Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Zwei Frauen und jede Menge Alkohol
Landkreis Ostkreis Zwei Frauen und jede Menge Alkohol
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 15.01.2019
Ein Vater soll gegenüber seinem kleinen Sohn handgreiflich geworden sein. Quelle: Archivbild
Ostkreis

Statt vor der Großen Strafkammer des Landgerichts wurde die Strafsache letztlich vor einer Einzelrichterin des Amtsgericht verhandelt. Gleichwohl hatte die von Strafrichterin Schlenzig souverän und gelassen geleitete Hauptverhandlung das Format eines großen Falls: Zwei Gutachter, zwei Dolmetscher und neun Zeugen waren geladen. Fast fünfeinhalb Stunden wurde verhandelt. Die Fortsetzung folgt am Montag, 21. Januar, ab 10 Uhr im Raum 154 des Marburger Amtsgerichts.

Angeklagter saß halbes Jahr in Untersuchungshaft

Sechs Monate hat der Angeklagte wegen des Verdachts des versuchten Mordes an seinem sechs Monate alten Sohn in Untersuchungshaft gesessen. Gestern klagte Staatsanwalt Nico­lai Wolf unter anderem wegen Körperverletzung an. Er warf dem Mann vor, sein Kind am 11. Dezember 2015 in einer im Ostkreis gelegenen Flüchtlingsunterkunft mit verschränkten Armen gegen seinen Brustkorb gedrückt, in dessen Schulter
gebissen und mit der Tötung seines Sohnes und seiner Frau gedroht zu haben.

Die Expertise der Rechtsmedizinerin ergab, dass das Kind keine Folgenschäden erlitten hat. Bei einer ersten Untersuchung am 16. Dezember in Kassel seinen Verfärbungen am Hals und an einem Hoden des ­Kindes festgestellt worden. Bei der ­gerichtsmedizinischen Untersuchung zwei Tage später seien diese nicht mehr erkennbar gewesen. Dafür fand sich eine Hautverfärbung auf dem Rücken.

Der Angeklagte wurde in Handschellen vorgeführt, weil er derzeit wegen einer anderen Strafsache in einer forensischen Psychiatrie einsitzt. Dort macht der Äthiopier eine Langzeit-Therapie zur Überwindung seines Alkoholproblems.

Im Gerichtssaal gab sich der Angeklagte als friedvoller Unschuldsmensch. Er habe an dem fraglichen Tag seinen Sohn besuchen wollen, um mit ihm zu spielen. Nach Streitigkeiten mit seiner Ehefrau habe er die Unterkunft in Richtung Marburg verlassen müssen.

Von dort aus sei er mit dem Bus zu der Unterkunft gefahren, nachdem alle seine Anrufe unerhört geblieben seien. Dort habe er in der Küche der Einrichtung mit seinem Sohn gespielt – gegen den Willen seiner Frau. Seine Frau habe gesagt, er käme nicht wegen des Jungen, sondern wegen einer jungen Frau aus dem ehrenamtlichen Betreuungsteam, mit der er eine Beziehung eingegangen sei. Er habe sich deshalb mit seiner Frau gestritten. Eskaliert sei die Situation mit dem Eintreffen des Hausmeisters, der ihn beim Versuch, ihm sein Kind zu entreißen, an den Haaren gerissen habe. Letztlich habe er seinem Sohn einem guten Bekannten aus der Unterkunft übergeben, bevor er das Haus habe verlassen müssen.

Der Angeklagte bekannte sich zu seinen Todesdrohungen gegen Kind und Ehefrau. Das habe er getan, um den Umstehenden zu bedeuten, wie sehr er sein Kind liebe. In seinem Land sei das üblich.

Todesdrohungen auf der Straße

Die auf der Straße verbreiteten Todesdrohungen und die spätere Ankündigung des Angeklagten, nochmal von Marburg aus zu der Unterkunft zu kommen, veranlasste eine Helferin des ehrenamtlichen Betreuungsteams, die Polizei zu rufen. Noch am gleichen Abend gelangten Mutter und Kind in die sichere Obhut des Frauenhauses. Auch was die mitangeklagten Straftaten zu Lasten seiner damaligen Freundin angeht, wusch der Mann seine Hände in Unschuld. Laut Anklage hatte er im September 2016 zunächst ein Notebook aus dem Zimmer gestohlen, dann bei einer zufälligen Begegnung zunächst versucht, sie gegen ihren Willen zu küssen, und ihren Hals gewürgt und sie dann gegen eine Mauer gedrückt. Schließlich verfolgte er trotz Annäherungsverbot die junge Frau in der Marburger Oberstadt und beleidigte sie.
Ganz genau weiß der Angeklagte, wer sein Leben zerstört hat:

  •  „Der Alkohol hat mein Leben zerstört.“
  •  „Meine Freundin hat mein Leben zerstört.“
  •  „Meine Frau hat mein Leben zerstört, weil ich mein Kind nicht sehen darf.“

Letztere machte von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. „Ich möchte heute damit abschließen“, sagte sie der Richterin. Nach dem ersten Verhandlungstag kann nach den zahlreichen Zeugenaussagen als einigermaßen sicher angenommen werden:

  • Der Angeklagte hat ein massives Alkoholproblem. Unter ­Alkoholeinfluss ist er ein anderer Mensch, der sich nicht unter Kontrolle hat.
  •  Unter Alkohol wird er aggressiv – nach der Erfahrungen der Zeugen nur mit beleidigenden Worten, nicht mit Taten.
  • Der Angeklagte stand zur Tatzeit – vermutlich strafmildernd – unter Alkoholeinfluss. Nach seinen schwerlich zu widerlegenden Angaben hat er am Tattag vier Liter Bier und 0,6 Liter Wodka getrunken. Die Rechtsmedizinerin errechnete für die Tatzeit für den 65 Kilo schweren Mann einen Minimal-Promillewert von 3,46 und einen Maximalwert von 5,0 Promille. Sie bestätigte auf Anfrage von Rechtsanwalt Thomas Strecker, dass diese Werte nur von Schwerstalkoholikern erreicht würden. Deshalb sei die Langzeittherapie seines Mandanten absolut sinnvoll.
  • Er liebt sein Kind und leidet daran, dass es ihm vorenthalten wird.

Große Sorge um Kind und Mutter

  • Fast alle Tatzeugen waren in großer Sorge um das Wohl des Kindes und seiner Mutter. Der Hausmeister berichtete, dass der Angeklagte sein Kind mit großer Kraft gegen seinen Brustkorb gedrückt habe. Der Kopf des Kindes sei nach hinten weggekippt. Von dem Kind habe es keinen Ton gegeben. Erst als es gelungen sei, den Griff zu lösen, habe das Kind geschrien. Nach Aussage des Zeugen sei der ­kleine Jungen blass im Gesicht gewesen. Randnotiz: Erst eine halbe Stunde später fiel Thomas Strecker auf, dass ein dunkelhäutiges Kind nie blass sein könne.
  • Eine große Ich-Bezogenheit ist ihm zu eigen. Seine Deutschlehrerin beschrieb aus ihrer Sicht sein Denken im Zeugenstand mit dem prägnanten Satz: „Wenn ich nicht das Kind bekomme, dann soll es die Mutter auch nicht haben.“

von Matthias Mayer