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Ostkreis Historische Wasserleitungen aus Holz gefunden
Landkreis Ostkreis Historische Wasserleitungen aus Holz gefunden
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00:19 19.09.2018
Ein Baggerführer hebt ein Stück der hölzernen Wasserleitung aus dem Jahr 1784 aus dem Graben. Arno Hebeler (links) gehörte zu den Ersten, die das Ereignis fotografisch dokumentierten. Quelle: Ludwig Pigulla und Werner Hampel
Rauschenberg

Dass es dieses Netz gab, ist verbrieft. Werner Hampel und Ludwig Pigulla, die seit vielen Jahren die ­Geschichte Rauschenbergs aufarbeiten, verweisen auf entsprechende Hinweise in den Chroniken. Nicht vorstellen konnten sich die beiden Historiker, dass sie eines Tages Teile von der hölzernen Wasserleitung nahezu unversehrt in den Händen halten sollten.

Passiert ist das Ganze durch einen Zufall am 28. August bei Baggerarbeiten für den zweiten Bauabschnitt der Nahwärme Rauschenberg im oberen Teil der Jahnstraße. Werner Gans, Vorarbeiter der ausführenden Baufirma Gringel, entdeckte im Graben ungewöhnliche Rundungen, die sich als Lärchenholzleitungen aus dem Jahr 1784 erwiesen.

„Das Wasser musste herbeigeschafft werden“

Werner Gans ließ die Arbeiten stoppen und informierte die örtlichen Fachleute, die wiederum umgehend den Denkmalschutz einschalteten. Dann wurden gut sechs laufende ­Meter der Holzröhren vorsichtig geborgen und letztlich so gelagert, dass die Röhren nicht aufreißen können.

Für Ludwig Pigulla ist dieser Fund nur die Spitze des Eisbergs. Denn schließlich verband die hölzerne Wasserleitung einst die oberen und unteren Stadtteiche, etwa mittig zwischen Wolfskaute und der Stadtgrenze gelegen, bis zum Neuen Tor und dem Jacobs Kump, eine Wasserentnahmestelle am ehemaligen Brauhaus an der Kreuzung Jahnstraße / Auf der Bach. Ludwig Pigulla begründet die Existenz weiterer Holzröhren mit den Flurbezeichnungen „Auf den Röhren“ und „Röhrengärten“.

Warum haben die Rauschenberger um diese Zeit soviel Aufwand für ihre Wasserversorgung betrieben? „In Rauschenberg gab es kein Wasser, während es in der Umgebung reichlich Wasser gab. So aus den Quellen für die Stadtteiche. Das Wasser musste herbeigeschafft werden“, erklärt Werner Hampel. Dabei wurde mit dem kostbaren Nass nicht gerade zimperlich umgegangen. Vieh und Menschen stillten an der Wasserstelle Jacobs Kump ihren Durst, ehe einige Meter weiter oben unterhalb des Debus‘schen Hauses 1840 der Philipps-Kump über einem Abbruchhaus entstand. Werner Hampel ist sich nahezu sicher, dass der erhalten gebliebene Gewölbekeller als Zisterne genutzt wurde.

Das Abbrand-Trauma belastete die Stadt

Für Ludwig Pigulla gibt es einen weiteren Grund für die vergleichsweise frühen Rauschenberger Aktivitäten in Sachen Wasserleitungsbau. „Das Abbrand-Trauma hat die Stadt schwer belastet. Rauschenberg ist mehrfach ganz oder teilweise abgebrannt.“ Damals habe es lediglich an der Blauen Pfütze und am Marktbrunnen Löschwasser-Vorräte gegeben.

Erstaunt ist er ob des guten Zustands der Röhren, die alle Merkmale aus den Chroniken aufweisen – darunter den Eisenreifen und die Technik, mit heißen Eisen die Lärchenstämme auszubrennen. Die Holzleitungen hätten offenbar in einer Lehm- und Tonschicht die Jahrhunderte überdauert. Und damit auch die Arbeitsleistung derjenigen, die die Leitung gebaut haben. Pigullas Schlussfolgerung: „Die Arbeit hat damals offenbar so gut wie nichts gekostet.“ Wie überhaupt die Rauschenberger Ackerbürger damals ein schlechtes Leben führten. So mussten sie die Fische aus den Stadtteilen fangen – um sie alle an den Landgrafen abzuliefern.

Wie soll es mit den hölzernen Wasserleitungen weitergehen? Werner Hampel und Ludwig Pigulla haben einen gemeinsamen Wunschtraum. Sie möchten gern einen der außergewöhnlichen Funde eines Tages bei historischen Stadtführungen den Gästen der Stadt zeigen. Und das am besten auf dem Philipps-Kump, der direkt am Rauschenberger Wander-Märchen-Weg und wenige Schritte vom Auffindeort liegt.

Zuerst kommt die Konservierung

Das wird eine Weile dauern. „Zuerst kommt die Konservierung auf Weisung des Denkmalschutzes“, sagt Ludwig Pigulla. Und Werner Hampel ergänzt trocken: „Das dauert mindestens zwei bis drei Jahre. Und dann brauchen wir eine passende Einhausung, die viel Geld kosten wird.“

Langweilig wird dem Duo nicht werden. Wie sagt doch Ludwig Pigulla: „Das Wasser und Rauschenberg. Das ist eine unendliche Geschichte.“

von Matthias Mayer