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Ostkreis Schwäbin hat nur Honig im Kopf
Landkreis Ostkreis Schwäbin hat nur Honig im Kopf
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00:19 19.09.2018
Tatjana Bernreuther ist  die einzige Wander-  und Berufsimkerin im  Landkreis. Ihre 500  Völker produzieren im  Jahr 15 Tonnen Honig. Quelle: Thorsten Richter
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Schweinsberg

In Schweinsberg ist Herbst. Und das schon seit Juni. Zumindest auf der Ohäuser Mühle. Tatjana Bernreuther hat alle ihre Bienen zurück auf ihren Hof geholt. Bis zu 400 trachtfähige Völker, je Volk bis zu 50 000 Bienen. Die arbeitsfreudigen Tiere standen unter anderem in Brandenburg in den Robinien für den Akazienhonig.

Mitte Mai, wenn die Bienen die gelben Pollen vom Raps gesammelt haben, packt die Wanderimkerin etwa 180 Völker in ihren großen LKW und fährt nachts in den Osten der Republik. Beim ersten Sonnenstrahl sind die Rahmen übereinander aufgebaut, ist der Bienenstock fix und fertig.

Tatjana Bernreuther öffnet das Flugloch und die Tiere fangen an die Umgebung zu erkunden. „In drei Tagen kennen sie jeden Meter und können sich bestens orientieren. Wir sagen dazu ‚eingeflogen‘“, erklärt die 48-Jährige. In einem Stock hat sie eine Waage verbaut. Über diese wird sie täglich über das aktuelle Gewicht per SMS informiert. Aus diesen Daten erkennt sie beispielsweise, ob die Bienen genug Nahrung haben, ob die Honigmenge zunimmt oder sie den Stock mit weiteren Rahmen vergrößern muss.

30.000 Gläser Honig im Jahr

Genau das Gleiche macht sie auch rund um Berlin (Linde) und in der Pfalz (Kastanie). Über 300 Völker sind so in ganz Deutschland für Tatjana Bernreuther unterwegs. „Als Wanderimker musst du zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sein, um eine bestimmte Tracht zu bekommen“, beschreibt Tatjana Bernreuther ihren Beruf.

Nach drei bis vier Wochen werden die Tiere wieder per Lkw zurück geholt. Der Rest arbeitet von Sichertshausen über Ebsdorfergrund bis nach Kirchhain und dem Vogelsberg. Sie alle produzieren bis zu 15 Tonnen Honig. Der wird in Schweinsberg in der Ohäuser Mühle aufgearbeitet und in 30 000 Gläser abgefüllt. Alle werden per Hand etikettiert.  

Tatjana Bernreuther ist Imkerin aus Leidenschaft, hat sich alles selbst beigebracht. Sie war schon immer naturverbunden. Landwirtschaft gab es in ihrer Familie aber nicht. Sie studierte in Mühlheim Agrarbiologie und startete mit drei Kommilitonen ein Experiment. „Vier Studenten – vier Völker“, erinnert sie sich lachend.

Experimente mit Manuka-Honig

Während des landwirtschaftlichen Praktikums kamen noch drei Völker dazu. Als sie 1998 auf den Hof in Schweinsberg zog, erhöhte sie auf 15 Völker. Heute ist sie die einzige Berufsimkerin im Landkreis und die einzige von den Studenten, die durchgehalten hat.

Auf einer Schulung lernte sie einen Wanderimker kennen und begleitete ihn ein Jahr. Danach war klar, dass sie das auch machen will. „Es ist die deutlich stressigere Imkerei, aber es ist auch viel Abenteuer dabei“, schwärmt die gebürtige Schwäbin. Und sie ist super vernetzt. Das ist Tatjana Bernreuther sehr wichtig. Der Austausch mit Kollegen, das voneinander lernen, das gemeinsame ausprobieren.

Ein Kollege experimentiert gerade mit Manuka-Honig aus Neuseeland. Der aus dem Blütennektar der Südseemyrte (Manuka) erzeugte Honig wird traditionell als Naturheilmittel verwendet. „Eine ganz interessante Geschichte und ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis.“ Sie hat oft Mitarbeiter aus dem Ausland auf ihrem Hof, die sie in der Saison unterstützen. Man isst zusammen, sie genießt die Gesellschaft.

Warum Bienen verhungern müssen

Bei allem, was sie tut, ist auch immer der ökologische Gedanke im Hinterkopf. Nach der Saison ist zwar vor der Saison, aber sie hält auch immer Rückschau und tüftelt, an welchen Fäden sie ziehen muss, um noch effizienter sowie ökologischer zu werden. Dabei hilft auch der Austausch mit den ortsansässigen Landwirten. „Ich habe drei, vier gefunden, die die Bienen auch wollen und mir Stellplätze für meine Stöcke zur Verfügung stellen. Sie haben bei der Planung der Fruchtfolge auch immer die Bienen im Hinterkopf.“

Im Moment füttert sie zu, die Bienen finden kaum noch etwas. Auf dem Hof in Schweinsberg blüht gerade der Efeu, der noch Pollen liefert. „Das Angebot ist ganz katastrophal, die Landschaft ausgeraubt, die Artenvielfalt am Ende. Manchem Imker verhungern die Bienen während des Sommers, weil es nicht genug Nahrung gibt“, blickt Tatjana Bernreuther skeptisch in die Zukunft.

Nach über 20 Jahren in dem Geschäft stellt sie fest, dass Imker heute viel mehr tun müssen, um die Völker stark zu halten. Insektizide und Überdüngung schaden den fleißigen Tieren. „Sie töten nicht, aber sie schwächen.“

von Katja Peters

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