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Vier Versionen zu einer Unfallflucht

Aus dem Gericht Vier Versionen zu einer Unfallflucht

Ein Autofahrer ist um 2.30 Uhr auf der Rheinstraße stadtauswärts unterwegs. Vor dem Kreisel bremst er ab und kommt zum Stehen. In diesem Moment fährt der Fahrer des nachfolgenden Autos auf.

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Ein Leiharbeiter aus dem Vogelsbergkreis musste sich vor dem Kirchhainer Amtsgericht wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Stadtallendorf. So etwas kann passieren. Aber der Fahrer des VW Polo fährt am am frühen Morgen des 17. März 2017, ohne sich um den von ihm verursachten Schaden zu kümmern, einfach weiter. Deshalb musste sich der Leiharbeiter aus dem Vogelsbergkreis vor dem Kirchhainer Amtsgericht wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort verantworten.

Vor der Polizei hatte der Angeklagte zwei Versionen zum angeklagten Geschehen zu Protokoll gegeben. Laut der Version eins hat es den Unfall überhaupt nicht gegeben. Weder er noch sein Beifahrer wollen einen Unfall bemerkt haben. Die zweite Version zu dem Unfall, bei dem ein Sachschaden in Höhe von 4 500 Euro entstand: Der Leiharbeiter ist auf den vor ihm stehenden Audi aufgefahren, wobei es nur zu einem leichten Kontakt zwischen beiden Autos gekommen sein soll. Fahrer und Beifahrer des Polo steigen aus und sprechen den Fahrer des Audi an. Der schaut sich die Heckpartie seines Autos an und entlässt den Polo-Fahrer mit den Worten „alles in Ordnung“ vom Unfallort.

„Sie werden von der Polizei wegen einer Unfallflucht vernommen und können sich nicht an einen Unfall erinnern. Waren sie betrunken? Sie sollten sich gut überlegen, welche Version sie heute präsentieren“, mahnte Amtsanwältin Tina Grün den Angeklagten.

Verfolgungsfahrt bis nach Marburg

Der Angeklagte hielt sich an die Version zwei. Er habe an dem Abend in Stadtallendorf ein Fußballspiel gesehen und drei bis vier Cola-Bier getrunken. Den Unfall vor dem Kreisel habe es gegeben. Nach dem Gespräch mit dem Audifahrer sei er direkt nach Hause Richtung Neustadt gefahren.

Richter Joachim Filmer hielt dem Angeklagten vor, dass der als Zeuge geladene Audifahrer den Polo des Angeklagten in Richtung Marburg verfolgt, sich vor diesen gesetzt und ihn mit dem Einschalten der Warnblinkanlage zum Anhalten aufgefordert habe. „Das alles wollen sie nicht gesehen haben? Welchen Grund soll der Zeuge haben, diese Geschichte zu erfinden?“, fragte der Richter den Angeklagten. Der gab darauf keine Antwort und blieb bei seiner Aussage.

Der Audifahrer schilderte das Geschehen aus seiner Sicht. Nach einem Besuch bei einem Kumpel sei er auf dem Heimweg gewesen und habe vor dem Kreisel abgebremst. Im gleichen Moment sei ein Auto aufgefahren. Er habe zunächst Angst verspürt, weil es praktisch unmöglich sei, auf der kerzengeraden Strecke einen Auffahrunfall zu bauen. Bevor er habe reagieren können, sei der Unfallverursacher an ihm vorbeigefahren.

Seine weiteren Schilderungen: Der Kraftfahrer aus dem Nordkreis begutachtet den Schaden und entfernt ein Lüftungsgitter von der Straße, dass der ­Polo bei dem Unfall verloren hat. Dann nimmt er Richtung Marburg die Verfolgung auf. Fahrer und Beifahrer des Polo müssen sehr schnell unterwegs gewesen sein, denn erst auf der B 3 holt der Verfolger das Auto ein. Der 34-Jährige erkennt das Kennzeichen, macht sich mit Lichthupe bemerkbar. Keine Reaktion.

Kurz vor Marburg überholt der 34-Jährige den Polo und versucht, durch das Einschalten der Warnblinkanlage den Fahrer zum Anhalten zu bewegen. Vergeblich. Als der Geschädigte die Ausfahrt Marburg Nord passiert, biegt der Polo-Fahrer hinter ihm ab. Der Kraftfahrer gibt die Verfolgung auf, fährt bei der nächsten Ausfahrt raus und ruft die Polizei an.

Dritte Version vom Beifahrer

Die lebensnahe Schilderung des Zeugen beeindruckte den Angeklagten nicht. Er blieb bei seiner Version. Das auch, nachdem ihm Tina Grün mitgeteilt hatte, dass es ein Treffen des Zeugen mit der Polizei in der Siemensstraße gegeben habe, dass genau ins Zeitfenster passte. Auch der Hinweis, dass das Lüftungsgitter seines Auto vier Minuten nach dem Anruf von einer Stadtallendorfer Polizeistreife gefunden wurde, vermochte ihn nicht zu erschüttern.

Sein Beifahrer brachte als Zeuge eine dritte Version ins Spiel. Nach seiner Überzeugung gab es keinen Unfall. Der Audi stand mit eingeschalteter Warnblinkanlage auf der Straße. Allein er sei ausgestiegen und zu dem Audi gelaufen. Dessen Fahrer habe das Fahrzeug nicht verlassen, gab er an. Ob die Fahrt anschließend Richtung Marburg führte, wusste er nicht zu sagen und berief sich auf seine Volltrunkenheit, was ihn möglicherweise vor einem Verfahren wegen Falschaussage bewahrte.

Tina Grün sah durch die Beweisaufnahme den Anklagevorwurf bestätigt. Sie beantragte, den mit zwei Vorstrafen belasteten Angeklagten wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort zu einer Geldstrafe in Höhe von 30 Tagessätzen à 40 Euro und zu einem dreimonatigen Fahrverbot zu verurteilen.

Der Angeklagte hat den Schaden inzwischen reguliert. „Tut mir leid, wie das gelaufen ist. Ein Fahrverbot kostet mich meinen Job. Das wäre schade, denn ich stehe kurz vor einem Festvertrag“, bat er um Milde.
Richter Joachim Filmer folgte im Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Er warf dem Angeklagten das Festhalten an seinem absurden Aussagen vor, obwohl die Staatsanwaltschaft mehrfach versucht habe, ihm Brücken zu bauen.

von Matthias Mayer

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