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Von Wildvögeln und Schmusehühnchen

Auffangstation in Kirchhain Von Wildvögeln und Schmusehühnchen

Mit einem Krähen-Jungen fing alles an. Heute kümmert sich die Kirchhainerin Dr. Moira Behn um bis zu 130 Vögel im Jahr, die hilflos oder verletzt gefunden wurden.

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Dr. Moira Behn mit einer Waldohreule, die sie mal in Pflege hatte.

Quelle: Hans-Jörg Hellwig

Kirchhain. „Honig und Früchte magst du gerne, stimmt‘s Schatzilein?“, sagt Dr. Moira Behn zu einem Wespenbussard. Der Greifvogel sitzt auf einem Holzbalken in seiner Voliere. Wild­vogelpflegerin Behn betreut ihn derzeit. „Eigentlich wäre er gerade in Afrika, aber er war zu jung, um mitzuziehen“, sagt die 53-Jährige. Seine Vogeleltern hätten zu spät gebrütet.

Die Biologin arbeitet halbtags in einem Labor der Frauenklinik in Marburg. Nachmittags kümmert sie sich um Tiere, die in der Wildnis nicht alleine bestehen könnten. Dazu gehören Jungtiere aber auch verletzte Vögel. „Wenn Wildtiere nicht hundertprozentig fit sind, verhungern sie in der Regel“, sagt Behn. Selbst kleinere Wunden wie ein aufgerissenes Bein könnten dazu führen, dass sie nicht mehr richtig jagen können.

Wildvögel sollen sich nicht an Menschen gewöhnen

Behn hat um ihr Haus herum rund 100 Quadratmeter Käfige für Wildvögel aufgestellt. Der Wespenbussard hat einen ganzen Käfig für sich allein. Zwei Volieren weiter kauern sich fünf Schleiereulen zusammen. Die nachtaktiven Tiere sitzen in einer Holzbox weit oben unter der Decke.

Foto: Hans-Jörg Hellwig

Sie kamen zu Behn, weil einem Bauern auffiel, wie abgemagert die Tiere in seinem Nistkasten waren. Nun legt Behn den Schleiereulen jeden Abend zehn Mäuse aus der Tiefkuhltruhe als Futter hin. Inzwischen sind die Tiere ausgewachsen. Mit dem Auswildern will die Pflegerin aber noch bis zu einer Schönwetterperiode im Frühjahr warten. „Bei gutem Wetter kommen die Mäuse hervor, dann gibt es gute Jagdbedingungen für die Schleiereulen.“

Behns Ziel ist es immer, die Vögel wieder fit für die Wildnis zu machen. Das ist auch die Auflage der Naturschutzbehörde, die ihr die Auffangstation genehmigt hat. An den Menschen gewöhnen sollen sich die Tiere nicht.
Besonders Raben und Krähen seien dafür anfällig. Man spreche dabei von einer Fehlprägung, die die Auswilderung danach schwer mache.

Eine Krähe, die bei ihrer Futtersuche Spaziergänger anfalle oder ans Fenster klopfe und dabei Abdichtungen kaputt picke, könne man nicht freilassen. Sie würde daher zum Dauerpflegefall. Das Veterinäramt könne in solchen Situationen auch anordnen, dass das Tier eingeschläfert wird.

Auch Behn hat in einer ihrer Volieren in ihrem Garten eine Krähe. Sie wurde handzahm aufgezogen aber in einem Käfig gehalten. „Dabei sind ihre Federn gebrochen, deshalb kann sie nicht fliegen“, sagt Behn. Bis sie sich im Spätsommer gemausert hat und sich mit neuen Federn wieder in die Lüfte heben kann, bleibt sie noch in der Auffangstation.

Behn hat selbst einmal eine Krähe aufgezogen, ihr erster Wildvogel. Vor zwanzig Jahren war das. Sie ließ sie frei fliegen und irgendwann war sie verschwunden. „Ich habe danach sehr gelitten“, sagt sie. Dass ihr ein Vogel so ans Herz wachsen könnte, hätte sie nicht gedacht. Als Biologin mag sie sowieso Tiere, sagt sie. Aber Vögel haben einen besonderen Platz in ihrem Leben. Sogar an ihren Ohrringen baumeln Eulen-Anhänger.

Zugleich Hobby und Ehrenamt

Privat hält sie sich 15 Hühner und einen Hahn. Die größeren laufen frei herum, die kleineren sind in einer Voliere. Sie sind zutraulicher, kommen auf Behn zu, wenn sie sie ruft. Sie nimmt eines von ihnen auf den Arm, küsst das Tier auf den Kopf. „Da braucht man doch keinen Hund, wenn man so ein Schmusehühnchen hat“, sagt sie.

Nach der Krähe kamen mehr und mehr Wildvögel zu ihr in Pflege. In der Spitze kümmert sie sich manchmal um bis zu 25 Wildvögel gleichzeitig. Das ist meistens während der Brutzeit, dann widmet sie der Auffangstation, die für sie zugleich Hobby und Ehrenamt ist, fast ihre gesamte Freizeit. Futter, Volieren und Medikamente finanziert sie aus Spenden und einer Aufwandsentschädigung.

Behn nimmt vor allem große Tiere wie Greifvögel, Rabenvögel und Eulen auf. Aber auch kleine wie Schwalben. Verletzte Vögel können nur in die Auffangstation kommen, wenn sie bloß kleinere Beeinträchtigungen wie eine Verstauchung haben. Oder sie kommen, nachdem sie bereits in der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische der Justus-Liebig-Universität in Gießen behandelt wurden.

Nach einem Flügelbruch zum Beispiel sollen sie in der Voliere erst wieder ihre Muskeln trainieren, bevor sie in die Freiheit entlassen werden. „Alle heimischen Vogelarten stehen nach Bundesartenschutzgesetz unter Schutz“, sagt Behn. Sie führt ein dickes Buch über alle Vögel, die sie pflegt.

Regelmäßig muss sie sie der oberen Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums in Gießen melden. Nur Menschen mit Sachkenntnis sollten wilde Tiere pflegen, sagt Behn. Wie trotzdem jeder helfen kann, lesen Sie hier.

von Freya Altmüller

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