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Tiefkühl-Erdbeeren haben keine Chance

Kochprojekt Tiefkühl-Erdbeeren haben keine Chance

Es geht ums Essen bei diesem Ortstermin in der Rauschenberger Kita Mäuseburg, und dasThema liegt förmlich in der Luft: Im ganzen Haus riecht es nach Kassler und Sauerkraut.

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Quelle: Matthias Mayer

Rauschenberg. Das Besondere: Der appetitanregende Duft strömt nicht aus den Warmhalte-Containern eines Catering-Service in die Nasen der 106 Kita-Kinder, sondern er kommt aus der Küche der Einrichtung. Dort wird täglich frisch gekocht. Das gehört zum Konzept der beiden Rauschenberger Kindergärten in der Kernstadt und im Stadtteil Bracht. Die Sinnhaftigkeit dieses Konzepts hat sich erst jüngst bestätigt, als 11000 Menschen bundesweit an Brechdurchfall erkrankten. Sie hatten die von einem Caterer an Schul- und Betriebskantinen gelieferten chinesischen Tiefkühl-Erdbeeren gegessen, die mit Noroviren belastet waren. Diese wären in den Rauschenberger Einrichtungen nie auf den Tisch gekommen.

Nur Frisches aus der Region kommt auf den Tisch

„Bei uns gibt es keine Erdbeeren im Herbst, sondern nur Obst und Gemüse aus der Region, das in der jeweiligen Jahreszeit gerade verfügbar ist“, sagt Ilona Gerbitz-Mess, die Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte. Im städtischen Kindergarten in Bracht ist das nicht anders. „Es klingt zunächst verlockend, wenn ein Caterer ein Mittagessen für 1,50 Euro oder 1,80 Euro anbietet. Aber es geht auch anders. Wir haben den Aufwand für frisch zubereitete Mahlzeiten in Bracht auf die Minute genau errechnet und dabei festgestellt, dass wir preislich mit den Caterern mithalten können“, sagt Rauschenbergs Bürgermeister Manfred Barth, der zudem nach einem Vergleichsessen stolz konstatiert: „Unser Kindergartenessen schmeckt besser, als das der Caterer.“ Der Kämmerer berichtet von einer kostendeckenden Essenspauschaule in Höhe von 69 Euro im Monat. Mit diesem Geld werde in Bracht immerhin ein sozialversicherungspflichtiger Halbtags-Arbeitsplatz finanziert, stellt Barth fest.

In vielen Familien wird nicht mehr gekocht

Mindestens ebenso wichtig ist dem Bürgermeister die pädagogische Idee, die hinter dem Essenskonzept steckt. „In vielen Familien wird heute nicht mehr gekocht. Die Kinder kommen nur noch mit Fertiggerichten in Berührung und erleben nicht mehr, was Kochen wirklich ist“, sagt Barth. Ilona Gerbitz-Mess bestätigt diese Einschätzung. „Die meisten Kinder sind von 7 bis 17 Uhr bei uns. Sie bekommen die ganze Abläufe rund um das Essen vom Einkaufen über das Zubereiten und das Decken des Tisches zu Hause nicht mehr mit, wie das für frühere Generationen eine selbstverständliche Erfahrung war“, sagt sie. In der Mäuseburg werden die Kinder in diese Prozesse direkt mit eingebunden. Dies gilt besonders für den Vormittags- und den Nachmittagsimbiss. Dann stehen Brot, Käse, Wurst, Rohkost, und Joghurt auf den Tischen. Die Kinder bedienen sich selber, spülen hinterher ihr Besteck und decken dann den Tisch für die nächste Mahlzeit.

Emily hat es gut geschmeckt

Im Mittelpunkt des Tages steht das Mittagessen, das aus Kapazitätsgründen gleich in drei Speiseräumen auf drei Stockwerken ausgegeben wird. Das heißt: Es gibt mächtig Turbulenzen in der Küche. Pro Tisch müssen jeweils eine Schüssel mit Sauerkraut, mit Kassler und mit Püree gefüllt werden. Erzieherinnen fahren die heiße Fracht auf Wagen in die Speiseräume, wobei der Aufzug gute Dienste leistet. Das Menü für die unter Zweijährigen bekommt derweil noch eine Spezialbehandlung: Das Fleisch und das Kraut werden püriert.

Der Speisezettel ist abwechslungsreich und reicht von Wildschweinbraten über Rehrücken, Ente und Gans bis hin zu Grießbrei und Eintopf. „Wenn es mal etwas Besonderes gibt, müssen wir dass dann durch ein einfacheres Gericht ausgleichen, damit wir mit unserem Budget klarkommen“; erläutert die Kita-Leiterin, während die Schüsseln auf die einzelnen Tische verteilt werden. Noch ein Tischgebet und dann geht‘s los. Der Lärmpegel sinkt; vollgestopfte Münder bremsen das Mitteilungsbedürfnis der Kleinen.

Bleibt noch eine zentrale Frage zu klären, die Ilona Gerbitz-Mess im Kreis der jüngsten Mittagsgäste stellte: „Schmeckt es Dir, Emily?“ Emily ist noch keine zwei Jahre alt, hat aber zur Qualität des Essen eine klare Meinung: „Ja“, sagt sie. „Gibst Du mir etwas ab“. Auf diese Frage antwortet Emily ebenso entschlossen mit einem klaren „Nein“.

von Matthias Mayer

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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