Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
„Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit“

Gerichtsprozess nach Schwimmkurs „Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit“

Zwei ehrenamtliche Schwimmlehrer mussten sich am Freitag nach einem Vorfall in ihrem Kurs wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen vor Gericht verantworten.

Voriger Artikel
Randalierer zerstören geparkten Mercedes
Nächster Artikel
Entwarnung am Spielplatz „Piratennest“

Ähnlich wie auf diesem Foto muss sich die Situation vor rund einem Jahr abgespielt haben: Ein Junge verlor seine Schwimmhilfe und kämpfte dann darum, sich über Wasser zu halten.

Quelle: Tobias Hirsch

Stadtallendorf. Am 18. Mai des vergangenen Jahres kämpfte ein Fünfjähriger im Stadtallendorfer Alldomare während eines Anfängerkurses um sein Leben. Ob für drei Sekunden oder gar für drei Minuten und wer den Jungen letztendlich rettete – diese Details ließen sich während der Verhandlung am Freitag vor dem Kirchhainer Amtsgericht nicht klären. Die Aussagen der Schwimmlehrer und des Vaters gingen völlig auseinander.

Vater beleidigte Schwimmlehrer

Die beiden Ehrenamtler berichteten, ihre rund zwölf Kinder starke Anfängergruppe damals unterteilt zu haben. Während sich die eine Lehrkraft um die Jungen und Mädchen kümmerte, die etwas vorsichtiger an ihren Kurs rangingen, widmete sich die andere Lehrkraft den etwas mutigeren, fortgeschrittenen Schwimmschülern. Der Angeklagte erklärte, dass Kinder Poolnudeln stets unter beide Arme klemmen sollten, um sicher durchs Wasser zu kommen. Der Fünfjährige habe jedoch einen klassischen Fehler gemacht, die Schwimmhilfe in beide Hände genommen und sei ins Wasser gesprungen. Die Poolnudel lasse sich mit kleinen Händen beim Aufprall aufs Wasser nur schwer festhalten.

Und bei dem Jungen sei genau das passiert, was zu befüchten war. Ihm sei dies aber sofort aufgefallen und nach drei Sekunden ­habe er seinen Schüler bereits über Wasser gehalten. „Ich hatte ihn auf der Hand. Dann kam sein Vater rüber, riss ihn mir aus den Händen und sagte: Das ist mein Kind, Du Idiot.“ Später habe er sich noch weitere Beleidigungen gefallen lassen müssen.

Gefahr durch Handeln gegen Anweisungen

Die Angeklagte stellte noch heraus, dass Kinder eigentlich aufgefordert seien, nicht ins Wasser zu springen, sondern sich hineingleiten zu lassen. Dies verringere die Gefahr, die Schwimmhilfe zu verlieren.

„War die Situation kritisch oder eher alltäglich für einen Schwimmkurs?“, wollte Richter Joachim Filmer wissen. „Kritisch unter Umständen schon, denn so etwas sollte nicht vorkommen. Aber es kann eben passieren“, entgegnete der Schwimmlehrer, der nach eigenen Angaben schon mehr als 1.000 Kindern das Schwimmen beigebracht hat: „Es kommt eben vor, dass Gefahrensituationen entstehen, wenn Kinder entgegen den Anweisungen handeln. So etwas passiert eher bei denen, die übermütig sind.“

Vater kritisiert den Schwimmkurs insgesamt

Der Vater des Jungen schilderte die Situation ganz anders. Ihm sei schon vor dieser Schwimmstunde mulmig gewesen: „Die Art und Weise, wie der Schwimmkurs lief, das hat mir nicht gefallen. Es war immer ein Durcheinander und die Kinder machten, was sie wollten.“ Zum einen habe er die Lehrer darauf angesprochen, zum anderen sei er während dieser Stunde im Schwimmbad geblieben, um sich ein genaueres Bild zu machen: „Es ließ mir keine Ruhe. Und dann sah ich plötzlich, wie mein Sohn fast ertrinkt.“

Der Vater berichtete, er sei zu diesem Zeitpunkt Bahnen im Schwimmerbecken geschwommen, habe noch rund zehn Meter zurücklegen müssen, sei aus dem Wasser geklettert, quer durch die Halle gerannt, ins Lehrbecken gesprungen und habe seinen Sohn gerettet. Eine Aktion, die „vielleicht zwei oder drei Minuten“ gedauert habe: „Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit.“ Er habe anschließend den Schwimmlehrer angeschrien – sei aber vom Bademeister beruhigt worden. Allerdings habe sich sein Sohn danach mehrfach übergeben und leide noch heute unter den Geschehnissen: „In jeder Logopädiestunde spricht mein Sohn dies an.“

Kind hatte kein Wasser in der Lunge

Mehrfach ließen sich Anwälte, Staatsanwalt und Richter schildern, wie genau der Mann seinen Jungen aus dem Wasser gezogen haben will. Am Ende hielt Filmer fest, dass es bei den Beteiligten „deutliche Unterschiede in der subjektiven Wahrnehmung der Ernsthaftigkeit der Lage“ gebe. Da das Kind kein Wasser in der Lunge hatte, sei dies eine Situation gewesen, wie sie oftmals in Schwimmkursen vorkomme: „Das ist in etwa so, wie wenn man beim Erlernen des Fahrradfahrens hinfällt und sich das Knie aufschlägt. Ich sehe nicht die große Dramatik.“ Noch dazu sei er ehrenamt­lichen Schwimmlehrern dankbar für ihr Engagement: „Eine Kriminalisierung der Schwimmlehrer widerstrebt mir.“

„Der Vater hat die Sorge um sein Kind zu sehr in den Fokus genommen“, sagte dann auch der Staatsanwalt und schloss sich dem Vorschlag Filmers an, das Verfahren einzustellen.

von Florian Lerchbacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr