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Solarthermie: Bracht soll Vorreiter werden

Pilotprojekt Solarthermie: Bracht soll Vorreiter werden

Die Arbeitsgemeinschaft Solarwärme-Versorgung Bracht vollzieht jetzt den nächsten Schritt auf dem Weg zu ihrem Ziel: Bracht soll deutschlandweit Pilotprojekt werden.

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Auf dem „Solaracker Cölbe“ bei Bernsdorf stehen Photovoltaik-Module dicht an dicht. Nach den Planungen sollen in Bracht auf einer überschaubaren Fläche Solarthermie-Kollektoren in ähnlicher Anordnung aufgebaut werden.

Quelle: Tobias Hirsch

Bracht. Erstmals soll in Deutschland ein ganzes Dorf mit Solarthermie beheizt werden. Diesen kühnen Plan will die Arbeitsgemeinschaft umsetzen. Der Pferdefuß: Das Projekt kann nur mithilfe des Landes Hessen funktionieren. Die Brachter Solarthermie-Pioniere benötigen für einen wirtschaftlichen Betrieb ihrer Sonnenheizung eine Sonderförderung in Höhe von zwei Millionen Euro, wie diese Zeitung bereits berichtete.

Unter den erneuerbaren Energien ist die Sonne der mit Abstand stärkste und effektivste Energieträger, der seine Energie zudem kostenlos und nahezu unbegrenzt zur Verfügung stellt. Das Kernproblem der Solarthermie ist noch die Speicherproblematik. Die Sonnenkollektoren ernten in der warmen Jahreszeit die Sonnenwärme, wenn der Wärmebedarf am geringsten ist.

Die Technologie zur Speicherung der Sonnenwärme auch im großen Maßstab gibt es seit Jahren. Allerdings sind die großvolumigen Speicher derzeit noch so teuer, dass ein Bioenergiedorf, wie Bracht eines werden will, einen Kredit über eine Laufzeit von 50 Jahren für die Finanzierung von Solarfeld, Wärmespeicher und Nahwärmenetz benötigen würde, soll das Darlehen allein durch den Verkauf der Nahwärme getilgt werden.

Ohne ein Signal der Politik geht es nicht

Das hat der Physiker Gunter Brandt errechnet. Der Spiritus Rector des Unternehmens beklagt, dass keine Bank der Welt Projekte über 50 Jahre finanziert. Zugleich erwartet der Einbecker ein Signal der Politik, der  Solarthermie durch Förderung der Speichertechnologie zum Durchbruch zu verhelfen.

Das Technologie-Land Hessen hat ein solches Signal gesetzt mit einem Förderprogramm für besonders innovative Projekte. Die ausgelobte Förderung gibt es nicht umsonst. Zuvor muss eine Projektskizze beim zuständigen Ministerium für Wirtschaft und Verkehr eingereicht werden.

Dieser Bringschuld wird sich die Arbeitsgemeinschaft noch in dieser Woche entledigen. „Die Projektskizze ist fertig und wird noch in dieser Woche nach Wiesbaden geschickt“, sagte Rauschenbergs Bürgermeister Michael Emmerich dieser Zeitung.

Ende Mai verfolgten die Brachter Solarthermie-Enthusiasten noch ein ehrgeiziges Ziel: Ende­ der Sommerferien sollte die wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Arbeit fertig sein. Aber der Teufel steckte im Detail. Zahllose Parameter mussten berücksichtigt werden. „Genauigkeit geht vor Schnelligkeit“, begründete Michael Emmerich die Verzögerung. Der ist vom Fach. Als Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft Bioenergiedorf Josbach gehört er zu den Pionieren der erneuerbaren Energien im Landkreis.

Universität Kassel begleitet das Projekt

Die beiden Finanzexperten­ Heinrich Aillaud und Klaus Pfalz erarbeiteten zusammen mit Matthias Schütz die Projektskizze, die zudem den akademischen Segen der Uni Kassel erhielt. Klaus Pfalz hatte den Kasseler Fachbereich Solar- und Anlagentechnik kontaktiert und stieß bei Hochschullehrern und Studierenden auf großes Interesse. Deren Fachleute haben nicht nur die Projektskizze geprüft, sondern wollen auch das ganze Vorhaben wissenschaftlich begleiten, wie der Bürgermeister berichtete.

Wie lange Wiesbaden für die Prüfung der Projektskizze­ braucht, lässt sich noch nicht sagen. Fakt ist: Das Papier des Autoren-Trios ist im Erfolgsfall zwei Millionen Euro wert.

Unterdessen ist die Arbeitsgemeinschaft bei der Akquise­ von anschlusswilligen Haushalten gut voran gekommen. In Bracht liegt deren Zahl inzwischen bei 110. Das ist für dieses frühe Stadium eine großartige Resonanz. Gunter Brandt hatte für das Gelingen des Projekts eine Mindest-Teilnehmerzahl von 105 errechnet. Die ­Arbeitsgemeinschaft möchte zudem den zu Bracht gehörenden Ortsteil Siedlung anschließen. Die Ausdehnung des Nahwärmenetzes auf die Siedlung ist ab 40 Interessenten wirtschaftlich. Derzeit gibt es dort 30 Anschlusswillige.

Außerdem loten die ehrenamtlichen Solarthermie-Pioniere derzeit noch den geeigneten Standorts für das Solarthermie-Feld und für den großen Wärmespeicher am Ortsrand aus.

Die geplante Funktionsweise­ ist einfach. Das heiße Wasser aus den Kollektoren wird in den Speicher gepumpt. Der versorgt das nach dem in Josbach, Schwabendorf und Rauschenberg bewehrten System das Nahwärmenetz. Die Zuleitungen ins Haus enden an ­einer kompakten Übergabestation, die den bisherigen Heizkessel ersetzt. Die Besonderheit in Bracht: Das Nahwärmenetz kommt ohne mit Öl oder Holzhackschnitzeln betriebene Spitzenlast-Heizkessel aus. Das Speichervolumen ist so groß, dass vollständig auf diese fossilen Brennstoffe verzichtet werden kann. Saubere Luft im Burgwald-Dorf.

von Matthias Mayer

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