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Aus Stadtallendorf in ein zerstörtes Land

Somaliaeinsatz Aus Stadtallendorf in ein zerstörtes Land

Oberst i. G. Jan-Peter Fiolka war vier Monate lang in Somalia im Einsatz, in einem Land, das trotz einer gewählten Regierung am Rande eines Bürgerkrieges steht.

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Fahrten durch Mogadischu waren nur im besonders geschützten Konvoi möglich, erklärt Oberst Fiolka.

Quelle: Privatfoto

Stadtallendorf. Die Nachricht, dass er wenige Monate nach seinem Einsatz in Mali sehr kurzfristig nach Somalia muss, erreichte Oberst i. G. Jan-Peter Fiolka seinerzeit wenige Tage vor dem Abflug. Er sprang kurzfristig für einen Kameraden ein, der sich bei einem Fallschirmsprung verletzt hatte. „So etwas geht nur, wenn man weiß, wie eine solche Mission abläuft und wenn man alle Voraussetzungen schon hat“, sagt der Offizier.

Am Bundeswehr-Standort Stadtallendorf ist Oberst Fiolka (Foto: Michael Rinde) seit Jahren kein Unbekannter.

Von 2010 bis 2012 kommandierte er das später aufgelöste Luftlande-Fernmeldebataillon „Hessischer Löwe“. Danach war er unter anderem als Leiter eines deutschen Verbindungskommandos in Frankreich eingesetzt. Es folgte ein Einsatz in Mali, die Versetzung zurück nach Stadtallendorf und zuletzt nun schließlich die Zeit in Somalia. Fiolka erlebte die letzten vier Monate der deutschen Beteiligung an dieser Mission der Europäischen Union mit – in Mogadischu, in einem stark gesicherten Camp am Rande des Flugplatzes. Die Bundesregierung hatte seinerzeit entschieden, das Mandat für diesen 2010 begonnenen Einsatz nicht mehr zu verlängern.

Hintergrund

Aktuell sind nach Veröffentlichungen der Bundeswehr 3 536 Soldaten an 12 Auslandseinsätzen beteiligt. Die Afghanistan-Mission „Resolute Support“ ist die aktuell größte mit 1 198 Soldaten, gefolgt von der Mali-Mission „MINUSMA“ mit 936 Soldaten.

Inzwischen ist Fiolka wieder im Stab der Division Schnelle Kräfte am Standort Stadtallendorf. Der 52-Jährige hat jüngst die Aufgaben des Standortältesten übernommen, des militärisch Verantwortlichen für die Liegenschaften der Bundeswehr. Rückblickend waren  diese Monate in Somalia für den einsatzerfahrenen Offizier schon sehr besonders. Nicht nur wegen der kurzen Vorbereitungszeit. Er kannte das Land bereits von einer mehrwöchigen Abkommandierung zu einer UN-Mission 1993/94. Im Prinzip habe sich nicht viel verändert, es seien in Mogadischu sicherlich noch einige Schäden durch Kämpfe hinzugekommen. „Aber was mich bei meiner Ankunft im Vergleich zu damals geschockt hat, das war der Müll. Es gab keinen Baum, in dem nicht Dreck und Plastiktüten hingen“, sagt er.  

Fiolka lebte in diesen Monaten in einem Land, in dem Gewalt, Terror, Kriminalität und Korruption zum Alltag der Menschen gehören. Von Menschen, die in einem „gescheiterten Staat“ leben, auch wenn er inzwischen eine legitime Regierung haben mag.

Terrormiliz betreibt Parallelorganisation

Neben den rivalisierenden Clans, bei denen es in Mogadischu mitunter nur um Vorherrschaft in einem Straßenzug geht, ist es vor allem die islamistische Al-Shabab-Miliz, die verantwortlich für den Terror zeichnet. Sie steht der Terror‑
organisation Islamischer Staat nahe. „Man darf sich die Al-Shabab nicht einfach nur als eine bewaffnete Miliz mit Patronengurt über der Schulter vorstellen“, sagt Fiolka. Sie betreibe eine Parallelorganisation zur Regierung. Das macht die Aufgaben für die im Wiederaufbau befindlichen Regierungsorganisationen um so schwerer. Die Al-Shabab erhebt eigene Steuern, zum Beispiel am Hafen und Flughafen von Mogadischu. Sie nimmt Wegegelder an Straßenpunkten und verdient auch beim Warenhandel mit. Und sie betreibt mit eigenen Gerichten eine Paralleljustiz streng nach den Regeln der Scharia, dem islamischen Recht.

Waffen gehören in Mogadischu nach Fiolkas Schilderungen zum Alltag.

Waffen gehören in Mogadischu nach Fiolkas Schilderungen zum Alltag.

Die Aufgabe der EU-Mission, die auch ohne deutsche Beteiligung weiterläuft, ist die Ausbildung der regulären Streitkräfte Somalias. Sie geschieht kompanieweise, jeweils 100 Soldaten werden durch Ausbilder der EU-Mission geschult. Der Beruf des Soldaten in der regulären Armee Somalias sei hochgefährlich, sagt Fiolka. Warum entscheiden sich junge Männer trotzdem dafür? „Weil sie so wenigstens eine geregelte Arbeit und einen geregelten Tag haben. Sold bedeutet Lebensunterhalt“, antwortet er. Wie es um die Zuverlässigkeit dieser Soldaten im Einsatz steht, lässt er offen, charakterisiert die Mentalität vieler Somalier aber als „opportunistisch“.

Fiolka selbst war einer von  zum Schluss sechs Bundeswehrsoldaten in Somalia. Er war Berater eines somalischen Generals. Als solcher musste er täglich zweimal quer durch Mogadischu mit all seinen Gefahren. Und das war stets ein Risiko. Die Fahrt war nur im schwer gesicherten Konvoi möglich. Täglich wechselten die Fahrzeuge ihre Route. Immer wieder hatte das Bundesverteidigungsministerium diese Mission als extrem gefährlich eingestuft, allein aufgrund der Sicherheitslage im Land.

Mission in SomaliA

Die European Union Trainingsmission, abgekürzt  „EUTM SOM“, besteht aus 180 Soldaten aus ursprünglich 12 und nunmehr 10 Nationen. Das Hauptkontingent stellen aus historischer Verbundenheit mit Somalia die italienischen Streitkräfte. Aufgabe ist die Ausbildung von Soldaten und die Beratung der militärischen Führung in Somalia.

Wie gehen die Somalier mit ihrer Situation um? Nach der Wahrnehmung Fiolkas ist ihr Leben von Fatalismus, vom Glauben an das Schicksal, geprägt. Manche Menschen dämmerten scheinbar nur vor sich hin. Nach Jahrzehnten des Krieges ist es in dem Land normal, dass beinahe jeder Bürger eine Waffe besitzt. „Er ist auch bereit, sie zu benutzen“, sagt der Oberst. Die Bundesregierung hatte entschieden, dass sich Deutschland nicht mehr an der Trainingsmission beteiligt. Stattdessen soll es mehr zivile deutsche Hilfen für das gebeutelte Land geben. Fiolka hält das auch nach seinen Erlebnissen für den richtigen Weg.
Wie schwer es sein dürfte, solche zivilen Strukturen zu schaffen, zeigt die Tatsache, dass sich auch Regierungsorganisationen wie Polizei und Geheimdienst gegenseitig bekämpfen, wie Fiolka berichtet. Gewalt ist in diesen Konflikten an der Tagesordnung.

von Michael Rinde

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