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Ostkreis "Was haben die geraucht?"
Landkreis Ostkreis "Was haben die geraucht?"
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19:06 03.06.2012
Ein Unternehmen möchte im Obergeschoss des Großseelheimer Bürgerhauses einen Supermarkt einrichten. Ein Haken: Vor dem Haus gibt es nur einen Auto-Stellplatz. Foto: Matthias Mayer
Großseelheim

Die Finanznot der chronisch unterfinanzierten hessischen Städte und Gemeinden macht erfinderisch und dieser Erfindungsreichtum kann zu spektakulären Ergebnissen führen: Die Stadt Kirchhain hat ein neues Nutzungskonzept für das Großseelheimer Bürgerhaus erarbeiten lassen, das die Ver­mietung des 508 Quadratmeter großen Obergeschosses inklusive Bürgersaal an einen Supermarktbetreiber vorsieht. Dieses Konzept will der Magistrat, so versichert Bürgermeister Jochen Kirchner, ergebnisoffen diskutieren lassen.

Vorteil für die Stadt: Das Bürgerhaus würde von seinem jetzigen Zuschussbedarf von 33 000 Euro in die Gewinnzone rutschen. Nachteil für den 2 000 Einwohner zählenden Ort: Die Nutzungsfläche schrumpft auf 370 Quadratmeter, der größte verbleibende Raum hat nur rund 100 Quadratmeter. Während einer öffentlichen und hoch emotionalen Ortsbeiratssitzung stieß dieser Vorstoß am Donnerstagabend bei Bürgern auf schroffe, bei den Ortsbeiräten auf entschiedene Ablehnung. Der Ortsbeirat kündigte an, zeitnah ein Alternativkonzept zur Minimierung der Bürgerhaus-Kosten zu erarbeiten.

„Komm rein, Charly, ein paar Stehplätze haben wir noch.“ Diese Worte einer Ortsbeirätin galten Dr. Charly Firsching, der am Donnerstagabend als Bürger an der Großseelheimer Ortsbeiratssitzung teilnehmen wollte. Der Erfinder des Großseelheimer Adventsmarkts war nicht allein auf diese Idee gekommen. 40 Bürgerinnen und Bürger quetschten sich zu den Ortsbeiräten ins Sitzungszimmer, um die Vorstellungen der Stadt Kirchhain zur künftigen Nutzung ihres Bürgerhauses zu hören.

Und die hatten es in sich. Drei Mitarbeiter der Kirchhainer Bauverwaltung legten ein im Auftrag des Magistrats entwickeltes Konzept vor, in dessen Mittelpunkt die Rewe-Tochter Nahkauf steht, die im 508 Quadratmeter großem Obergeschoss des Bürgerhauses einen Supermarkt betreiben möchte. Im Gegenzug für den Verlust des großen Saales sieht das Konzept einer Optimierung der derzeit nur unzureichend ausgelasteten Räume im Untergeschoss vor. Dort stehen inklusive Kegelbahn und Nebenräumen 370 Quadratmeter zur Verfügung. Bei einer Jahresmiete von 28000 Euro für den Markt würde die Stadt mit dem 1969 erbauten Gebäude Gewinne erwirtschaften.

Die Reaktionen der Bürger auf diesen Vorschlag fielen deftig aus. „Dachschaden“ knurrte einer und ein weiterer fragte: „Was haben die geraucht“.

Ortsvorsteher Helmut Hofmann nahm die so Gescholtenen in Schutz: „Die Mitarbeiter der Stadt machen nur ihre Arbeit, sagte er und äußerte zugleich großes Verständnis für die Einsparbemühungen der Stadt, denen sich der Ortsbeirat nicht verschließen dürfe. Die Sparzwänge dürften aber nicht die in Jahrzehnten aufgebaute Infrastruktur Großseelheims gefährden.

Einmütig einigten sich Bürger und Ortsbeiräte auf eine Direktive: Das Obergeschoss mit dem großen Saal soll für die Dorfgemeinschaft erhalten bleiben. Begründet wurde dies mit dem Bedarf am großem Saal und dem fehlenden Bedarf am Supermarkt, der nur 150 Meter neben einem Edekamarkt, und in unmittelbarer Nähe zu Bäckerei und Metzgerei entstehen soll. Zudem wurde der Standort wegen der engen Zuwegung am Kirchberg und wegen fehlender Parkplätze (es gibt nur einen eingezeichneten Stellplatz) kritisiert.

Der ehemalige Stadtverordnete Hermann Holz regte an, die kommerziellen Aktivitäten auf das weniger ausgelastete Untergeschoss zu verlagern. Dazu habe der Ortsbeirat bereits eine Initiative gestartet und die Räume dem benachbarten Werkhof zur Anmietung angeboten, berichtete Hofmann.

Der Ortsbeirat beschloss einstimmig, entsprechende Gespräche zur Vermietung der Untergeschoss-Räume auch mit anderen ortsansässigen Unternehmen zu führen.

von Matthias Mayer