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Von Ulbricht bis zum „Lungentorpedo“

Ausstellung Von Ulbricht bis zum „Lungentorpedo“

Mit einem Festakt im Historischen Rathaus hat die Stadt Neustadt am Freitagabend 20 Jahre deutsche Einheit gefeiert. Zugleich wurde eine bemerkenswerte Ausstellung eröffnet.

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Ausstellungsmacher Bert Dubois zeigt das Blauhemd der DDR-Jugendorganisation FDJ. Rechts ein Moped vom Typ „Schwalbe“, links Getränke aus DDR-Produktion.

Quelle: Matthias Mayer

Neustadt. Der Hobby-Historiker Bert Dubois hat schon etliche sehenswerte Ausstellungen für seine Wahlheimat gestaltet. Mit seinem neuesten Werk bringt der ehemalige Bundeswehr-Offizier den Besuchern eine Welt näher, die den meisten Bundesbürgern völlig fremd ist: Den Alltag in der DDR. Nachdem seine Ausstellung im vergangenen Jahr zu 60 Jahren Bundesrepublik ganz den alten Bundesländern gewidmet war, konzentrierte sich Dubois für die Einheitsausstellung ganz auf die DDR.

Ihre große Stärke entwickelt die Ausstellung in den ganz kleinen Dingen. Da gibt es Hausrat aus Plaste und Elaste, Brotkonserven, Tuben, deren Inhalt in mikroskopisch kleiner Schrift auf die Metallhüllen aufgedruckt ist, Braunkohlebriketts, die wegen ihrer schlechten Heizwirkung von den DDR-Bürgern spöttisch „Heimaterde“ genannt wurden und das legendäre und oft in den Läden über Wochen nicht zu bekommende graue Klopapier.

Ein Geschenktisch für ein Hochzeitspaar aus dem Jahr 1985 zeigt geblümte Kochtöpfe, klobige Bratpfannen, ein hübsches Bowle-Service und einen monströsen Fleischwolf.

Auch die DDR-Zigaretten fehlen nicht: Cabinet, Club, Jubilar und die Billig-Marke Karo, die wegen ihrer verheerenden Wirkung im Volksmund „Lungentorpedo“ genannt wurde.

Das Robotron-Radio Modell Stralsund spielt HR2 und zeigt beim näheren Hinsehen, dass bei den DDR-Produkten Funktionalität vor Design und Verarbeitungsqualität ging. Wie sehr der Mangel die DDR-Wirtschaft prägte, verdeutlicht das kleinste Exponat: Ein kleiner Notizzettel mit Stempel-Aufdruck dient als Garantie-Urkunde für einen kleinen Wecker. Gleichwohl war bestimmt nicht alles schlecht, was in den DDR-Kombinaten produziert wurde. Dafür steht das größte Exponat der Ausstellung, das DDR-Kult-Moped „Schwalbe“ aus den Suhler Simson-Werken, dass in fabrikneuer Optik bewundert werden kann.

Die in liebevoller Kleinarbeit zusammengetragenen und professionell präsentierten Exponate stammen aus der Privatsammlung von Bert Dubois oder wurden von Neustädter Familien zur Verfügung gestellt. Bert Dubois hat die Alltagsgegenstände eingebettet in den zeitgeschichtlichen Rahmen 40 Jahre DDR, beginnend bei den DDR Staaten-Lenkern von Wilhelm Pieck über Walter Ulbricht bis hin zu Lothar de Mazière und endend mit einer Pressedokumentation zur deutschen Einheit. Dazwischen gibt es Bildtafeln zum Leben in der DDR, SED-Propaganda, Spielzeug, Schaukästen mit Münzen, Geldscheinen Briefmarken, Ausweisen und Visa, Vitrinen mit Militaria und Schulbüchern.

Die Ausstellung im Historischen Rathaus von Neustadt ist am Samstag, Sonntag, Dienstag, Donnerstag sowie am kommenden Samstag und Sonntag jeweils von 15 bis 17 Uhr zu sehen.

von Matthias Mayer

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