Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Vom Hörsaal zum Hausbau
Landkreis Ostkreis Vom Hörsaal zum Hausbau
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:35 28.03.2018
Über den Dächern Mengsbergs: Maurergeselle Paul Poletajew ist der beste Azubi im Bezirk der Handwerkskammer Kassel. Für die Ausbildung hat er sein Studium aufgegeben. Quelle: Ina Tannert
Anzeige
Mengsberg

Wenn Paul Poletajew auf sein Tagwerk blickt, auf den halben Rohbau neben ihm und die vielen Reihen an Ziegelsteinen, die er mit den eigenen Händen und jeder Menge Mörtel aneinandergefügt hat, dann ist er glücklich und auch ein wenig stolz. „Es war die richtige Entscheidung, das ist mein ­Beruf“, sagt der Maurergeselle zufrieden.

Zwischen Dutzenden Paletten, Steinen und Mörtelwannen auf der halben Etage, die Maurerkelle in der Hand – da fühlt sich der 27-Jährige sichtlich wohl. Er will anpacken, ist „ein Praktiker – ich baue lieber Häuser, als darin in einem Büro zu sitzen“, erzählt er. Ein Job am Schreibtisch ist nichts für ihn, dann lieber ­etwas Handfestes machen unter freiem Himmel.

Dazu entschieden hat er sich erst spät, ging dabei ganz neue Wege: Wo mittlerweile eine Handwerkslehre vor dem Studium beim Nachwuchs zunehmend beliebter wird, drehte Paul Poletajew den üblichen Werdegang einfach um. Ihn zog es von seiner Heimat Reutlingen bei Stuttgart für ein Politikstudium nach Marburg. Nach acht Semestern schmiss er hin, „ich habe gemerkt, dass es nicht der richtige Beruf für mich war – ich bin eher der praktisch veranlagte Mensch, das hat schon immer in mir geschlummert“, erzählt er.

Sein Interesse fürs Handwerk entdeckte er beim Nebenjob im Garten- und Landschaftsbau. Die Lehre absolvierte er bei der Firma Hainmüller + Klingelhöfer in Mengsberg, die ihn als ­Gesellen übernahm. Sein späterer Chef staunte damals nicht schlecht, als die Bewerbung des Studenten ins Haus flatterte.

„Ich war überrascht, es kommt nicht oft vor, dass ein Bewerber erst nach dem Studium den Weg auf die Baustelle findet“, sagt Maurermeister Frank Klingelhöfer. Schon aufgrund seiner guten Noten und Leistungen während der Lehre konnte Poletajew seine Ausbildung auf zwei Jahre reduzieren. 

Auch im Maurerhandwerk ist viel Kopfarbeit gefragt

Im vergangenen Sommer legte er die Gesellenprüfung ab. Die Handwerkskammer Kassel kürte ihn nun zum Jahrgangsbesten aller Handwerksberufe. Rund 2500 Auszubildende erhalten jedes Jahr ihre Gesellenbriefe von der Kammer, Poletajew stach aus allen Sparten hervor, erreichte schon im Theorieteil eine glatte 1,0.

In der Praxisprüfung errichtete er eine kleine Mauer mit Ecken und Türanschlag, die eine Spitzenpunktzahl von 94 von 100 möglichen Punkten erreichte.

Zu Kopf steigt ihm sein Erfolg nicht, „es ist schon bedenkenswert und hat mich sehr gefreut“, sagt er bescheiden und verweist auf sein höheres Alter und ein Mehr an Lebenserfahrung, was ihm dabei geholfen habe. Er sei eher der nachdenkliche Typ, der was schaffen, dabei auch seinen Grips benutzen will. Das komme ihm auch im neuen Beruf zugute, „auch hierbei ist viel Kopfarbeit gefragt, das fasziniert mich“, sagt er.

Alleine die perfekte lotrechte­ Berechnung jeder Wand, eines ganzen Gebäudes, vom Fundament bis zum Dach, wo von Anfang an alles ineinander greifen muss, ist für ihn ein Ansporn. Und am Ende das große Ganze betrachten zu können, „man sieht einfach, was man geschafft hat, auch Jahre später noch – Häuser für Menschen zu bauen ist einfach schön“, sagt der junge Geselle.

Er habe sich für eine Arbeit mit Zukunft entschieden, lobt Klingelhöfer. Der Maurerberuf habe sich ebenso gewandelt, wie der gesamte Hausbau, „es ist alles viel komplexer geworden, Maurer sind heute hochqualifizierte Facharbeiter, ohne sie geht nichts mehr“. Etwa ein Dutzend Häuser baut die Firma Hainmüller + Klingelhöfer im Jahr, Fach- und Nachwuchskräfte seien gefragt wie nie. „Die Auftragsbücher sind voll, wir haben Arbeit ohne Ende“.

Im Hausbau sieht auch Poletajew seine Zukunft, er hat bereits mit dem Meisterkurs begonnen, will im kommenden Jahr den Meistertitel erwerben. Auch das ist ein ungewöhnlicher Weg für einen frischgebackenen Gesellen. „Mir fehlt natürlich noch die Erfahrung, daher arbeite ich erst einmal weiter als Geselle“, erklärt er.

Sein Ziel steht jedoch schon jetzt fest, irgendwann will er ein eigenes Bauunternehmen gründen. „Das ist noch ein langer Weg, aber irgendwann baue ich meine Häuser selber.“

von Ina Tannert

Anzeige