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Ostkreis Vier Hakenkreuze klingen mit
Landkreis Ostkreis Vier Hakenkreuze klingen mit
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00:18 31.05.2018
Der Verwaltungsrat der Kirchengemeinde distanziert sich von der Inschrift mit einem Aushang direkt neben den Glocken. Quelle: Florian Lerchbacher
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Amöneburg

Deutschlandweit gibt es derzeit Diskussionen, wie Kirchengemeinden mit Glocken umgehen sollen, auf denen Nazisymbole zu sehen sind. Der wohl bekannteste Fall ereignete sich im niedersächsischen Schweringen. Nach monatelangen Diskussionen schafften Unbekannte Tatsachen und schliffen heimlich ein 35 mal 35 Zentimeter großes Hakenkreuz und einen Teil der Glocken-Inschrift ab.

Im pfälzischen Herxheim am Berg trat im vergangenen Jahr der Bürgermeister zurück, nachdem er in einem Interview gesagt hatte, die Gemeinde sei stolz auf ihre Glocke mit der Inschrift „Alles fuer‘s Vaterland Adolf Hitler“. Inzwischen steht fest: Die Glocke bleibt als „akustisches Denkmal“ hängen. Alles andere wäre eine „Flucht vor einer angemessenen und aufgeklärten Erinnerungskultur“. Der Präsident des Zentralrats der Juden bezeichnete dies, wie die dpa berichtet, als „tiefe Respektlosigkeit“ gegenüber den Opfern der Nazizeit.

In Kirchen in Sachsen-Anhalt und Thüringen hat die Evangelische Kirche Mitteldeutschland betroffenen Kirchengemeinden angeboten, die Inschriften und Symbole auf Kosten der Landeskirche abschleifen zu lassen. Sechs Glocken sind dort betroffen. In der Pfalz will der Landeskirchenrat sechs Glocken abhängen lassen, weil einige Gläubige die Inschriften für unerträglich halten.

So sieht es auch im saarländischen Rilchingen-Hanweiler aus: Dort soll das Geläut vorerst nicht mehr erklingen und dann abgehängt werden, weil dies ein wichtiges Zeichen in Zeiten sei, in denen der Nationalsozialismus verharmlost werde.

In Faßberg-Müden im Bereich der hannoverschen Landeskirche hängt eine mit dem Luftwaffenadler und einem kleinen Hakenkreuz versehene Glocke in der Kirche, auf die die Gemeinde seit längerem hinweist und sie als Mahnung verstanden wissen will. Ein Fall, der dem aus Amöneburg ähnelt – laut Spiegel-Recherchen dem deutschlandweit einzigen in einer katholischen Kirche: Im Jahr 2011 hatte die Kirchengemeinde St. Johannes während einer Inventarisierung festgestellt, dass sich in ihrem fünfstimmigen Geläut zwei Glocken mit Nazisymbolen befinden. Auch sie sollen hängen bleiben.

Zitat

„Wir sollten sie nicht auslöschen, sondern auch künftigen Generationen die Chance geben, sich mit der Geschichte – die sich keinesfalls wiederholen darf – auseinanderzusetzen.“
Pfarrer Marcus Vogler

Pfarrer Marcus Vogler bezeichnet sie als „Mahnmal der Geschichte“, die bewahrt werden sollten: „Das ist Geschichte, die dort hängt. Wir sollten sie nicht auslöschen, sondern auch künftigen Generationen die Chance geben, sich mit der Geschichte – die sich keinesfalls wiederholen darf – auseinanderzusetzen.“

Der Aufgang zum Kirchturm ist verschlossen. Dort hängt, ebenso wie direkt neben den Glocken, ein Hinweis, dass sich die Kirchengemeinde ausdrücklich von der Inschrift der Glocken sowie der vermittelten Weltanschauung distanziert. Der Pfarrer ist froh, dass die Inschrift „nur“ darauf verweist, wann die Glocken gegossen wurden: „Es steckt keine Ideologie dahinter. Auf manchen Glocken wird Hitler gehuldigt. Das ist bei uns nicht der Fall, was es einfacher macht.“

Wichtig sei, sich kritisch mit der Thematik und der „dunklen Geschichte“ auseinanderzusetzen. Er habe die Position der Kirchengemeinde in einem Gottesdienst erläutert und spontanen Applaus erhalten: „Das erleichtert es auch, unsere Einstellung zu vertreten.“ Fakt sei aber auch, dass er bereit sei, mit Kritikern über die Thematik zu sprechen und nichts zu verheimlichen.

In diesem Zusammenhang blickt Vogler auch rund 100 Jahre zurück: 1917 wurden während des Ersten Weltkrieges vier von fünf Glocken abgeholt, um aus ihnen Waffen oder Munition zu machen. Anfang der 1920er-Jahre, anlässlich des 1200-jährigen Bestehens der Stadt, wurden zwei neue Glocken angeschafft. „Die Kirchenbaulast lag damals beim Staat, der die Glocken abgeholt hatte und in der Pflicht war, neue zu beschaffen“, berichtet Vogler. 1936 habe dieser dann dafür gesorgt, dass das fünfstimmige Geläut wieder komplett ist.

Politische Gemeinde hat andere Einstellung

Doch das Auf und Ab endet an dieser Stelle noch nicht: „Im Zweiten Weltkrieg wurden dann wieder zwei Glocken für die Waffenproduktion abgeholt“, sagt der Pfarrer und ergänzt: „Aber nicht die beiden, von denen wir hier reden. Schade eigentlich.“ Im Jahr 1957 sorgten dann Stadt, Kolpingfamilie, Bistum und Bürger für Ersatz: „Aus den Aufzeichnungen im Archiv lässt sich erkennen, dass die Amöneburger richtig stolz waren, ihr vollständiges Geläut wieder zu haben.“

Die Kirchengemeinde will also nichts unternehmen. Die politische Gemeinde hat da eine etwas andere Einstellung: „Da ich davon ausgehe, dass es rechtlich unproblematisch ist, die Glocken zu nutzen, finde ich die Einordnung als Dokumente der Zeitgeschichte durch die Kirche als moralische Bewertung legitim“, kommentiert Bürgermeister Michael Plettenberg.

Er befürchte aber, dass das Thema immer wieder aufkommen werde: „Das ist auch gut und richtig und ist aber eine Art Makel, der bleibt, weil man für alle Zukunft eine bewusste Haltung einnehmen muss. Deshalb sollten die Kirche und die Menschen in der Stadt Amöneburg meines Erachtens ein grundsätzliches Interesse daran haben, dass die Hakenkreuze auf den Glocken dieser bedeutende Kirche irgendwann verschwinden – und vielleicht nicht erst wenn die Glocken aus technischen Gründen getauscht werden müssen.“

Er könne sich vorstellen, dass auch die Stadt einen Beitrag dazu leisten würde – schließlich seien alle Bürger von der Thematik betroffen: „Eine Bonifatiusglocke zum 1300-jährigen Jubiläum in 2021 wäre natürlich sensationell!“ Eine Diskussion in den Gremien der Stadt wolle er aber nicht initiieren – dafür sehe er keinen Anlass.

Und das, obwohl er glaubt, dass die Nazis mit den Glocken der Kirche ihren Stempel aufgedrückt hätten: „In diesem Sinne ist sogar das Kirchengebäude eine Art Opfer der Nazidiktatur geworden. Daran kann man erinnern. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Nazis auch Kirchenleute wegen ihrer Überzeugung verfolgt und ermordet haben.“

von Florian Lerchbacher

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