. Das wir jetzt Divisionsstandort bleiben, ist schon eine Anerkennung für Stadtallendorf.

OP: Welche Termine haben Ihnen Spaß gemacht?
Vollmer: Die Gratulations- und die Vereinstermine. Ich habe viele Menschen kennengelernt und Erfahrungen gesammelt. Natürlich gab es auch Termine, bei denen Leid und Tränen im Vordergrund standen. Das habe ich mir nicht so vorgestellt. Für mich waren zahlreiche Gespräche  ein persönlicher Gewinn.

OP: Was hätten Sie gerne noch erreicht?
Vollmer: Ich hätte mir gewünscht, noch als Bürgermeister über die A 49 zu fahren. Sie ist für den Industriestandort unabdingbar nötig. Sie wäre auch für unser Gewerbegebiet Nordost sehr wichtig. Die Vermarktung läuft dort schleppend. Immer wieder kommt die Frage nach der Autobahn. Was wir auch brauchen, ist eine solidere Finanzausstattung, die nicht nur von der Gewerbesteuer-Entwicklung abhängt. Sorgen bereitet mir die Bevölkerungsentwicklung. Ich habe Zweifel, dass wir bevölkerungsmäßig wachsen. Wir müssen attraktiv bleiben, damit die Menschen sich an diese Stadt auch langfristig binden. Dazu braucht es auch zusätzliche moderne Arbeitsplätze, wie zum Beispiel im IT-Bereich.

OP: Was bekommt Ihr Nachfolger von Ihnen übergeben?
Vollmer: Er bekommt solide Finanzen, er bekommt eine gute Infrastruktur und Menschen, die sich hier wohlfühlen. Auf ihn kommen aber auch Herausforderungen zu. Zum Beispiel müssen Gebäude saniert werden. Er muss sehen, dass er die nötigen zusätzlichen Projekte wie Feuerwehr-Stützpunkt und  Hallenbad angeht, ohne dass die städtischen Finanzen in eine Schieflage geraten.

OP: Welchen Rat geben Sie ihm?
Vollmer: Es geziemt sich nicht, seinem Nachfolger öffentlich Ratschläge zu geben. Wenn er einen Rat haben möchte, kann er selbstverständlich auf mich zukommen.

OP: Was nehmen Sie sich persönlich vor, wohl kaum im Garten stehen und Rosen schneiden, oder?
Vollmer: Ich werde in dieser Stadt wohnen bleiben, falls Sie das meinen. Ich habe auch kein Eigentum in Bad Füssing. Bis 2016 habe ich ein Kreistagsmandant, das ich auch ausüben werde.

OP: Sie bleiben also politisch engagiert.
Vollmer: Im Kreis ja, in der Stadt nein. Ich möchte mich nicht mehr in die örtliche Politik einmischen. Im Stadtparlament wird man mich wohl nur bei der Entscheidung über das Hallenbad als Gast sehen. Die Entscheidung liegt mir sehr am Herzen. Ich kann nicht glauben, dass es eine andere Entscheidung als eine Sanierung geben kann. Alles andere bedeutet mehrere Millionen Euro Mehrausgaben ohne Zuschuss des Landes. Das kann sich Stadtallendorf aus Sicht des Kämmerers einfach nicht leisten.

von Michael Rinde