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Flucht mit tonnenschwerem „Fuchs“

Vor 25 Jahren Flucht mit tonnenschwerem „Fuchs“

Es war die wahrscheinlich spektakulärste Gefangenenbefreiung der deutschen Justizgeschichte. Am 4. April 1993 ereignet sich die unglaubliche Flucht des Lothar Luft.

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Der Ausriss der OP-Titelseite vom 5. April 1993 zeigt das zuvor durchbrochene Nebentor der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt. Darunter steht die Überschrift aus dem Innenteil.

Quelle: Archiv

Ziegenhain. „Mörder entkommt in geklautem Panzer“, titelte die Oberhessische Presse vor 25 Jahren. Der spektakuläre Ausbruch sorgte deutschlandweit für Aufsehen. Selbst im Ausland wurde über die Flucht berichtet: Am 4. April 1993 wurde der wegen dreifachen Mordes verurteilte Lothar Luft von einem Komplizen aus dem Ziegenhainer Gefängnis befreit – mit einem Panzerspähwagen.

Der 18 Tonnen schwere „Fuchs“ wurde scheinbar 
 mühelos aus der Herrenwaldkaserne in Stadtallendorf geklaut. Dort wurde der Verlust erst nach dem Ausbruch bemerkt. Der Täter fuhr – nachdem er ein Tor des Kasernengeländes durchbrochen hatte – mit dem schweren Gefährt ungehindert über die Landstraße ins etwa 22 Kilometer entfernte Ziegenhain. Dort durchfuhr er zunächst mit hohem Tempo die eiserne Südaußenpforte des Gefängnisses und ließ sich auch nicht von drei weiteren Toren aufhalten.

Hintergrund

Lothar Luft hat seine Ehefrau, seine Schwiegermutter und eine Geliebte umgebracht.

Die Bundeswehr in Stadtallendorf bemerkte den Verlust des Panzers zunächst nicht. Erst nach dem Ausbruch stellte man das Fehlen eines Fahrzeuges fest.

Lothar Luft und sein Komplize, der Fahrer des Panzers, lernten sich 1991 in der Haftanstalt in Butzbach kennen. Sie verband eine Freundschaft.

Der Fahrer des Panzers hatte von militärischen Fahrzeugen keine Ahnung. Es heißt, er habe nie gedient. „Fahrstunden“ gab‘s erst in der Herrenwaldkaserne. Dort hatte er sich einschließen lassen und das Fahrzeug getestet.

Lothar Luft war mit Zahnschmerzen auf der Flucht. Er hatte sich erst kurz zuvor einer Zahn-OP unterzogen.     

Justizbeamter Lothar Ditter hatte Dienst, als er am 4. April 1994 gegen 13.30 Uhr den Funkspruch erhielt: „Alarm, Alarm! Panzer versucht, in die Anstalt einzudringen.“ Im ersten Moment habe er an einen verspäteten Aprilscherz gedacht, erinnert sich Ditter beim Ortstermin in dieser Woche an der inzwischen durch dicke Poller gesicherten Südpforte.

Auch sei ihm sofort der letzte Terroranschlag der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) in den Sinn gekommen, der sich wenige Tage zuvor ereignet hatte: Am 27. März 1993 verübte die Terrororganisation ein Sprengstoffattentat auf die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Weiterstadt.

Kurz nach dem ersten Funkspruch folgte der zweite. „Panzer ist in der Anstalt.“ Szenen wie in einem Actionfilm spielten sich ab, erinnert sich Ditter. Gefängnisbedienstete hörten ein Röhren, der Bewachungsturm habe gewackelt, Tore flogen auf.

Gleich einem Rammbock durchbrach der Panzer das Haupt- sowie drei weitere Tore. Im Hof hatten die Gefangenen gerade Freigang – auch Lothar Luft. Die Mitinsassen flüchteten aus Furcht vor einem möglichen Attentat sofort in den Unterkunftsbereich – diesen hatten die Beamten gleich aufgeschlossen. Nur einer lief nicht vor dem „Fuchs“ fort: Lothar Luft. Die Klappe des Panzers öffnete sich, der verurteilte Mörder stieg ein und fuhr mit dem Panzer aus dem Gefängnis. Gerade mal fünf Minuten habe es gedauert, bis der Panzer in Richtung Loshausen davonfuhr, berichtet Lothar Ditter. Das Bundeswehrfahrzeug wurde später im Vogelsbergkreis gefunden.

Dort stand wahrscheinlich ein Fluchtfahrzeug bereit. Karlheinz Kurz (Foto: Florian Lerchbacher), heute Ortsvorsteher in Mengsberg, war damals ebenfalls als Justizvollzugsbeamter in Ziegenhain tätig. An besagtem Sonntag hatte er dienstfrei, als ihm auf dem Weg nach Marburg besonders viele Polizeiwagen entgegenkamen. Zu seiner Frau habe er da noch gesagt: „Da wird doch wohl nichts passiert sein“, erinnert sich Kurz.

Es sei absolut kein Zufall gewesen, dass Lothar Luft gerade im richtigen Moment Hofgang hatte. „Das war alles geplant. Der wusste ganz genau, an welchem Sonntag, zu welcher Uhrzeit der Panzer da sein musste“, sagt Kurz. Es habe durchaus Wege gegeben, mit der Außenwelt zu kommunizieren, die nicht zu überwacht werden konnten. Noch am gleichen Tag sei Kurz zu seinen völlig schockierten Kollegen gefahren. Zugetraut habe man die spektakuläre Flucht dem eher ruhig und freundlich wirkenden Luft nicht. „Mit so was hatten wir einfach nicht gerechnet“, sagt Kurz.

Lothar Luft ging den Ermittlern erst Monate später im Elsass ins Netz. Der erneut Inhaftierte verbrachte den überwiegenden Rest seines Lebens in der JVA Kassel. Gestorben ist Luft vor einigen Jahren in einem Hospiz.

Den Fahrer des Panzers fasste die Polizei bereits kurze Zeit nach der Tat in Frankfurt. Später saß der Mann selbst in der Justizvollzugsanstalt Ziegenhain ein. 2012 wählte er dann erneut ein ungewöhnliches Fluchtfahrzeug. Ein Gabelstapler sollte ihm den Weg in die Freiheit erleichtern.

Alarmiert zeigten sich Ziegenhainer JVA-Beamte, die den Mann dabei beobachteten, wie er sich an einem Gabelstapler zu schaffen machte – vermutlich um das Fahrzeug kurzzuschließen. Die anschließende Durchsuchung offenbarte dann den ausgeklügelten Fluchtplan des Häftlings.
Demnach wollte der 51-Jährige, der im Werkstattbereich der Anstalt damit beschäftigt war, Putzlappen zusammenzulegen, über ein Dach eines Gefängnisgebäudes fliehen.

Neben einem Tor, an dem er bereits die Bolzen gelöst hatte, entdeckten die Beamten zwei Stapel Holzpaletten, über die der Häftling mithilfe des Gabelstaplers auf das Dach eines Werkstattgebäudes gelangen wollte. Der Mann wurde unter anderem wegen schweren Raubes, räuberischer Erpressung und sexueller Nötigung verurteilt.

von Sylke Grede 
und Dennis Siepmann

Geklauter Panzer

Einen Vorfall mit einem Transportpanzer „Fuchs“ gab es vor fast 18 Jahren auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Ein junger Soldat stahl den Transportpanzer aus der Stadtallendorfer Herrenwaldkaserne und fuhr damit nach Marburg.

Dort verursachte er einen Unfall, bei dem zwei Menschen schwer verletzt wurden. Später in der Nacht stellte sich der Mann, der keinen Führerschein für einen solchen Panzer besaß, der Polizei.

Das Landgericht Marburg verurteilte ihn ein Jahr später zu einer Haftstrafe von zwei Jahren. Hintergrund der nächtlichen Panzerfahrt waren persönliche Motive.

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