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Taxifahrer missbraucht das Vertrauen

Schöffengericht Taxifahrer missbraucht das Vertrauen

Ein Taxifahrer begrapschte eine Kundin in ihrer Wohnung, küsste sie, ignorierte ihre Abwehrversuche und missbrauchte so das Vertrauensverhältnis, das zwischen Fahrer und Kunde herrscht.

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Einem Taxifahrer wurde vor Gericht ein Detail zum Verhängnis: Er gab an, sein Schlüssel habe in der Sonnenblende seines Fahrzeuges gesteckt, sein Bruder erklärte indes, er habe auf dem Tresen neben dem Bier gelegen.

Quelle: Archiv

Ostkreis. „Die Anzahl der Übergriffe von Taxifahrern auf Frauen hat zugenommen“, ärgerte sich der Staatsanwalt am Ende einer mehrstündigen Verhandlung gegen einen 40-Jährigen aus dem Ostkreis und forderte, dass das Amtsgericht Marburg ein Zeichen setzt und den Angeklagten zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilte.

Letztendlich verurteilte Richter Dominik Best den ehemaligen Taxifahrer zu einem Jahr und fünf Monaten Haft, weil er es für erwiesen ansah, dass der Mann in der Nacht vom 20. auf den 21. August des vergangenen Jahres eine Kundin sexuell genötigt hatte.

Die Frau war aus einer Disco gekommen, entdeckte kein Taxi ihres bevorzugten Unternehmens und griff so auf den Wagen einer anderen Firma zurück. Vor ihrer Haustür angekommen fiel ihr auf, dass sie einen Euro zu wenig dabei hatte. Entsprechend bat sie den Fahrer zu warten, während sie die fehlende Münze aus ihrer Wohnung holt.

Sie ließ nach eigenen Angaben die Wohnungstür auf, damit der Mann sehen konnte, dass sie ihn nicht um sein Geld betrügen will. Plötzlich habe er neben ihr auf der Couch gesessen, sie am Bein gestreichelt und ihr gesagt, wie hübsch sie doch sei. „Nimm Deinen Scheiß-Euro und verpiss Dich“, habe sie ihm mehrfach entgegengeschleudert und versucht, seine Avancen abzuwehren. Dennoch habe er sie geküsst, am Busen und am Po begrapscht, schilderte das Opfer. Erst nach mehrfacher Aufforderung habe er seine Münze gegriffen und sei gegangen, berichtete die 40-Jährige.

Der ehemalige Taxifahrer indes gab zu Protokoll, dass er in der Tatnacht gegen 1 Uhr die Arbeit eingestellt habe, da nichts los gewesen sei. Mit einem Kunden sei er letztendlich in einer Bar versackt, wo er Bier getrunken habe. Sein Taxi stand dabei vor dem Gebäude - mit dem Schlüssel in der Sonnenblende.

Irgendwann nach drei Uhr sei sein Bruder vorbeigekommen, habe sich über sein Verhalten geärgert und ihn nach Hause gebracht - auf dem Weg wollen die beiden den Fahrtenzettel in den Briefkasten des Taxiunternehmens geworfen haben.

Der ältere Bruder erklärte, er unternehme öfters Kontrollgänge oder -fahrten durch den Ort, da seine Geschwister spielsüchtig seien. In der fraglichen Nacht - mitten in der Fastenzeit - sei er früh aufgestanden, um zu essen und dann zur Frühschicht zu gehen. Zufällig sei er am Fahrzeug seines Bruders vorbeigefahren und habe dann aus Sorge einen Blick in die Bar geworfen: „Ich regte mich auf, weil er Alkohol trinkt, während er eigentlich Taxi fahren sollte. Dann nahm ich den Schlüssel, der neben dem Bier auf dem Tresen lag, packte meinen Bruder an der Schulter und brachte ihn nach Hause“, ließ der 43-Jährige über einen Übersetzer wissen.

Letztendlich waren es die Details, die Richter Best und zwei Schöffinnen von der Schuld des Angeklagten überzeugten: Zum einen lasse die Unstimmigkeit beim Fundort des Schlüssels Zweifel an der Geschichte des älteren Bruders aufkommen. Und auch an der Korrektheit des Fahrtenzettels zweifle er, kommentierte Best: Kein anderer Fahrer des Unternehmens habe die genauen Zeiten der einzelnen Fahrten eingetragen - der Angeklagte aber schon. Das Schriftbild sei gleich, was ihn annehmen lasse, dass der Zettel nachträglich an einem Stück ausgefüllt worden sei, erklärte der Richter.

Viel wichtiger war ihm jedoch, dass das Opfer wenige Tage nach der Tat seinen Peiniger auf einem Foto identifizierte und ihn zielsicher aus einer Auswahl herauspickte, obwohl dieser sein Aussehen völlig verändert hatte: Angeblich wegen einer Erkrankung der Kopfhaut sei er mit Glatze zur Vernehmung gekommen, sagte der 40-Jährige, den die Frau im Gerichtssaal rund acht Monate nach der Tat allerdings nicht erkannte. Das sei nach so langer Zeit nicht ungewöhnlich, kommentierte Best, der ebenso wie der Staatsanwalt einen generellen Kritikpunkt beleuchtete: Der 40-Jährige sei in den „geschützten Bereich Wohnung“ eingedrungen. Noch dazu habe er das besondere Vertrauensverhältnis der Kunden zu Taxifahrern missbraucht: „Die Allgemeinheit vertraut ihnen und hat einen Anspruch auf unbehelligten Transport. Vor allem Frauen begeben sich schließlich schutzlos in die Obhut von ihnen zumeist unbekannten Männern.“

von Florian Lerchbacher

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