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„Wir brauchen sie, leider“

Kindertafel „Wir brauchen sie, leider“

Mittlerweile existiert die Stadtallendorfer Kindertafel fast fünf Jahre. Ihre Existenz ist wichtiger denn je. Immer mehr Kinder kommen jeden Freitag, um Lebensmittelpakete zu erhalten.

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Hans-Jürgen Schneider, Waltraud Dorn und Christian Somogyi packen die Lebensmitteltasche für einen Jungen. Foto: Rinde

Stadtallendorf. Ein Schälchen Erdbeeren liegt auf dem Körbchen gleich neben der Milchtüte und dem Brot. Mutter und Tochter packen ihre kleinen „Schätze“, frische Lebensmittel“, in die mitgebrachten Tüten. Christiane Schwarz von der Kindertafel reicht ihnen die Sachen an. Sie sagen „Dankeschön“, winken noch mal kurz in die Runde der „Tafel“-Helfer und gehen.

Am Freitag nächster Woche kommen sie ziemlich sicher wieder. Beide Kinder der Familie gehören zu den regelmäßigen Besuchern der Kindertafel. Seit fast fünf Jahren existiert diese Einrichtung, sie gehört zur Marburger Tafel.

„Wir brauchen sie, leider“, unterstreicht Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi. Gestern übernahm er die Schirmherrschaft, die bis dato sein Amtsvorgänger Manfred Vollmer innehatte. Somogyi will sein Amt nutzen, um bei vielen geeigneten Anlässen für diese wichtige Institution zu werben. Er will auf breiter Basis Unterstützung anbieten - auch mit Sachspenden, wenn sie gebraucht werden.

Die Stadtallendorfer Kindertafel, einst die erste ihrer Art in Hessen, wird in der Stadt unbedingt gebraucht. Zum ersten Ausgabetermin kamen seinerzeit 37 Kinder, schon ein Jahr später waren es 70, mittlerweile sind es 100, die durchschnittlich in den kleinen, bunt geschmückten Laden in der Stadtmitte kommen. Registriert sind aktuell 200 Kinder aus Stadtallendorf. „Sie kommen aber nicht alle ständig zu uns“, sagt Waltraud Dorn, die Ansprechpartnerin der Kindertafel.

Nach wie vor prüft die Kindertafel, ob die Kinder wirklich bedürftig sind. Kinder, die mehrere Male nicht zu einem Ausgabetermin kommen, werden stets zunächst aus der Liste gestrichen.

Zwei Drittel der Kinder haben einen Migrationshintergrund, stammen aus der Türkei oder haben ihre Wurzeln in Russland. Seinerzeit entstand die Kindertafel angesichts alarmierender Beobachtungen an Stadtallendorfer Schulen. Lehrer und Schulleiter registrierten immer mehr Kinder, die hungrig und mit schlechter Kleidung in den Unterricht kamen.

Enger Kontakt mit den Schulen

Der Kontakt zwischen Kindertafel und allen Stadtallendorfer Schulen ist nach wie vor eng und offen. Angesichts der Informationen aus den Schulen gehen Waltraud Dorn und auch Rita Vaupel, Vorsitzende der Marburger Tafel, davon aus, dass die Zahl der Bedürftigen deutlich höher ist als die Zahl der tatsächlich angemeldeten Kinder.

Offenbar ist die Dunkelziffer bei den deutschen Kindern besonders hoch. „Doch es existiert offenbar bei vielen deutschen Kindern eine Schamgrenze. Ich fände es gut, wenn auch diese Kinder Wege zu uns fänden“, sagt Vaupel.

Es gibt aber auch eine positive Erkenntnis: Die Kinder, die mit oder ohne Eltern kommen, haben nur in Ausnahmefällen Scheu oder Scham. Bei Gründung der Kindertafel war das anders.

Aber auch die Kindertafel ist weiterhin auf Hilfe und Unterstützung angewiesen, um ihre Arbeit leisten zu können. Wie bei anderen sozialen Institutionen registriert auch die Marburger Tafel einen kontinuierlichen Spendenrückgang. Bürgermeister Somogyi will die Kindertafel vor diesem Hintergrund auch beim Ausbau des Sponsorings unterstützen. Tatkräftige Hilfe verspricht auch der Stadtallendorfer Unternehmer Hans-Jürgen Schneider, er will bei Unternehmen und Vereinen für Sponsorenschaften werben.

Mit Sponsoring hat die Kindertafel bereits gute Erfahrungen. Einige Ärzte und Zahnärzte übernehmen seit drei Jahren zusammen die Hälfe der Mietkosten. Diese Vereinbarung läuft noch bis Oktober. Gibt es keine neue Regelung steigen die finanziellen Belastungen für die Kindertafel erheblich.

von Michael Rinde

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