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Wärme kostet nichts, nur die Verteilung

Bioenergie Wärme kostet nichts, nur die Verteilung

Ab dem morgigen Donnerstag darf sich der Rauschenberger Stadtteil Josbach Bioenergiedorf nennen. Dann geht das von einer Biogasanlage beheizte Nahwärmenetz in Betrieb.

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Michael Emmerich schaut auf dem Hof der Familie Staffel durch ein Inspektionsfenster in den Vergärungsbehälter, in dem Gülle, Mais und Mist in Biogas umgewandelt wird.

Quelle: Matthias Mayer

Josbach. Michael Emmerich, Ortsvorsteher von Josbach und Vorstandsmitglied der Genossenschaft, die das umweltfreundliche Heizsystem betreibt, sprach mit dieser Zeitung über die Chancen, die die Umsetzung eines solchen Großprojektes für vergleichbare Orte und deren Einwohner bietet.

OP: Was braucht ein Ort, um nach Josbacher Vorbild Bioenergiedorf mit eigenem Nahwärmenetz zu werden?

Michael Emmerich: Es ist von großem Vorteil, wenn sich im Ort oder in dessen unmittelbarer Nähe eine Biogasanlage befindet. Wir haben das Glück, dass die Familie Staffel auf ihrem Hof eine solche Anlage gebaut hat, an die wir uns jetzt angeschlossen haben, um Wärme abzunehmen.

Zudem bedarf es einer engagierten Bürgerschaft, die bereit ist, ein solches Projekt auf die Beine zu stellen. Bei uns im Dorf ist das gelungen. Es haben sich fünf von der Sache überzeugte Leute gefunden, die mit voller Rückendeckung durch den Bürgermeister sich der Verantwortung stellten und das Projekt vorantrieben. Durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit im Ort gelang es, mehr und mehr Bürger für das Vorhaben zu gewinnen.

OP: Woher bekommt so ein kleines Team von Ehrenamtlichen Hilfe, wenn es an die Umsetzung eines hoch komplizierten Millionenprojekts geht?

Emmerich: Wir haben im Vorfeld überlegt, ob sich in Josbach eine solche Anlage überhaupt wirtschaftlich betreiben lässt. Da kam uns die Dorferneuerung sehr gelegen, die auch erneuerbare Energien im Dorf fördert. Aus Mitteln der Dorferneuerung wurde ein Gutachten erstellt.

Das Ergebnis der Machbarkeitsstudie: Eine solche Anlage lässt sich in Josbach wirtschaftlich betreiben, wenn sich 25 Haushalte anschließen. Danach haben wir überlegt, welche Rechtsform wir für die Betreibergesellschaft wählen und sind dabei sehr schnell auf die Genossenschaft gekommen. Hinter einer Genossenschaft steht eine große Organisation – der Genossenschaftsverband.

Von diesem haben wir Unterstützung erhalten beim Erstellen des Geschäftsplanes und bei der Finanzierung. Für die Finanzierung wählten wir uns eine Hausbank, die uns intensiv beriet und auch beim Stellen von Anträgen erheblich unterstützte. Ohne eine exakt berechnete Finanzierung kommen sie nicht weit. Wer Mitglieder für die Genossenschaft gewinnen will, muss denen auch sehr genau sagen können, die und die Kosten kommen auf dich zu.

OP: Um eine Hausnummer für künftige Bioenergiedörfer zu nennen: Welche Kosten kommen in Josbach auf Anteilseigner zu?

Emmerich: Auf der einen Seite sind wir in der komfortablen Situation, dass uns die Wärme kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Auf der anderen Seite haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Kredite, die wir für unsere Investitionen in Anspruch nahmen, innerhalb von 15 Jahren zu tilgen.

Dazu kommen Kosten für Wartungsarbeiten und Versicherungen. Alle diese Kosten legen wir auf die zu verkaufende Wärme um. Wir denken, dass wir mit einem Netto-Wärmepreis von 6,5 bis 7 Cent pro Kilowattstunde hinkommen.
Dazu hat jeder Anteilseigner einmalig 2 500 Euro als Genossenschaftsbeitrag bezahlt; das ist ein bewusst sehr niedrig angesetzter Wert, um möglichst viele Mitglieder zu gewinnen.

Wer die Genossenschaft verlässt, bekommt das Geld zurück. Hinzu kommen die Anschlusskosten in den Häusern, die zwischen 700 und 2.500 Euro liegen.

OP: Ist es schwierig, Interessenten für eine solche Genossenschaft zu gewinnen?

Emmerich: Zur Gründungsversammlung im Juni 2009 hatten wir nur 17 Mitglieder. Da hieß es für uns Türklinken putzen, nachfragen, werben. Inzwischen sind wir 39. Das ist ein großer Erfolg.

von Matthias Mayer

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