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Ostkreis Vom Leben mit der Aphasie
Landkreis Ostkreis Vom Leben mit der Aphasie
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11:59 15.08.2018
Mit dem gehobenen Daumen signalisiert Dieter Siebert seiner Frau und seinen Ansprechpartnern ein „Ja“. Quelle: Simone Schwalm
Stadtallendorf

„Ich sorge schon dafür, dass es dir gut geht“, sagt Angelika Siebert und streichelt liebevoll über die Wange ihres Mannes Dieter. Er lächelt und hebt den Daumen seiner linken Hand in die Höhe. „Man kann sich mit ihm unterhalten“, sagt die 67-Jährige und „übersetzt“: Daumen hoch bedeutet „ja“, Daumen zur Seite „nein“. Häufig sei die Kommunikation aber auch ein Rätselraten. Aber immerhin könne er noch schimpfen, lacht Angelika Siebert. Sein „Kelle“ könne sie verstehen.

Seit neun Jahren ist der 61-Jährige Aphasiker: er kann nicht mehr sprechen – in Folge seines dritten Schlaganfalls. Außerdem ist sein rechter Arm gelähmt. Angelika Siebert kennt andere Betroffene, die noch recht gut sprechen können, aber das läge eben daran, „dass jeder Schlag anders ist“. Je nachdem, welcher Bereich des Gehirns bei einem Schlaganfall betroffen sei, wirke sich das anders aus, etwa auf das Sprachzentrum oder die Motorik. „Manche können wieder anfangen zu sprechen“, berichtet Siebert.  

Das war bei ihrem Mann nicht so. Mit einem Mal war er vollständig auf die Hilfe seiner Angelika angewiesen. Das war auch für sie die größte Veränderung: „dass ich auf einmal alles bin, Therapeutin, Krankenschwester“. Der Anfang sei am schwierigsten gewesen. Sie arbeitete noch fünf Jahre Vollzeit in Wechselschicht und kümmerte sich zudem um ihren Dieter.  „Es geht alles, wenn man will und muss“, sagt sie. Aber ergänzt: „Das war jedoch nur möglich durch einen befreundeten Rentner, der früher Altenpfleger war.“

Dennoch fühlte sie sich anfangs sehr allein gelassen. Vor der Erkrankung ihres Mannes sei sie in einigen Vereinen gewesen. „Auch die Freunde wurden immer weniger“, sagt sie, denn Verabredungen und Unternehmungen waren nicht mehr so möglich wie früher. Außerdem habe sie zunächst nicht gewusst, welche Unterstützung ihnen zusteht.

Manchmal gibt es ein großes Loch

Mittlerweile hat sich Angelika Siebert an ihre neue Rolle gewöhnt – und ruft ihrem Dieter manchmal scherzhaft zu: „Schwester Angelika kommt jetzt.“ Sie ist zwar seit vier Jahren nicht mehr berufstätig, doch ihr Aufgabengebiet ist weiterhin groß. „Ich bin Manager von A bis Z – A wie Auto, weil ich ja immer fahren muss, und Z wie Zahlen, weil ich mich auch darum allein kümmern muss“, sagt sie. Über sie kann der ehemalige Fleischer weiterhin auch noch mit anderen Menschen kommunizieren. „Ich bin sein Sprachrohr.“

Das ist sehr viel Verantwortung, mitunter auch Stress. Daher nimmt Angelika Siebert einmal pro Woche an einem Nachmittag einen Betreuungsservice in Anspruch. Während dieser Zeit für sich falle alles von ihr ab. Denn: „Manchmal falle ich auch in ein Loch.“ Für sich und ihren Dieter sei es daher wichtig, „so viel wie möglich raus zu kommen“. So mag er es zum Beispiel, mit ihr Frühstücken zu gehen. „Damit locke ich ihn zur Krankengymnastik“, sagt die 67-Jährige mit einem Augenzwinkern.

Mit einem befreundeten Ehepaar, das sie aus der Aphasiegruppe Stadtallendorf/Marburg kennen, fahren sie außerdem gern gemeinsam in Urlaub. Ihre Kraft ziehen sie dann aus ihrem Zusammensein: „Wir genießen es, Zeit füreinander zu haben.“

von Simone Schwalm

Aphasie

Aphasie ist eine erworbene Sprachstörung etwa nach einem Schlaganfall, Hirnblutungen oder einem Unfall und hat nichts mit geistiger Behinderung oder psychischer Störung zu tun. Aphasiker können oft nicht sprechen und nicht verstehen, was gesagt wird. Sie verlieren mitunter ihre Fähigkeit zu lesen, schreiben oder rechnen. Weitere Beeinträchtigungen bezüglich der Motorik oder psychosoziale Folgen sind möglich.

Betroffene und Angehörige aus Stadtallendorf und Umgebung haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Außerdem unternehmen sie gemeinsame Ausflüge und organisieren Informationsabende. Telefonischer Kontakt zu Ulla Goetz, 06428/7123, oder Angelika Siebert, 06428/9399750.

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