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Ostkreis PTBS: Der Kampf nach dem Kampf
Landkreis Ostkreis PTBS: Der Kampf nach dem Kampf
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00:18 18.07.2018
Symbolfoto: Albträume, Alkohol und Angst vor Bärten: Stadtallendorfer Soldat stürzt nach seiner Rückkehr ab. Quelle: Maurizio Gambarini
Stadtallendorf

Die Amerikaner kennen es schon seit dem Vietnamkrieg. Weil mittlerweile auch deutsche Soldaten ins Ausland geschickt werden, ist das Phänomen nun auch hierzulande ein Thema: Soldaten, die infolge eines Einsatzes psychisch krank werden. Nachdem Alexander Durm (Name von der Redaktion geändert) aus Afghanistan nach Stadtallendorf zurückkommt, leidet er an der schwersten Form – einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

In der Herrenwaldkaserne arbeitet Oberstabsarzt Dr. Steffen Baron. Als Psychiater hatte er schon mit einigen Soldaten zu tun, die mit verwundeter Seele heimkehrten. „Die Intensität der Einsätze steigt“, sagt er. „Dabei geht es nicht immer nur darum, Brunnen zu bohren und Schokolade zu verteilen.“

Was er meint: Deutsche Soldaten fliegen ins Ausland und begeben sich dort in Gefahr – nicht selten in Lebensgefahr. Die Angst um das eigene oder das Leben der Kameraden ist vielleicht die größte Belastung für die Psyche. Aber es ist nur eine Belastung unter vielen. Klima, Essen, Kultur, oft ist alles anders als zu Hause. Damit fertig zu werden, ist nicht leicht. Wer dann auch noch den ganzen Tag mit kompletter Kampfausrüstung durch die Sonne stapft, muss mental robust sein.

Rund deutsche 3.300 Soldaten sind aktuell im Ausland

Steffen Baron kennt den Fall Durm, den Menschen, das Schicksal. Baron hat den Soldaten nach dessen Rückkehr behandelt und rekonstruiert in einem Gespräch mit der Oberhessischen Presse Durms Geschichte.

Als Alexander Durm nach Afghanistan fliegt, kann er nicht ahnen, dass ihm die notwendige psychische Robustheit fehlt, die ein Soldat manchmal braucht. Ärzte sprechen hier von Resilienz, was so viel wie Widerstandsfähigkeit bedeutet. Durm wollte immer Soldat werden. Als Russlanddeutscher wächst er in Sibirien auf und siedelt im Jahr 2000 im Alter von zwölf Jahren gemeinsam mit seiner Familie nach Deutschland über. Den kulturellen Wechsel übersteht er insgesamt sehr gut.

Er ist bodenständig, hat als 15-Jähriger die erste Freundin, macht seinen Hauptschulabschluss und tritt 2006 in die Mannschaftslaufbahn bei der Bundeswehr ein. Alexander Durm wird Fallschirmjäger. Diese Waffengattung gehöre zu den wagemutigsten, sagt Oberstabsarzt Baron. „Die werden häufig in Auslandseinsätze geschickt.“

Laut Bundeszentrale für politische Bildung laufen derzeit 13 Bundeswehreinsätze im Ausland. Rund 3.300 Soldaten verrichten in der Fremde ihren Dienst, rund 1.000 davon allein in Afghanistan. Seitdem Deutschland Truppen in Auslandseinsätze sendet, sind 108 Soldaten zu Tode gekommen.

Der Unfall

Nach zweijähriger Ausbildung wird Alexander Durm 2008 nach Afghanistan geschickt. Er ist noch nicht lange dort, als er mit seiner Einheit zu einer Patrouillenfahrt in Wolf-Geländefahrzeugen aufbricht. Durm sitzt in dem Konvoi hinten in einem Wolf, als plötzlich die Straße absackt.

Der Geländewagen fällt um, überschlägt sich und stürzt eine 15 Meter tiefe Böschung hinab. Durm wird hinausgeschleudert. Er landet in voller Kampfmontur am Fuße der Böschung in einem Wadi, der etwas Wasser führt. Zunächst fürchtet er, dass der Wolf ihn erschlagen könnte. Dann hat er Angst zu ertrinken.

Für kurze Zeit ist er bewusstlos. Es gelingt ihm, sich aus dem Wasser zu befreien. Oben auf der Straße eilen Einheimische herbei. „Die haben den Unfall wie einen Sieg gefeiert“, sagt Durm später. Noch Jahre danach wird ihn der Anblick von Männern mit langen Bärten und in Gewändern in Panik versetzen.

Körperlich übersteht er den Unfall einigermaßen glimpflich. Ein Leberriss, ein Bauchtrauma, zurück in Deutschland hat er die physischen Folgen schnell überwunden. Er scheint Glück gehabt zu haben. Anders als seine Kameraden, die in Afghanistan zurückbleiben.

Geschichte eines Absturzes

Durms Truppführer – ein Freund und Vorbild – stirbt im August 2008 bei einer Bombenexplosion. Später kommen drei weitere Männer aus Durms Einheit ums Leben. Der letzte im Herbst 2009, weil sich keine Leber für eine Transplantation findet. Für Alexander Durm ist der Tod der Kameraden eine Katastrophe. Sie waren wie Brüder für ihn. „Da klingt eine Art Überlebensschuld mit“, sagt der Psychiater Steffen Baron. Durm fühlt sich schuldig, weil er selbst lebt und die Freunde sterben.

Die Dinge geraten aus den Fugen. Durm fängt an zu trinken. Er wird reizbar, hat Schlafstörungen. „Die Schubladen gingen immer weiter auf“, sagt er später über diese Zeit. Zu diesem Zeitpunkt, Ende 2009, wissen weder die Ärzte noch Durm selbst, dass er unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet.

Im März 2010 eskaliert dann die Situation. Alexander Durm hält einem Kameraden ein Kampfmesser an den Hals, weil dieser ihn zu mehr Ordnung mahnt. Disziplinarrechtlich ist das ein schwerer Zwischenfall. Durm sagt, er habe in diesem Augenblick Gesichter und Szenen aus dem Einsatz gesehen. Der Soldat wird aus der Bundeswehr entlassen, steht ohne Arbeit und Einkommen da.

Erst nach Jahren erkennen Ärzte die PTBS

Nach seinem Rausschmiss greift Durm noch häufiger zur Flasche. Er wird zu Hause handgreiflich, die Polizei kommt. Ende 2010 verlässt ihn seine Frau und nimmt das Kind mit. Sie hatten erst ein Jahr zuvor geheiratet. Durm hat jetzt alles verloren.
Albträume plagen ihn. Er sitzt tagelang in abgedunkelten Räumen, ist immer müde und hat keine Lust auf irgendetwas. Einen strukturierten Tagesablauf gibt es für ihn nicht. Er ist in Erinnerungen und Gefühlen versunken, steckt in der Vergangenheit fest.
Erst im Mai 2011 erkennen die Ärzte die PTBS und beginnen mit der Therapie. Die Aussichten auf Heilung sind in solchen Fällen grundsätzlich gut, sagt Steffen Baron.

Später entbrennt bei der Bundeswehr ein Gutachter-Streit über Durms Fall. Dabei geht es auch um die Frage, ob der Soldat wieder in den Dienst aufgenommen wird. Entscheidend hierfür ist, dass eine sogenannte einsatzbedingte PTBS diagnostiziert wird. Dann übernimmt die Bundeswehr die Verantwortung für die berufliche Wiedereingliederung, ganz gleich ob zivil oder wieder beim Militär.

Bei einer solchen einsatzbedingten PTBS darf der Auslöser der Krankheit nicht länger als sechs Monate zurückliegen, bis sich Symptome zeigen. Bei Durm war ein erstes Gutachten davon ausgegangen, dass der Unfall in Afghanistan für den Soldaten traumatisch war. Bis der Soldat auffällig wurde, waren aber schon mehr als sechs Monate vergangen.

Lange Traumaphase

Weitere Gutachten werden erstellt. Diese stellen klar, dass auch der Verlust der Kameraden noch in Durms Traumaphase fiel. Der letzte Tod eines Kameraden lag nur rund vier Monate zurück, als Durm das Messer zückte. Für die Ärzte ist jetzt klar: Es handelt sich um eine PTBS, die durch den Dienst des Soldaten in Afghanistan bedingt ist. Steffen Baron will dem Verfasser des ersten Gutachtens keinen Vorwurf machen. „Manchmal geht so was in der Routine unter. Vielleicht wäre mir das auch passiert.“ Aber er ist davon überzeugt, dass man Alexander Durm den Absturz hätte ersparen können, wäre die PTBS früher erkannt worden. „Dieses eine schlimme Jahr für ihn hätte nicht sein müssen.“

Vielleicht wäre es auch anders gelaufen, wenn Durm sich seiner Probleme schneller selbst bewusst geworden wäre. Manche Soldaten kämen mit einer bestimmten Vorstellung zur Bundeswehr, sagt Steffen Baron. Sie glaubten an so etwas wie einen Soldatenethos, der ihnen abverlangt, dass sie keine Schwäche zeigen dürfen und ihre mentalen Probleme mit sich selbst ausmachen müssen.

Sensibler Umgang

 Die Bundeswehr verlange das allerdings nicht von ihnen. „Es ist bei uns nicht mehr wie zu Kaisers Zeiten“, sagt Baron. Vielmehr werde sensibel mit Themen wie PTBS umgegangen. Betroffene würden nur in Ausnahmefällen von Kameraden stigmatisiert. „Bei dem Thema ist eine gewisse Normalität eingekehrt. Wir nehmen es ernst, machen aber keinen großen Aufriss mehr darum.“ Wichtig sei, dass die Soldaten wissen, dass sie eine PTBS treffen kann.

Um Soldaten mit einsatzbedingten seelischen Schäden zu helfen, sie zu heilen und wieder ins Berufsleben zu integrieren, habe die Bundeswehr sich in vielen Bereichen neu aufgestellt, sagt Baron. Führungspersonal wird geschult. Vorgesetzte sollen frühzeitig Anzeichen bei Kameraden entdecken. Unter den Soldaten gibt es Lotsen, die als Ansprechpartner bereitstehen. Und an der Spitze befasst sich Generalarzt Dr. Bernd Mattiesen im Verteidigungsministerium ausschließlich mit PTBS. Auf allen Ebenen habe ein Umdenken stattgefunden, sagt Steffen Baron.

Nach einer mehrjährigen Therapie ist Alexander Durm mittlerweile beschwerdefrei und zurück im Dienst. Er arbeitet als Ausbilder in einem anderen Bundesland. Seine Prognose ist gut. So lange er die Finger vom Alkohol lässt.

von Dominic Heitz