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Wegen 20 Euro für viereinhalb Monate ins Gefängnis

Schwarzfahrer Wegen 20 Euro für viereinhalb Monate ins Gefängnis

Wenn ein Schwarzfahrer zu seinem Prozess in Begleitung eines der renommiertesten Strafverteidiger der Region erscheint, dann muss für ihn außerordentlich viel auf dem Spiel stehen.

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Wer hier ohne gültige Fahrkarte einsteigt, macht sich der „Leistungserschleichung“ schuldig. Das kann im Wiederholungsfall schlimme Folgen haben. Foto: Matthias Mayer

Quelle: Matthias Mayer

Stadtallendorf. Wer sich vor dem Amtsgericht Kirchhain wegen Leistungserschleichung verantworten muss, verteidigt sich üblicherweise selbst, da die zu erwartende Geldstrafe im Normalfall unter dem Honorarsatz eines Wahlverteidigers liegt. Im Fall eines Schwarzfahrers aus dem Landkreis ging es um eine Schadensumme von 20 Euro. Und dennoch hatte sich der Angestellte die Dienste von Rechtsanwalt Sascha Marks gesichert.

Was war geschehen? Am 16.12 2011 war der Angeklagte mit dem Zug unterwegs zu einem Vorstellungsgespräch. Auf einem Umsteigebahnhof verpasste er den Nahverkehrszug. Stattdessen bestieg er einen IC-Fernverkehrszug, den er mir seiner Fahrkarte nicht hätte benutzen können. Seine Barschaft von 15 Euro reichte nicht, um das 20 Euro teure Nachlöse-Ticket zu bezahlen. Das wurde um 9.54 Uhr durch einen Zugbegleiter aktenkundig. „Das ist so gewesen“, sagte der Angeklagte knapp. Eine Antwort auf die Frage von Amtsgerichtsdirektor Edgar Krug, wie er denn mit so wenig Geld in der Tasche die Rückfahrt habe bezahlen wollen, blieb der Angeklagte schuldig. Auch im Zug erfolgte keine Anzahlung auf den offenen Betrag. „Zahlung null, da komme ich nicht raus. Die Null steht“, bekannte Sascha Marks für seinen Mandanten zerknirscht zum Abschluss der kurzen Beweisaufnahme.

Dann lenkte Edgar Krug den Blick auf das strafrechtlich-relevante Vorleben des Angeklagten und hob an, die 13 Einträge aus dem Bundeszentralregister vorzutragen. „Ich verzichte auf die Verlesung“, fuhr der Rechtsanwalt hastig dazwischen. Er kennt die Vorbelastungen zu Genüge; schließlich betreut er diesen Mandanten seit Jahren. So beschränkte sich der Vorsitzende Richter nur auf das Wesentliche: Bei elf Verurteilungen wurde der Angeklagte siebenmal wegen seiner Schwarzfahrten bestraft; vier Verurteilungen ahndeten Fälle von Betrug und Urkundenfälschung. Dreimal wurde der Schwarzfahrer zu Freiheitsstrafen ohne Bewährung verurteilt. Insgesamt 17 Monate Strafhaft waren zu verbüßen, verteilt auf Freiheitsstrafen von sieben, sechs und vier Monaten. Die Tat vom 16. Dezember 2011 ereignete sich fünf Monate nach einer vorzeitigen Haftentlassung; 72 Hafttage wurden zur Bewährung ausgesetzt.

„Warum werden Sie nur fünf Monate nach Ihrer Entlassung rückfällig?“ Der höflich und zurückhaltend auftretende Angeklagte fand auf diese Frage des Richters keine Antwort. Auch die Struktur der Taten gaben dem Richter Rätsel auf. Der Angeklagte sei auch in seinen wirtschaftlich guten Zeiten schwarz gefahren - ohne jede Not.

Ein Verhalten, dass auch dem Verteidiger Rätsel aufgab. Sascha Marks betrieb vage Ursachenforschung. Die Schwarzfahrerei könne eine Art Suchtverlagerung seines früher spielsüchtigen Mandanten sein. Vielleicht brauche er diesen Kick. Vehement warb er dafür, seinen Mandanten zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Geldauflage in Höhe von 350 Euro zu verurteilen. „Er ist kein Knacki, er hat Arbeit und ist keine Gefahr für die Gesellschaft. Er gehört nicht in die Strafhaft.“

Edgar Krug folgte dennoch dem Antrag der Anklagevertreterin und verurteilte den Mann zu einer zweimonatigen Freiheitsstrafe ohne Bewährung. „Ich tue das ungern, aber die Voraussetzung für die Wohltat einer Bewährungen sind nicht gegeben“, sagte er. Wer sich selbst durch die Strafhaft mit Schwerkriminellen im Regelvollzug nicht beeindrucken lasse, wecke nicht die Erwartung, künftig ein straffreies Leben zu führen. Da die 72 nicht verbüßten Hafttage hinzukommen, verschwindet der Schwarzfahrer viereinhalb Monate hinter Gittern.

Marks‘ Rat an den Verurteilten: „Nutzen Sie nur noch Ihr Auto. Setzen Sie sich nicht mehr der Gefahr einer Zugfahrt aus.“

von Matthias Mayer

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