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Über die Wiederentdeckung der Liebe Gottes

Kirchhain feiert die Reformation Über die Wiederentdeckung der Liebe Gottes

In einer voll besetzten Kirche feierten die Kirchhainer am Dienstag in der Stadtkirche den 500. Jahrestag des Thesenanschlags Martin Luthers.

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So voll wie zum Reformationsjubiläum ist die Stadtkirche sonst nur an Heiligabend.Foto: Sören Zaschke

Kirchhain. von Silke Leich

Kirchhain. Martin Luther war auch in Kirchhain: Anfang Oktober 1529 auf dem Weg nach Marburg, um mit dem Reformator Huldrych Zwingli zu sprechen. Um 1530 erhielt er ein Wappen: die Lutherrose. Eine Abbildung von ihr war am Reformationstag in einem fast eineinhalbstündigen Vormittagsgottesdienst in der über 600 Jahre alten Kirchhainer Stadtkirche Sankt Michael zu bewundern. Erschaffen hatte sie der Küster Andreas Tetzlaff. Sie war vor dem Altarraum platziert, im Umfang 1,80 Meter groß und bestand aus Bohnen, Linsen, Mohn-, Reis- und einheimischen Getreidekörnern, Ähren und Hagebutten. Elf Streicher des renommierten Marburger Kammerorchesters umgaben sie, ein Organist und Cembalist (Bezirkskantor Peter Groß) und 52 Sänger aus den Kantoreien „Familienchor“ (Kirchhain) und Marburger Land.

Und in den Kirchenbänken saßen wenigstens 380 Besucher, darunter der Kirchhainer Bürgermeister Olaf Hausmann, auf der Empore 18. Denn es war ein besonderer Gottesdienst an einem ausnahmsweise deutschlandweiten evangelischen Feiertag: dem 500. Jahrestag des Thesenanschlags Martin Luthers. Und im Zeichen des Reformators stand dieses Abschlussfest des Projektes „Bibel bewegt“, einer Aktion des Kirchenkreises Kirchhain aus 36 Veranstaltungen.

Werke aus der Barockzeit und zum Mitsingen

Lutherisch ist Johann Sebastian Bach. Der Bezirkskantor des Kirchenkreises Kirchhain, Peter Groß, eröffnete den Gottesdienst mit der fünfminütigen Choralfantasie für Orgel „Komm, Heiliger Geist“ (BWV 651).

Dirigiert von Kantorin Christiane Kessler (Marburger Land, Wetter) stimmten die 52 Sänger und 14 Instrumentalisten, darunter Peter Groß, weitere von Luther inspirierte Kirchenmusik an. Zunächst spielten sie die 1. und 2. Strophe von Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ nach Psalm 46, gemäß dem Dichter des Loreley-Lieds, Heinrich Heine, die „Reformationsmarseillaise“, und zwar die Choralmotette von Georg Philipp Telemann. Der Todestag dieses Komponisten jährte sich in diesem Jahr zum 250. Mal.

Jeder Tonart war ein Instrument zugeordnet, dem Sopran die Trompete, die von Karl-Joseph Lemmer gespielt wurde. Den Männern war das Euphonium zugeordnet, ein gewaltiges Blechblasinstrument, das von Manuel Schäfer gespielt wurde.So klang die Motette besonders erhaben. Das zweite Chor- und Orchesterwerk, ebenfalls aus der Barockzeit, beschäftigte sich mit Luthers Arbeitsethos und dankbarer Lebensbejahung: Es war Dietrich Buxtehudes Kantate „Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken“ nach Kolosser 3,17. Besonders polyfon erklang sie im 1. und 8. Chor mit ihren Schleifen und Melismen. Es macht Spaß, Passagen wie „und dahahahahahahahahanket und dahahahahahahanket Gott, unserm Vahahahahahahater, unserm Vaaater durch ihn“ einzuüben und zu singen. Zum Teil tänzerisch ertönten die Sonatas, wunderbar gespielt vom Marburger Kammerorchester. Ein Glanzlicht war der 5. Satz zu Psalm 37.4, der Predigtgrundlage: „Habe deine Lust am Herrn“ sangen die Tenöre und Bässe, zehn Sänger und eine Sängerin, im Chorbereich, begleitet von Cello und Bass (Christian Keller, Anja König). Die Klänge wirkten sehr meditativ auf die Kirchengemeinde: Sie sang „Lobt Gott getrost mit Singen“, ein Loblied auf den Gesang von 1544, das der Dekan des Kirchenkreises Kirchhain, Hermann Köhler, in seine Predigt einflocht.

„Die Reformation hat das Evangelium wiederentdeckt, die herrliche, süße Liebe Gottes“, sagte er in seiner zirka zwanzigminütigen schönen Lehrstunde über Luthers Leben, Werk, Zeit, Nachwirkung und das Evangelisch-Sein heute. Er sprach sich für den Dialog der Religionen aus, vergaß nicht Schattenseiten der Welt, wie das Bienensterben und Massentierhaltung, lobte den Kauf von Fairtrade-Lebensmitteln und Biofleisch und lehrte uns sogar ein hebräisches Wort aus Psalm 37.4: „Anag“, „sich laben“ oder (wörtlich) „labe dich am Herrn“. Im selben Sinne gestaltete Pfarrer Wilhelm, der Hausherr der Kirchhainer Stadtkirche, der durch den Gottesdienst geführt hatte, seine Fürbitten.

Nach dem Segen stimmten der Chor und das Orchester „Verleih uns Frieden gnädiglich“ von Martin Luther in der Vertonung des englischen Gegenwartskomponisten Colin Mawby an. Danach gab es Applaus. So endete der Gottesdienst, der so gut besucht war wie sonst nur an Heiligabend, und noch festlicher für Geist und Seele.

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