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Vor den Zeugen bekommt der Psychologe das Wort

Berufungsverhandlung Vor den Zeugen bekommt der Psychologe das Wort

Die Nachwehen einer zerbrochenen Liebschaft mit wüsten Beschimpfungen und Verleumdungen werden vor dem Marburger Landgericht noch einmal aufgerollt und reißen alte Wunden auf.

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In SMS, die im Ostkreis kursierten, standen wüste Beschimpfungen. Eine 47-Jährige muss sich als vermeintliche Verfasserin vor dem Landgericht Marburg verantworten.

Quelle: Florian Lerchbacher / Archiv

Marburg. „Müssen wir diesen Schmuddelprozess unbedingt führen?“, fragte Dr. Kurt Sippel am Freitagmorgen zu Beginn des Berufungsprozesses gegen eine 47-Jährige, die das Amtsgericht Kirchhain vor zwei Jahren wegen zwölf Fällen von Beleidigung - drei davon in Tateinheit mit Verleumdung - zu einer Geldstrafe in Höhe von 240 Tagessätzen à 250 Euro verurteilt hatte. „Jawohl, scheinbar schon“, lautet die Antwort an den Staatsanwalt. Der Grund ist einfach: Die Angeklagte weist jegliche Schuld von sich - sowohl bei den Anklagepunkten als auch bei weiteren Details. So beantwortete sie zum Beispiel die Frage von Richter Klaus-Dieter Schwaderlapp, warum sie eine außereheliche Beziehung geführt habe, mit dem Hinweis, dass ihr Ehemann in dieser Zeit schlecht auf sie zu sprechen gewesen sei, weil sie so viele geschäftliche und private Termine gehabt hatte.

Auf die Affäre folgen Beschimpfungen

Und so kehren nun alle schmutzigen Details wieder auf den Tisch zurück und alte Wunden, an denen die Zeit heilende Wirkung ausübte, werden wieder aufgerissen: Von 2003 bis 2007 hatte die Affäre der heute 47-Jährigen und ihres inzwischen 56 Jahre alten Liebhabers gedauert. Als dessen Frau die außereheliche Beziehung aufdeckte, begann das Drama. SMS von verschiedenen Mobiltelefonen und Briefe mit fiktiven Absendern kursierten vornehmlich im Osten des Landkreises, in denen der Mann, seine Frau und seine Familie aufs Übelste verunglimpft werden. „Schlampe“, „Schlappschwanz“, „Babymörder“ und „Großmaul“ gehören noch zu den vergleichsweise harmloseren Schimpfworten, über die restlichen Beleidigungen soll an dieser Stelle der Mantel des Schweigens ausgebreitet werden. In anderen Briefen - die unter anderem an einen Bürgermeister, an Vereinskameraden und Arbeitskollegen des Opfers aber auch an die Oberhessische Presse gingen - wird der 56-Jährige als Pädophiler bezeichnet, der seine Notdurft auch schon auf Gräbern verrichtet habe.

Während Verlesung müssen Schöffen schwer schlucken

Die Schöffen mussten während der Verlesung der Anklagepunkte schwer schlucken, die Angeklagte kämpfte mit den Tränen, ihre Verteidigerin versuchte derweil vergeblich, Einspruch einzulegen.

Ohnehin legte sich die Anwältin mit verschiedenen Parteien im Gerichtssaal an: Hatte sie zunächst mit ihrem Einspruchsversuch den Richter unerlaubt unterbrochen und verärgert, so übte sie später überraschende Kritik an der Protokollantin und verscherzte es sich dann noch mit Zuschauern: Sie forderte eine Wachtmeisterin auf, der Schwägerin ihrer Mandantin, zu der das Verhältnis zerrüttet ist, während der Verhandlung auf die Toilette zu folgen und zu prüfen, was sie außerhalb des Gerichtsaals mache - sie könnte sich schließlich mit dem als Nebenkläger auftretenden Opfer der Beleidigungen und Verunglimpfungen austauschen.

Über die Ursache für den Aktionismus der Anwältin lässt sich an dieser Stelle nur mutmaßen: Eine Möglichkeit ist, dass sie nicht im gleichen Licht wie ihr Vorgänger auf dem Posten des Verteidigers erscheinen möchte: „Meine Mandantin hatte vor dem Amtsgericht keine Verteidigung erfahren“, erklärte sie.

Sie gab an, die 47-Jährige sei unschuldig. Nach mehr als drei Stunden Verhandlung ergänzte sie, ihre Mandantin sei aufgrund ihrer psychischen Verfassung nach der Trennung auch gar nicht in der Lage gewesen, „mit hoher krimineller Energie“ die Schmähschriften zu verfassen. Jene „psychische Verfassung“ war vor Gericht immer wieder auf den Tisch gekommen, so befindet sich die Angeklagte seit dem Jahr 2007 in psychotherapeutischer Behandlung und wurde zudem stationär in einer Nervenklinik und dem ehemaligen Zentrum für Soziale Psychiatrie behandelt.

Unterlagen geschweige denn Diagnosen lagen am Freitag allerdings nicht vor, sodass Richter Schwaderlapp letztendlich dafür plädierte, sich zunächst über eine mögliche Schuldfähigkeit der Angeklagten Gedanken zu machen, ehe es zur Anhörung der 15 geladenen Zeugen kommt. Die Angeklagte entband ihre Ärzte daraufhin von der Schweigepflicht, damit ein Sachverständiger Einblick in die Krankenunterlagen erhält und ein psychologisches Gutachten von der 47-Jährigen erstellen kann.

Verhandlung wird vorerst ausgesetzt

Bis dieses fertig ist, wird die Verhandlung ausgesetzt, beziehungsweise „leider aufgeschoben und nicht aufgehoben“, wie Schwaderlapp sagte. Der genaue Termin, wann ihr Ehemann, die ehemaligen Freunde und Bekannten der Angeklagten und die restlichen Zeugen aussagen müssen, steht also nicht fest. Sicher ist indes, dass die psychische Belastung für alle Beteiligten wieder riesig ist - was sich leicht am Auftreten, den Gesichtsausdrücken aber auch den Reaktionen auf das Aussetzen der Verhandlung erkennen ließ.

Und während den einen ihre Gedanken ins Gesicht geschrieben standen, fasste ein anderer seine Auffassung in deutlichen Worten zusammen: „Ich bin überzeugt, dass sich die Geschichte wirklich so abgespielt hat, wie das Amtsgericht Kirchhain sagt. Sie werden hier nicht freigesprochen“, sagte Staatsanwalt Sippel in Richtung der Angeklagten und betonte, es lasse sich maximal über ein Abmildern der Strafe reden - eine Option, die für die 47-Jährige indes nicht in Frage kommt. Sie hofft auf einen Freispruch.

von Florian Lerchbacher

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