Volltextsuche über das Angebot:

27 ° / 8 ° heiter

Navigation:
Das Wunder von Kirchhain

Wie Bürger ein Hallenbad retteten Das Wunder von Kirchhain

Seit zehn Jahren befindet sich das Kirchhainer Hallenbad Phönix in der Trägerschaft der Bäderbetriebsgesellschaft. Das wird am Samstag, 4. November, mit einem Tag der offenen Tür gefeiert.

Voriger Artikel
Mattia Pau zeigt coole Moves
Nächster Artikel
Samstag profitiert von Wetterprognose

Peter Bittner zeigt die jüngste Errungenschaft: Der Brennwertkessel hat im Gegensatz zum vorherigen Ofen die nötige Leistung und verbraucht deutlich weniger Gas – auch dank des Nachbrenners.

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Im Vorfeld des kleinen Jubiläums traf sich die OP mit Peter Bittner, dem Geschäftsführer der von Bürgern gegründeten Betriebsgesellschaft. Es entwickelte sich anfangs ein Gespräch mit Hindernissen, denn einer Schulklasse der AWS hatte es nach dem Schwimmunterricht gefallen, einen Wasserhahn aufzudrehen, einen Abfluss zu verstopfen und so das Foyer unter Wasser zu setzen. Helfende Hände rückten der Überschwemmung mit lautstarker Technik zu Leibe.

Die Unterhaltung musste in die hinteren Katakomben verlegt werden und fand passenderweise unter dem riesigen Putzplan zwischen Eimern, ­Feudeln, Material und Arbeitskleidung statt. Schon dieser Ort zeigt auf, dass das Hallenbad untereinem großen Platzproblem leidet. Davon später mehr.

"Ein halbes Jahr lang war das Bad zu"

Peter Bittner erzählt von den Anfängen, als das Bad ob konstruktiver Mängel und eines stetig wachsenden Zuschussbedarfs geschlossen werden sollte. „Ein halbes Jahr lang war das Bad zu. Dann haben Bürger gesagt: Die Stadt braucht ein Hallenbad. Otto Roth und Friedrich Wilhelm Römer haben die ganze Karre angeschoben“, erinnerte Peter Bittner an die Gründungszeit. Die „Karre“ hat seitdem höchst erfolgreich gearbeitet und dies auf zwei Ebenen. Die Technik wurde weitestgehend auf den aktuellen Stand gebracht und die jährlichen Besucherzahlen in unvorstellbare Höhen getrieben.

"Wir haben uns um die Kunden gekümmert"

Als die Stadt noch das Hallenbad betrieb, zu dem noch eine Sauna gehört, kamen jährlich rund 30000 Besucher. Heute werden jährlich 100000 Badegäste gezählt. Wie schafft man einen so großen Zuwachs? Peter Bittner nannte ein ganz einfaches Rezept: „Wir haben uns um die Kunden gekümmert.“

Viele kleine Bausteine gehören zu dem Rezept, das letztlich nichts anderes bewirkt, als die Verfügbarkeit des Bades für die Bürger deutlich zu vergrößern. Die wurden nach dem Motto „Versuch macht klug“ einfach ausprobiert. In einem ersten Schritt wurde die Öffnungszeit von 8 auf 7 Uhr vorverlegt. Das Ergebnis: Seit dem stehen jeden Morgen mit Ausnahme der Wochenenden um 6.50 Uhr 10 bis 15 dankbare Frühschwimmer vor der Tür.

Badegäste zur Mittagszeit

Der zweite Schritt: Das Hallenbad bleibt während des Schulschwimmens nicht mehr für die Öffentlichkeit geschlossen. Je nach Andrang sperrt das Badeteam zwei oder drei Bahnen für den Schwimmunterricht ab. Peter Bittner skizziert eine erfreuliche Folge: „Wir haben in der Mittagszeit jetzt 50 bis 60 Badegäste zusätzlich, die wir vorher nicht erreichten.“ Ein weiterer Kniff half, den Besucherzuspruch zu steigern. Die wöchentliche Grundreinigung des Kirchhainer Hallenbades findet durch das komplette Reinigungsteam in den Nachtstunden statt: Zwischen 21 und 1 Uhr, außerhalb der Öffnungszeit. Üblicherweise werden Hallenbäder während der Generalreinigung für einen halben Tag geschlossen.

Kurse haben Kapazitätsgrenze erreicht

Einen entscheidenden Beitrag für den großen Zuspruch weist Peter Bittner dem Schul- und dem Vereinsschwimmen zu. Hinzu kommen zahlreiche Kurse. Allein das Phönix-Team bietet zwölf Kurse an. „Damit sind wir an der Kapazitätsgrenze. Für das Babyschwimmen haben wir eine Warteliste über einige Wochen, auf einen Platz im Kinderschwimmkurs muss derzeit leider 15 Monate gewartet werden“, stellte der ehrenamtliche Geschäftsführer, der eine geringe Aufwandsentschädigung bezieht, bedauernd fest.

Wöchentlich dutzende Kurstermine

Allein der Verein Burki bietet wöchentlich 27 Kurstermine an. Dazu kommen DLRG, DRK, TSV Kirchhain und die Triathleten.

Nach den Feststellungen des Phönix-Teams reicht das Einzugsgebiet des Hallenbades von Gemünden bis in den Ebsdorfer Grund und von Rosenthal bis nach Kirtorf. Um den Besuchern ein unbeschwertes Schwimmvergnügen zu gewährleisten, wurden unter der neuen Trägerschaft bislang stolze 900000 Euro in das Bad investiert. Wo anfangen, wo aufhören? Das war für den berufsfremden Peter Bittner anfangs eine höchst schwierige Frage. Der Fernsehtechniker mit dem Schwerpunkt Satellitentechnik hat zwar im Berufsleben mit Leitungen zu tun gehabt, aber nicht mit den gewaltigen Rohren und Aggregaten, die die Unterwelt des Phönix nahezu bis in den letzten Winkel ausfüllte.

Reparaturen vom Keller bis zum Dach

Mithilfe von Fachleuten fuchste er sich in die komplizierte Materie ein, ließ zwei Lkw-Ladungen voll mit nie genutztem Rohrsystem und Aggregaten entsorgen und schaffte Platz im Keller. Danach wurden Schritt für Schritt alle Schäden behoben - vom Keller bis zum Dach, das eine Zeit lang als ­einsturzgefährdet galt. Diese Maßnahmen erfolgten stets nach der Bittner‘schen Prämisse „Sicherheit, Funktion und Sauberkeit haben oberste Priorität. Schönheit ist zweitrangig.“

Heute steht das Bad gut da. Für das Publikum unsichtbar sorgt ein neuer Brennwertkessel im Keller für konstante Wohlfühltemperatur. Dank eines Nachbrenners tut der Kessel dies besonders ökonomisch. Die Abgastemperatur beträgt nur 50 Grad. Da reicht ein Kunststoffrohr als Schornstein.

Kabinen sind für Rollstuhlfahrer tauglich

Neu sind zudem die Umkleidekabinen. Für Frauen wie Männer gibt es jetzt für Rollstuhlfahrer taugliche Kabinen mit eigenen Spinden. Die bieten entsprechend viel Platz und können auch für Väter und Mütter mit Kindern genutzt werden.

Weitere Investitionenmüssen folgen

Ist damit alles erledigt, wie zuletzt im Stadtparlament gemutmaßt wurde? Peter Bittner sieht noch vier große Projekte, die zu verwirklichen sind. Er nennt zuerst den Platzbedarf. Die Sammelumkleiden reichen für das Schulschwimmen bei weitem nicht aus. Das Material für die vielen Kurse wird überall gelagert. Selbst der Sanitätsraum wird dafür genutzt. Die Krankenpritsche steht zwischen Schwimmbrettern und den Treibbojen, die Aquajogger in der Senkrechten halten. Peter Bittner hält einen Anbau an der Rückseite des Gebäudes für notwendig.

Energiesparfenster in der Schwimmhalle

Die Schwimmhalle glänzt jetzt mit Energiesparfenstern, hat aber mit der Betonfassade noch erhebliche Kältebrücken. Peter Bittner hofft auf eine energetische Ertüchtigung der Betonteile mithilfe der Stadt.

Und dann gibt es im Keller zwei tickende Zeitbomben, die den Geschäftsführer umtreiben. Die gewaltigen Wasserfilter stammen noch aus der Erstausstattung des Bades. Sie weisen teilweise an der Außenseite Rostschäden auf. Ersatzteile: Fehlanzeige. Ein Filter wurde, wie Peter Bittner es nennt, „auf russisch repariert“. Will heißen: In den Deckel wurde ein Loch gebohrt, in das Loch ein Gewinde geschnitten. Eine Schraube schloss das Loch und wurde überklebt. Dicht.

Angebot für neue Entlüftungsanlage

Noch ein ganz anderes Kaliber ist die riesige Be- und Entlüftungsanlage. Wie lange das 42 Jahre alte Teil noch seinen Dienst versieht ist nicht absehbar. Peter Bittner hat sich vorsichtshalber schon mal Angebote für eine neue Anlage eingeholt. „Das ist Post, die man am besten im Sitzen liest“, stellte der Geschäftsführer lakonisch fest. Noch sei das Bad für weitere zwei Jahre in der Förderung durch das Land Hessen. Er hoffe, dass bis dahin die großen Baustellen abgearbeitet sind, sagte der Geschäftsführer, dem Klaus Damm für den kaufmännischen Bereich zur Seite steht.

Diese Probleme werden beim Tag der offenen Tür am Samstag, 4. November, ab 13 Uhr keine Rolle spielen. Bei freiem Eintritt gibt es Aquajogging, Wasserspiele für die Kinder und Führungen durch die Schwimmbad-Technik.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr