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Wiegand will Vulkan- statt Windenergie

Bürgermeisterwahl Wiegand will Vulkan- statt Windenergie

Rainer Wiegand plant ein illegales Spielcasino und eine Seilbahn, er möchte aber auch, dass der Bürgerbus täglich fährt - er ist ein Kandidat, der zwischen Absurdität und Realität hin- und herpendelt.

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Rainer Wiegand – mit Merkel-Raute und betont ernstem Blick – will im Wahlkampf besonders eines: provozieren.

Quelle: Florian Lerchbacher

Amöneburg. Die APPD und Amöneburg - das ist eine eigene Geschichte: Vor einigen Jahren dachte die Partei in ihren Wahlprogrammen darüber nach, einen Flughafen zu bauen und dafür den Berg zu sprengen. Etwas später wollte sie das Amöneburger Becken fluten, um dort eine Robben-Aufzucht­station einzurichten. Aus beiden Plänen wurde natürlich nichts. Und so plant sie nun, die Macht zu übernehmen - daher schickt sie Rainer Wiegand, besser bekannt als „Der Hessenhenker“, ins Rennen um das Amt des Bürgermeisters.

Und erneut finden sich im Wahlprogramm skurrile Ideen wieder: Mit Bezug auf die geologische Geschichte der Stadt will er die „Vulkanwerke Amöneburg“ gründen - und stattdessen auf weitere Windräder auf der Mardorfer Kuppe verzichten. „In Marburg war ich dafür, Windräder auf dem Marktplatz und am Schloss aufzustellen“, erinnert er an seine vergeblichen Bemühungen, in der größten Stadt des Landkreises Oberbürgermeister zu werden. „In Mardorf bin ich dagegen, weil Industrieanlagen in einem Wald nichts zu suchen haben.“ Die bereits existierenden Windräder will er jedoch akzeptieren: „Ich kann sie ja nicht mit dem Bulldozer umfahren.“

Der 59-Jährige schafft es immer wieder, absurde Gedanken mit einer Prise Realität zu garnieren. So möchte er ein „illegales Spielcasino“ nach Amöneburg holen - mit dem Hintergedanken, die Kindergartenbeiträge abzuschaffen. Das Gleiche plant er für die Anliegergebühren, wobei er bereits gezahlte Beiträge sogar schrittweise zurückzahlen will.

Weihnachtsgeschenk an den Erzbischof

Gleichzeitig wirbt er damit, dass die „Spielbanktouristen“ Kaufkraft in die Stadt bringen würden. Doch warum soll das Casino unbedingt illegal sein? „Das ist eine Falle. Ich möchte, dass mich die Menschen auf diesen Punkt ansprechen“, erklärt er und ergänzt: „Ich möchte Probleme auf friedlich-anarchistische Weise lösen. Und in der Anarchie kann man einfach in alle Richtungen denken.“

Nun, nicht immer lassen sich für Normalsterbliche die Gedankengänge des Marburger Künstlers so einfach nachvollziehen. Als er seine Wahlunterlagen abgegeben hatte, sprach er beispielsweise davon, dass diese sein Weihnachtsgeschenk an den Erzbischof seien.

Damals verwies er auf dessen Aussage, auch einen muslimischen Bundespräsidenten akzeptieren zu können und fragte, ob dann auch ein Jude als Bürgermeister seiner Heimatstadt in Ordnung wäre? „Klar will ich provozieren“, gibt Wiegand im Gespräch mit dieser Zeitung zu. Und dazu nutze er eben auch seine Konfession - und „selbstverständlich“ sei er Jude, erklärt er auf Nachfrage (im Oberbürgermeisterwahlkampf hatte er sich noch über seine „buddhistische Gelassenheit“ gefreut).

Wiegand sieht seinen Bauch als Alleinstellungsmerkmal

Noch dazu will er, dass die Menschen über seine Wahlplakate diskutieren und versuchen, sie zu interpretieren. Ein provokanter Slogan lautet: „Ein Jude als Bergführer“. Soll das eine Anspielung auf das traurigste Kapitel der deutschen Geschichte sein? Ein Bürgermeister als Führer auf dem Amöneburger Berg? Nein, sagt Wiegand. Auf keinen Fall: „Ich bin schon sieben Mal auf den Berg hinaufgelaufen. Ich weiß also, wie man dort hochkommt.“

Insofern sei er als Bergführer geeignet, betont er und lässt eine Anspielung auf Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies und dessen „3000-Schritte“-Aktion folgen: „Der wandert ja auch.“ Noch dazu würde ihm selber ein bisschen Wandern auch guttun, resümiert Wiegand und streichelt sich über den Bauch - den er als „sein Alleinstellungsmerkmal“ gegenüber den beiden anderen, weitaus sportlicheren Kandidaten im Rennen um das Amt des Bürgermeisters bezeichnet.

Aufgabe der Wirtschaft auf Freiwillige umgeladen

Letztendlich schafft es Wiegand, aber auch bei diesem Thema irgendwie in die Realität zurückzukehren: Die meiste Zeit der Woche könne er die Bergspitze ja nur zu Fuß erreichen - der Bürgerbus fahre schließlich nur montags, moniert er und plädiert für tägliche Fahrzeiten.

Allerdings unter veränderten Voraussetzungen: „Mal wieder wurde eine Aufgabe der Wirtschaft auf Freiwillige umgeladen. Irgendwann gibt es dann auch noch die Bürgerwerkstatt, in der Menschen ehrenamtlich die Sachen anderer reparieren.“ Mit ihm werde das nicht der Fall sein: „Die Leute müssen für ihre Arbeit bezahlt werden.“ Entsprechend sehe sein Konzept vor, die bisher ehrenamtlichen Fahrer des Bürgerbusses künftig zu entlohnen.

Wiegand hat übrigens noch ein weiteres Großprojekt im Köcher: „Um die Spielcasino-Kunden angemessen auf den Berg zu bringen, muss eine Seilbahn her, wie sie für Marburg geplant war.“ Ein teures Gutachten sei nicht notwendig: Die Amöneburger sollten einfach auf die Ausarbeitungen für Marburg ­zurückgreifen. Und falls die Gäste dann doch wegblieben oder sich der Betrieb der Anlage nach ihrem Bau als zu teuer erweise, habe er auch eine Lösung parat: „Dann können die Amöneburger immer noch ihre Wäsche daran aufhängen. Die teuerste Wäscheleine Deutschlands.“

von Florian Lerchbacher

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