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Ostkreis So gut, dass sogar die Polizei ihn sucht
Landkreis Ostkreis So gut, dass sogar die Polizei ihn sucht
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00:19 20.08.2018
Nikolaj Arndt malte einst am liebsten in Öl. Inzwischen hat er sich als 3-D-Maler einen Namen gemacht und zaubert  spektakuläre Bilder auf die Straße – durch die Marktstraße ließ er beispielsweise schon ein Boot fahren. Quelle: Privatfoto
Neustadt

„In meiner Heimat Russland ist das beste Geschenk, das man jemandem machen kann, ein Bild“, sagt Nikolaj Arndt – eine Theorie, die er lebt, schließlich schenkt er den Neustädtern alljährlich während des Straßenmalerfestivals ein spektakuläres Bild, das er auf den Asphalt bringt.

Und das, obwohl er seinen Lebensmittelpunkt inzwischen in Marburg hat und weltweit zu Straßenmalerfestivals eingeladen wird. Doch in Neustadt liegen quasi seine Wurzeln. Zur zehnten Auflage der Veranstaltung, die am Wochenende ansteht, hat er sich daher auch etwas ganz Besonderes ausgedacht: Er möchte sich in einem dreidimensionalen Bild der Sage des Junker Hans von Dörnberg und dessen Pakt mit dem Teufel widmen.

Festival

Das Neustädter Straßenmalerfestival beginnt am Freitag um 18 Uhr mit einer Vernissage. Im historischen Rathaus sind Fotos von Straßenmaler-Bildern der vergangenen neun Jahre zu sehen. Zwei Wochen später soll die Ausstellung dann noch das Neustädter Rathaus zieren. In Geschäften hängen zudem Bilder aus, die Kinder malten.

Die Straßenmaler sind dann am Samstag von 10 bis 18 Uhr und am Sonntag von 9 bis 15.30 Uhr in der Marktstraße aktiv. Die Siegerehrung ist für 17 Uhr geplant.

Der Arbeitskreis Straßenmalerfestival hat inzwischen noch zwei Musik-Acts für sich gewonnen: Die Kasseler Band „Dylan First“ (früher „New Pony“) hat schon an zahlreichen Orten gespielt, tritt aber nun erstmals im Landkreis Marburg-Biedenkopf auf. Sie wollen am Samstag zwischen 14 und 17 Uhr „rockige Countrymusik für jedermann“ präsentieren.

Am Sonntag tritt dann „Sophia“, eine Nachwuchssängerin aus Jesberg, von 12 bis 14 Uhr auf. Danach sorgt „2+1“ für Musik.

Im Gegensatz zu allen anderen Straßenmalern wird er auch schon am Freitag damit beginnen – also parallel zum Auftakt, der um 18 Uhr im historischen Rathaus in Form einer Vernissage stattfindet. Dort werden Bilder von den Veranstaltungen der vergangenen neun Festivals gezeigt.

Sein Talent für riesige 3-D-Bilder entdeckte Arndt in Neustadt – die Technik hatte er sich aber eigentlich schon als Kind in Gavrilov Posad in Russland angeeignet. Er habe schon immer gerne gemalt, als ihm sein Vater eines Tages erklärte, wie er räumlich zeichnet.

Das klappte so gut, dass andere Kinder zum kleinen Nikolaj kamen und sich von ihm Panzer oder Kanonen malen ließen. Und da er auch im Unterricht in der Schule parallel zum Zuhören zeichnete, wundert es nicht, dass Arndt später an der Pädagogischen Künstlerakademie in Jurjew-Polski studierte und Kunstlehrer wurde.

Nach dem Erfolg kam die schwerste Zeit seines Lebens

Um Geld zu verdienen, malte er auf Flohmärkten. Eines seiner Bilder kaufte damals ein Geschäftsmann – allerdings nicht direkt beim Künstler selber. Dieses Bild gefiel dem reichen Russen so gut, dass er sich auf die Suche nach dem Nachwuchskünstler machte, um weitere Werke zu bekommen.

Diese Suche gestaltete sich jedoch nicht so einfach, sodass der Mann letztendlich die Polizei einschaltete, um Arndt ausfindig zu machen. „In Russland geht das“, schmunzelt dieser und erinnert sich, wie geschockt er war, als auf einmal die Beamten vor seiner Haustür standen – ihm dann jedoch die frohe Kunde übermittelten.

In den folgenden Monaten erstellte er für den Geschäftsmann zahlreiche Auftragsarbeiten in Öl – und verdiente für russische Verhältnisse gut. Doch dann folgte eine der schwersten Zeiten seines Lebens.

Im Jahr 2006 entschied er sich, gemeinsam mit seiner Frau Arina – einer studierten Musikerin – und ihrem ersten Sohn Andrej nach Deutschland zu fliehen, wo die Wurzeln ihrer Familie liegen und wohin ihre Mutter bereits zurückgekehrt war.

Nina Köhler lebte damals bereits in Neustadt, also zog die junge Familie zu ihr. „Die ersten Monate lebte ich von der Sozialhilfe und musste ein halbes Jahr als Ein-Euro-Jobber zusammen mit Drogensüchtigen und Alkoholikern zusammenarbeiten, mit denen ich sonst nie zu tun hatte. Meine Frau war im Schiffsbau tätig. Das war eine harte Zeit, die schlimmste meines Lebens.“

Beim ersten Festival landete er auf Platz drei

Aber immerhin lebte er sich in Neustadt ein, lernte seine Mitmenschen kennen und wurde eines Tages von Roswitha Trümpert angesprochen, die ein Straßenmalerfestival aus der Taufe heben und sich dafür Inspiration bei einer Veranstaltung in Geldern holen wollte.

Sie habe ihn angesprochen und erklärt: „Du bist doch Kunstlehrer – du musst mitkommen.“ Gesagt, getan. Arndt beobachtete in Nordrhein-Westfalen besonders die 3-D-Künstler und dachte sich: „Das kann ich auch.“

Entsprechend versuchte er sich bei der Premiere des Neustädter Straßenmalerfestivals als 3-D-Maler und landete mit einem Delfin auf dem dritten Platz. „Enttäuscht war ich nicht. Es war eine Erfahrung“, sagt Arndt, der sich nicht entmutigen ließ und Gefallen an der Straßenmalerei fand. „Fantasy und Tiere“ nennt er als seine Spezialität – womit er sich auf die Spuren seines Lieblingsmalers begab, des Peruaners Boris Vallejo.

In den vergangenen neun Jahren entwickelte er seine Technik weiter: „Für 3-D-Malerei muss man ein Gespür haben, ein Gefühl für Perspektive.“ Er machte bei Festivals in Estland, Dubai, Armenien, Frankreich und vielen weiteren Ländern mit und ist inzwischen ein gefragter Straßenmaler. Nur Einladungen aus den USA schlug er bisher regelmäßig aus: „Der Flug ist mir zu lang“, gibt er zu.

Der größte Traum ist ein 3-D-Museum

Inzwischen ist er als freischaffender Künstler tätig, hat mit seiner Frau ein weiteres Kind (Artyom, ein Jahr alt) bekommen und gemeinsam mit ihr und Schwiegermutter Nina Köhler (die in Neustadt eine Musikschule leitet) in Marburg die Musik- und Kunstschule Allegro eröffnet.

Der 43-Jährige träumt davon, ein 3-D-Museum zu eröffnen, dessen Wände er mit immer neuen Kunstwerken verziert. An Inspiration mangelt es ihm nicht: „Ich bin ein kreativer Kopf – mit vielen Ideen drin.“

Einst ist für ihn sicher: Dem Straßenmalerfestival in der Junker-Hansen-Stadt will er treu bleiben: „Neustadt bedeutet Heimatluft für mich, es ist fast etwas Heiliges für mich. Die Stimmung ist anders als auf ähnlichen Festivals dieser Art. Es geht sehr familiär zu. Komme, was wolle – für diese Veranstaltung werde ich immer Zeit finden.“

von Florian Lerchbacher