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Verbotsschild schürt Angst vor Überfall

Stadtallendorf Verbotsschild schürt Angst vor Überfall

Schlaf oder Sicherheit, was hat mehr Gewicht? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Verwaltungsgericht in Gießen. Ein Einzelhändler klagt gegen die Stadt Stadtallendorf.

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Dunkle Wolken verheißen Unheilvolles: Wegen dieses Schilds fürchtet eine Frau um ihren Mann.

Stadtallendorf. Nachts um drei Uhr in einer Straße in Stadtallendorf: Das Anlassen eines Lasters reißt ein Ehepaar aus dem Schlaf. Für die Störung ihrer Nachtruhe haben sie kein Verständnis und beschweren sich beim Bürgermeister. Ein Verbotsschild wird aufgestellt. Der Frieden ist wieder hergestellt. Doch jetzt fürchtet eine Frau um die Sicherheit ihres Mannes.

Der Fall beschäftigt die Behörden seit zwei Jahren. Im August 2007 ließ der Bürgermeister auf Beschwerde eines Ehepaares eine Anliegerstraße in Stadtallendorf für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen sperren. Der Hintergrund: Der Nachbar des Ehepaares, ein Einzelhändler aus Stadtallendorf, startete vier Mal im Monat zu nachtschlafender Zeit mit seinem Lastwagen in Richtung Frankfurt, um auf dem dortigen Großmarkt einzukaufen.

Der Bürgermeister lässt die Straße für Lastkraftwagen (Lkw) sperren. Er räumt dem Schutz der Nachruhe anderer Anwohner vor Lärm den Vorrang ein und beruft sich dabei auf eine Verwaltungsvorschrift zum Bundesimmissionsschutzgesetz, welche in Wohngebieten nachts eine Lärmbelastung von maximal 60 Dezibel vorsieht.

Der Lastwagen des Einzelhändlers hat ein Fahrgeräusch von 78 Dezibel, im Stand sogar 98 Dezibel. Fazit: Der Lkw muss draußen bleiben. Nun können die Nachbarn zwar wieder in Ruhe schlafen, die Ehefrau des Händlers aber nicht: „Ich habe Angst um die Sicherheit meines Mannes“, erklärt sie. Der Grund, wieso der Händler von seinem Wohnhaus aus startet und nicht von seinem Markt, ist nicht in Bequemlichkeit begründet: Da die Ehefrau das Privatauto benötigt, ist der Mann oft zu Fuß zu seinem Laden unterwegs. Vier Mal im Monat möchte er allerdings gerne auf den Fußmarsch verzichten. Eben dann, wenn er zum Großmarkt fahren muss – ein Markt, der nur Bargeld akzeptiert.

Eine Unterschriftenliste, auf der alle Straßenanlieger – mit Ausnahme von einem – erklärten, sich nicht gestört zu fühlen, liegt jetzt beim Verwaltungsgericht in Gießen – anhängend an eine Klage des Einzelhändlers gegen die Stadt Stadtallendorf. Das Verbotsschild soll wieder runter. „Es spricht sich immer mehr rum, dass mein Mann nachts mit soviel Bargeld durch die Stadt läuft“, sagt die Ehefrau besorgt. Ihn an Großmarkttagen regelmäßig zum Parkplatz des Lastwagens zu fahren, sei kein Dauerzustand, meint sie.

Hubertus Müller, Leiter des Stadtallendorfer Ordnungsamtes, zeigt Verständnis für das Händlerehepaar. „Ich kann aber auch die Anwohner verstehen, die sich gestört fühlen“.

Auch für das Verwaltungsgericht ist die Beschwerde der Nachbarn nachvollziehbar. Das Gericht schlug dem Kläger und der Beklagten in dieser Woche eine Mediation vor, ein „Verfahren“ bei dem sich die Beteiligten mit einem Moderator zusammenzusetzen und versuchen, das Problem außergerichtlich, also ohne ein Urteil zu lösen. Auch die Nachbarn, die sich durch den Lärm gestört fühlen, sollen daran teilnehmen.

von Tobias Hirsch

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