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Vertriebene legen das Fundament

Fernsehbericht Vertriebene legen das Fundament

Flüchtlinge und Heimatvertriebene prägten die Aufbaujahre Allendorfs nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie arbeiteten in neugegründeten Fabriken, die in den Ruinen der Sprengstoffwerke der DAG entstanden.

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Helmut Rohm spricht mit Martin Leutke, Leiter des Wiesbadener Studios des ZDF, über seine Geschichte als Heimatvertriebener.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Er war 1956 einer der ersten, die ihre Heimat im früheren Sudetenland wiedersehen durften. Sein Geburtsort Neusattl trug bereits den tschechischen Namen Nove Setlo. Seine Großmutter war gestorben, die Angehörigen durften einreisen. „Als wir wiederkamen, haben uns alle umringt und gefragt, wie es dort aussieht“, erzählt Helmut Rohm vor den laufenden Kameras des ZDF-Fernsehteams.

Am Donnerstag berichtet das ZDF über die Geschichte der Vertriebenen in Allendorf. Anlass ist der 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Charta der Heimatvertriebenen. Helmut Rohm ist ein Zeitzeuge. An den Tag, an dem er mit seiner Mutter das Elternhaus in Neusattl verlassen musste, erinnert sich Rohm sehr genau. Es war im Mai 1946, abends klingelte es an der Tür, am nächsten Morgen müssen sie um 8 Uhr bereitstehen. 50 Kilogramm Gepäck dürfen sie mitnehmen.

„Für meine Mutter war das ein schwerer Schlag, den sie mit sich selbst ausmachte“, erinnert sich Rohm. Der Weg der Rohms führt über Neustadt an der Saale und Wetzlar schließlich nach Allendorf. Freunde lebten bereits dort und in Allendorf, so hatte sich herumgesprochen, sollte es auch Arbeit geben. 1949 kamen die Rohms im „Steinlager“ an. Der Vater Helmut Rohms ist Glasmacher, findet Arbeit bei der Glasfabrik Stubbe. Die Verhältnisse, unter denen die Rohms leben, sind ärmlich. Doch das ist für die Familie ebenso wie für die breite Masse der Vertriebenen und Flüchtlinge eine Herausforderung. „Die Armut hat uns stark gemacht, wir wollten von Anfang an zupacken“, erinnert sich Rohm zurück.

Die Erfahrungen und der Einsatz der Vertriebenen und Flüchtlinge wirken bis in die Gegenwart des heutigen Stadtallendorfs. Davon ist Herbert Köller, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Stadtallendorf, fest überzeugt. Er nennt es das „unsichtbare Fluchtgepäck“. Dadurch sei die Integration späterer Zuwanderer in Stadtallendorf leichter gefallen als in anderen Städten sagt Köller. Die Siedlungsgenossenschaft Herrenwald oder die Gründung der Eisengießerei Fritz Winter sind für ihn zwei Beispiele für die Aufbauleistung der Heimatvertriebenen. Für die Aufbau- und Integrationsleistung bekam Stadtallendorf vom Land die Ausrichtung des 50. Hessentags zugesprochen.

Wenn sich sein Wagen der tschechischen Grenze nähert, tritt Helmut Rohm mehr aufs Gaspedal Das hat zumindest seine Frau Inge registriert. Rohm pflegt Kontakt nach Nove Setlo, seiner Geburtsstadt. Für ihn bleibt der Ort, der sich in den vergangenen Jahrzehnten durch den Kohle-Tagebau so drastisch veränderte, Heimat. Dort liegen die Wurzeln seiner Familie. „Ich weiß noch genau, wo ich mit meinem Vater Pilze gesucht habe“, sagt Rohm. Von seiner neuen Heimat Stadtallendorf aus hat er Wege der Verständigung gesucht.

In der „Charta der Heimatvertriebenen“ verzichteten die Vertriebenenverbände am 5. August 1950 auf Rache und Vergeltung und sagten zu, dass sie an einem einigen Europa mitarbeiten wollen. Für Herbert Köller, selbst ein Vertriebener, war diese Charta fünf Jahre nach Kriegsende ein „Meilenstein“. „Sie hat vieles, was uns selbstverständlich ist, erst möglich gemacht“, ist er überzeugt.

Das ZDF strahlt den Beitrag am Donnerstag ab 12.15 Uhr in der Sendung „Drehscheibe“ aus.

von Michael Rinde

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