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Eine Altlast mit teuren Folgen

Sonderabfalldeponie Kleinseelheim Eine Altlast mit teuren Folgen

Nur 23 Jahre lang war die Sonderabfalldeponie bei Kleinseelheim in Betrieb. 28 Jahre nach der Stilllegung ist ein Ende der Nachsorge nicht in Sicht. Mit den Spätfolgen befasste sich der Kirchhainer Ausschuss für Wirtschaft, Umwelt und Verkehr.

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Unter der Grasnarbe des künstlichen Hügels lagern 100.000 Tonnen mit Schadstoffen belasteter Schlämme. Die Sonderabfalldeponie bei Kleinseelheim wurde 1990 stillgelegt, muss aber weiter ständig kontrolliert werden.

Quelle: Matthias Mayer

Kleinseelheim. Ab 1977 wurden in der weitgehend ausgeschöpften Tongrube einer benachbarten Ziegelei mit belasteten Schlämmen aus metallverarbeitenden Betrieben, Galvanikschlämmen, Aktivkohlefiltern und Formsanden eingelagert. Die Tonschicht galt als geologische Barriere zum Schutz des Grundwassers. Der Stadtverordnete und Trinkwasser-Experte Reiner Nau (Bündnis 90/Die Grünen) berichtete, dass in den Anfängen der Deponie mit dem stark belasteten ­Sickerwasser Schindluder betrieben worden sei.

Das bestätigte eine Mitarbeiterin der mit der Nachsorge beauftragten HIM, die vor dem Ausschuss einen Sachstandsbericht zur Situation auf und um die Deponie erstattete. Damals sei das mit Salzen und anderen Schadstoffen belastete ­Sickerwasser einfach versickert oder verdunstet.

Das sei heute unvorstellbar, erklärte sie. Zunächst sei das kontaminierte Material bis zur Oberkante der Tongrube eingelagert worden. 1984 sei damit begonnen worden, den künstlichen Hügel über der Tongrube aufzubauen.

Deponie ist ganz in Folie verpackt

Was ist zur Sicherung der einzigen Sonderabfalldeponie passiert?

  • Die Deponie: Der Deponiekörper hat heute die Form eines Sarges. Sie ist unterhalb und oberhalb der Tongruben-Oberkante in Folie eingepackt, die verhindern soll, dass die Schadstoffe aus den noch immer belasteten Schlämmen ausgewaschen werden können.
  • Das Problem: Trotz der Folien lässt sich der Wassereintrag von außen nicht verhindern. Es bildet sich Sickerwasser, das noch immer stark mit Salzen belastet ist.
  • Die Kontrolldichte: HIM-Mitarbeiter kommen wöchentlich zweimal nach Kleinseelheim, um die Deponie zu kontrollieren. Zudem lässt sich die Anlage jetzt auch aus der Ferne überwachen und steuern. Dafür hat die HIM zuletzt 50.000 Euro investiert.
  • Die Technik: Zentrale Aufgabe ist das Auffangen von belastetem Sickerwasser. Dazu gibt es Sickerwasser-Schächte, Sickerwasser-Tanks und eine geschützte Verladeeinrichtung, über die Sickerwasser in den Tanklastwagen gepumpt wird. Außerdem gibt es verschiedene Messstellen und eine Ringdrainage, die das Oberflächenwasser an den Rändern des Deponiekörpers auffängt.
  • Die Entsorgung: Die HIM transportiert das belastete Sickerwasser mit einem 25 Kubikmeter fassenden Tanklastwagen nach Frankfurt. Dort wird das Wasser von einer Fachfirma aufgearbeitet.
  • Das Trinkwasser: Ein Kreis von Mess-Brunnen umgibt die Deponie. Sie sind die Indikatoren für das Funktionieren des Deponie-Managements. Hier gab die HIM-Mitarbeiterin Entwarnung auf ganzer Linie. Die Schadstoffwerte lägen zum Teil unter der Nachweisgrenze. Alle Brunnen lieferten Trinkwasserqualität. Ein etwas erhöhter Steinsalzgehalt in einem Brunnen sei dem Streusalzeintrag von der nahe gelegenen Landesstraße 3048 von Fronhausen nach Amöneburg geschuldet. Nichts verlasse die Deponie, nichts gelange ins Grundwasser.

Nach 30 Jahren ist noch lange nicht Schluss

Wie geht es weiter? Die Referentin berichtete von Gerüchten, dass nach 30 Jahren Schluss sei mit der Betreuung der Deponie. „Das ist definitiv nicht wahr. Die Nachsorgezeit ist auf unbestimmte Zeit angelegt. Dafür gibt es Rückstellungen“, erklärte sie.

Auch auf eine Nachfrage aus dem Ausschuss, ab wann die Deponie keine Schadstoffe mehr emittieren könne, musste der Gast passen. Die Frage werde ihr gelegentlich vom kaufmännischen Geschäftsführer gestellt. Sie lasse sich nicht seriös beantworten. Das eingelagerte Material sei weiterhin belastet. Das Wasser spüle die Schadstoffe heraus. Wie lange noch das Sickerwasser aufgefangen und zur Aufarbeitung nach Frankfurt gebracht werden müsse, sei völlig offen – trotz leicht sinkender Tendenz bei dem aufgefangenen Sickerwasser.

Es sieht so aus, als würde die Stadt noch über etliche Jahre Eigenkontrollberichte zum Zustand der Anlage bekommen und Kirchhain noch lange als einzige Kommune des Landkreises Standort einer Sonderabfalldeponie sein. Die nächste Sonderabfalldeponie befindet sich ein paar Kilometer weiter in Nieder-Ofleiden im Vogelsbergkreis. Die besitzt ein anderes Kaliber. Sie verfügt über die fünfzehnfache Größe der zwischen Kleinseelheim und ­Amöneburg liegenden Anlage.

von Matthias Mayer

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