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Ostkreis Alte Bunker liegen wieder frei
Landkreis Ostkreis Alte Bunker liegen wieder frei
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00:18 16.08.2018
Nach den Rodungsarbeiten sind auch die Umrisse der früheren Baracken für die Werkfeuerwehr und der Flak-Bedienungen aus der Luft wieder sichtbar. Quelle: Thomas Breme
Stadtallendorf

Auf den Dächern wächst Gras. Einige der Gebäude lassen auch durch ihre Form erkennen, dass sie ­besonderem Zwecke dienten, vor allem dem Abfüllen von Munition ganz unterschiedlicher Art.

Aus der Luft wird etwas sichtbar, was am Boden kaum zu erkennen wäre: das frühere Lager für die Werkfeuerwehr und die Mannschaften der Flugabwehr. Mitten zwischen den Fundamenten der Baracken scheint der Überrest der Bodenplatte des Küchengebäudes heraus. Dass sich das Lager an genau dieser Stelle im Herrenwald befand, war auch für Experte Jürgen Wolff vom Heimat- und Geschichtsverein ­eine Überraschung. „Wir hatten es an einer anderen Stelle vermutet“, sagt Wolff.

So haben die im Frühjahr vorgenommenen Rodungsarbeiten an dieser Stelle schon Klarheit in einer offenen Frage gebracht. Seitdem ist das ganze Ausmaß der sogenannten Füllgruppe II des Wasag-Werkes erkennbar geworden. Der Stadtallendorfer Heimat- und Geschichtsverein nutzte – gemeinsam mit der OP und der Bundeswehr als Hausherrn des gesamten Geländes – eine besondere Gelegenheit dazu, Luftaufnahmen von den alten Gebäuden und ihrer direkten Umgebung zu machen. Mehrfach überflog eine Drohne die ­unterschiedlichen Geländeabschnitte und machte Übersichts- und Nahaufnahmen.

 
Lange werden solche Überflüge nicht mehr möglich sein. Denn: Auch die Füllgruppe II wird saniert. Und wie bei der ersten Füllgruppe in direkter Nachbarschaft zur Scharnhorststraße verschwinden die alten, sehr massiven Betongebäude vollständig. Das gilt auch dort, wo nicht die Trasse der Autobahn 49 verläuft.

Ein Grund mehr für den Heimat- und Geschichtsverein, diesen Teil der Allendorfer Geschichte für die Nachwelt zu dokumentieren. „Für uns ist das ein weiteres Puzzleteil der Geschichte unserer Stadt, das es zu erhalten gilt“, begründet Herbert Köller das Engagement des Vereins.

Da jetzt eine Machbarkeitsstudie für eine Erweiterung des Stadtallendorfer Dokumentations- und Informationszentrums und Stadtmuseums in Auftrag gegeben werden soll, gäbe es in der Zukunft die Möglichkeit, auch die Geschichte des „Werkes Herrenwald“, so die frühere Bezeichnung, zu zeigen. Finanziert wird jene Studie für das Stadtmuseum aus dem Leader-Programm der Region Marburger Land. Die Gebäude, in denen tatsächlich Munition – Granaten und Bomben vor allem – mit flüssigem Sprengstoff gefüllt wurden, sind allerdings größtenteils nicht mehr zu sehen. Gemeint sind die Schmelz-, Misch- und Gießhäuser. Ihre Reste liegen teilweise metertief unter Erde und Steinen. Sie wurden gesprengt, ihre Überreste zugeschüttet. Nur ein Experte kann ihre Lage anhand der Luftbilder genau erkennen. Auf der linken Seite des Fotos oben auf dieser Seite sind Umrisse zu erahnen.

Sanierung beginnt im Laufe des Herbstes

Wie schon bei der Füllgruppe-I-Sanierung sollen die früheren Produktionsgebäude freigelegt und abgetragen, belastetes Erdreich und anderes umweltgefährdendes Material wie Teer entsorgt werden. All das wird in enger Zusammenarbeit mit dem Kampfmittelräumdienst geschehen. Denn schließlich kann trotz aller Erkundungen niemand ausschließen, dass sich nicht doch Munitionsreste irgendwo in der Erde finden.

Wer durch ein früheres „Delaboriergebäude“ geht erkennt im Boden noch Fundamente von Maschinen oder großen Kesselanlagen. An einem Teil der Bunker sind noch die alten Aufschriften erhalten, samt der Gebäudenummern.

Die gesamte Füllgruppe II liegt im militärischen Sperrgebiet. Die teils schon etwas in die Jahre gekommenen Schilder künden davon: Betreten ohne Genehmigung ist verboten.
Doch was soll nun werden? Die Sanierung der Füllgruppe II ist ein Gemeinschaftsprojekt. Auf der einen Seite steht der Landesbetrieb Bau und Immobilien in Hessen, der für den Bund schon die Füllgruppe I sanierte. Auf der anderen Seite steht Deges, ein bundeseigenes Unternehmen, verantwortlich für das Verfahren rund um den Weiterbau der A 49.
Deren Trasse verläuft unmittelbar am früheren Mobilmachungsstützpunkt. Die Trasse trifft dabei auf Gebäude der Füllgruppe, vor allem frühere Lagereinrichtungen. All das verschwindet zuerst und auch komplett.  

„Wir beginnen mit den Arbeiten im Laufe des Herbstes“, sagt Oberstleutnant Marc Bögehold vom Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr. Bis dahin – so das erklärte Ziel – soll nun auch die Sanierung der Füllgruppe I abgeschlossen sein. Rund acht Millionen Euro soll auch die Sanierung der Füllgruppe II am Ende kosten.
Die Arbeiten bei der ersten Gruppe, ohnehin als Pilotprojekt geplant, dienten bei der Kalkulation als eine Art Blaupause.  Insgesamt will der Bund in den nächsten Jahren eine Summe von 38 Millionen Euro aufbringen, um das Wasag-Gelände auf seinen Flächen zu sanieren.

von Michael Rinde

Das Wasag-Werk und seine Füllgruppen

Die Abkürzung „Wasag“ steht für Westfälisch-Anhaltische-Sprengstoffwerke AG. Mir dem Bau des „Werkes Herrenwald“ begann das Unternehmen 1939. Im Folgejahr nahmen die ersten Munitions-Produktionsstätten ihre Arbeit auf. Nach nicht abschließend belegten Angaben der Wasag wurden im Werk Herrenwald bis zu seiner Stilllegung im März 1945 schließlich rund 100 000 Tonnen Munition produziert: Minen, Bomben, Torpedoköpfe und ab 1944 auch Sprengköpfe für die Ferngeschosse „V1“ und „V2“. Diese Angaben entstammen aus dem Buch „Die Allendorfer Sprengstoffwerke DAG und WASAG“ von Jürgen Wolf. Kern des Werkes waren die vier sogenannten Füllgruppen. Nur die Füllgruppen I und II wurden komplett fertiggestellt und hatten ihre volle Kapazität. Sie produzierten monatlich bis zu 1 000 Tonnen Munition. In den Schmelz-, Misch- und Gießhäusern, die nach Kriegsende unter alliierter Aufsicht gesprengt wurden, geschah die eigentliche Abfüllung der unterschiedlichen Munitionsarten. Da die Wasag vor allem für die Kriegsmarine produzierte, mussten spezielle Unterwassersprengstoffe eingesetzt werden, vor allem Hexanitrodiphenylamin, kurz Hexa. Ein giftiger Sprengstoff. In flüssiger Form wurden er und die übrigen Komponenten in Hülsen oder Minen gegossen. Für die Qualität des Sprengstoffes war es dabei wichtig, dass sich keine Luftbläschen bildeten. Daher musste das flüssige Sprengstoffgemisch bis zur Abkühlung immer wieder gerührt werden. In seiner Urform ist Hexa ein gelbes Pulver. Der Sprengstoff wurde in zwei Anlagen im Werk selbst produziert. Die beiden Füllgruppen IV, später auch III, dienten vor allem der sogenannten Delaborierung, der Rückgewinnung von Sprengstoff, beispielsweise aus fehlproduzierter Munition. Im September 1944 flogen in der Gruppe III zwei Gießgebäude in die Luft, der schwerste Unfall im Werk, bei dem zwölf Menschen starben und mehrere verletzt wurden.