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Ostkreis Trauriges Leben sollte im Feuer zu Ende gehen
Landkreis Ostkreis Trauriges Leben sollte im Feuer zu Ende gehen
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19:54 29.02.2012
Mit Grillanzündern steckte ein Momberger am 15. Oktober 2011 seine Wohnung in Brand. Bei dem Schwelbrand entstand ein Schaden von 30.000 bis 50.000 Euro. Quelle: Julius Mayer

Momberg. Zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilte die unter Vorsitz von Dr. Carsten Paul tagende Große Strafkammer einen Wiederholungstäter aus Momberg wegen schwerer Brandstiftung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit.

Bevor der gelernte Schreiner diese Strafe verbüßen kann, wird er auf unbestimmte Zeit in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Ein Gutachter bescheinigte dem Angeklagten eine „schizoide Persönlichkeitsstörung mit emotionalen und passiv-aggressiven Anteil“.

Gutachter, Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Gericht waren sich am Ende der gut vierstündigen Verhandlung einig, dass die klinische Unterbringung  zum Schutz der Allgemeinheit und zum Wohl des Angeklagten vor der Unterbringung im Strafvollzug notwendig ist. Der geständige Angeklagte nahm das Urteil sofort an.

Was war am Abend des 15. Oktober in dem Wohnhaus in dem Neustädter Stadtteil geschehen? Nach den nüchternen Aussagen des emotionslos wirkenden Angeklagten war ihm die Idee zur Brandstiftung am Morgen des Tages gekommen. Er verbrachte den Tag  ganz normal in seiner Wohnung. Am Abend setzte er sein Vorhaben gegen 18.30 Uhr in die Tat um. Er entzündete mehrere Grillanzünder.

Mit einem steckte er das Sofa in seinem Wohnzimmer in Brand. Fünf weitere drapierte er im Schlafzimmer. Während das Feuer im Schlafzimmer wegen Sauerstoffmangels erlosch, entwickelte sich im Wohnzimmer ein Schwelbrand, den eine Nachbarin erst gegen 22.30 Uhr bemerkte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Angeklagte längst das Haus verlassen, ohne persönliche Dinge mitzunehmen.

Auf eine entsprechende Nachfrage des Gerichts erklärte er, dass es nichts gebe, was ihm persönlich wichtig sei. Die dazu passende todtraurige Lebensgeschichte des 32-Jährigen trug der psychiatrische Gutachter vor. Der Angeklagte wurde in Frankfurt als viertes von fünf Kindern seiner Mutter geboren, die sich nicht ausreichend um die Kinder kümmern konnte.

Schon in jüngsten Jahren wandelte er auf der Schattenseite des Lebens. Er kam in Pflegefamilien unter, die laut Gutachter schlecht ausgewählt waren. Ab seinem siebten Lebensjahr wuchs er mit seiner Schwester in verschiedenen Heimen auf. Zuneigung und Fürsorge hat er nie erfahren. Seine  Schwester ist die einzige Bezugsperson.

Die brachte im Zeugenstand etwas Licht ins Dunkel der Motivlage des Angeklagten. Ihr Bruder sage zwar immer, bei ihm sei alles gut. Tatsächlich habe er unter der Trennung von seiner Freundin gelitten, die ihn zuvor erheblich ausgenutzt habe. Zudem habe er trotz langer Arbeitstage  als Fliesenleger nicht mehr als 1.000 Euro im Monat verdient – ein Einkommen, das unmittelbar vor der Tat erstmals nicht mehr für Miete reichte, berichtete der Gutachter.

Dies alles habe zu angestautem Ärger geführt. Da der Mann nicht über die üblichen Mechanismen zum  Abbau von Ärger verfüge, habe er wahrscheinlich das Feuer gelegt – bereits zum dritten Mal in seinem Leben. „Mit der Tat wollte der Angeklagte den sozialen Tod sterben, er handelte aus Ärger gegen sich selbst, wollte die Situation hinter sich lassen“, sagte der Gutachter.

Dieser These wollte kein Prozessbeteiligter widersprechen, zumal der Angeklagte versicherte, dass er nicht das Geringste gegen seinen Vermieter habe – der im Haus wohnende Mann war zum Tatzeitpunkt nicht im Haus. Ob ihm bewusst sei, dass er dessen Leben gefährdet habe, wollte das Gericht von dem Angeklagten wissen. „Darüber habe ich nicht nachgedacht“, sagte der Mann knapp, der sich aus der U-Haft bei seinem Vermieter brieflich entschuldigt hatte.

von Julius Mayer