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Von Gutachten und Bekennerschreiben

Amöneburg Von Gutachten und Bekennerschreiben

Ein Jahr Knast für jeden Ast? Während Amöneburgs Narren ausgiebig Witze über das Fällen der Scheinzypressen auf dem Friedhof machten, hat die Staatsanwaltschaft gar nichts zu lachen.

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Hat der Bürgermeister durch das Fällen der Scheinzypressen einen Schlafplatz der Waldohreule zerstört?

Quelle: Florian Lerchbacher

Amöneburg. „Entscheidend wird die Frage sein, ob es sich bei den Bäumen um eine Ruhestätte handelte oder nicht“, erklärt Annemarie Wied, Pressesprecherin der Marburger Staatsanwaltschaft. Seit einigen Wochen ermittelt ihre Behörde – das Bonner Komitee gegen Vogelmord hatte Strafanzeige gegen Unbekannt wegen des Verdachtes auf Verstoß gegen Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes gestellt. Der Verein bezog sich dabei auf Absatz drei, in dem das Verbot festgehalten ist, „Fortpflanzungs- oder Ruhestätten der wild lebenden Tiere der besonders geschützten Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören.“

Eben an jener Stelle gehen die Meinungen auseinander: Fakt ist, dass die Scheinzypressen auf dem Friedhof in der Vergangenheit eine solche Ruhestätte für die geschützte Waldohreule waren. Ebenfalls unstrittig ist, dass die Bäume in der jüngeren Vergangenheit weniger genutzt wurden als früher. Für Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg und seinen Gutachter scheint klar zu sein, dass kaum eine Eule in den Scheinzypressen noch Unterschlupf sucht. Vogelfreunde und Naturschützer halten indes dagegen, sie hätten dort noch vereinzelte Waldohreulen gesehen oder zumindest ausreichend Gewölle gefunden, durch die sich die Baumgruppe weiterhin als Ruheplatz klassifizieren lasse.

Diese Auffassung vertrat zum Beispiel die Vogelschutzwarte, ein von der Stadt beauftragter Gutachter hatte eine andere Meinung. Und so ist es kein Wunder, dass wahrscheinlich auch die Staatsanwaltschaft ein Gutachten in Auftrag geben muss: „Wird das notwendig, dauert es noch länger als vier Wochen“, sagt Wied zum Zeitfenster der Ermittlungen, die gegen „Unbekannt“ laufen – allerdings gibt es längst eine Art Bekennerschreiben: Richter-Plettenberg hatte durch die OP-Berichterstattung von den Ermittlungen erfahren und sogleich ein sechsseitiges Schreiben verfasst, in dem er die Verantwortung für die Fällarbeiten übernimmt, die Sichtweise des Magistrats schildert und aufdröselt, warum er durch das Fällen nicht gegen das Naturschutzgesetz verstoßen habe.

von Florian Lerchbacher

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