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Schulleiter bleiben allein in der Pflicht

Regelung für Unwetterlagen Schulleiter bleiben allein in der Pflicht

Gibt es für die Zukunft Konsequenzen aus der Situation, dass erst während des Orkans „Friederike“ der Unterricht beendet wurde? Schulamt und Kultusministerium sehen keinen Handlungsbedarf.

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Orkan „Friederike“ verursachte in Stadtallendorf Schäden an vielen Stellen. Die Reste eines Baumes lagen vergangene Woche vor einem Mehrfamilienhaus.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Beide Mädchen, die während des Orkans „Friederike“ von einer umstürzenden Pappel der Stadt verletzt wurden, sind wieder in der Schule. Das berichtete Amanda Chisnell, Leiterin der Georg-Büchner-Schule (GBS), gegenüber der OP. Allen Schülern, auch denen, die halfen, sei gleich nach dem Unglück schulpsychologische Hilfe angeboten worden. Am Donnerstag vergangener Woche endete der Unterricht an der GBS nach der fünften beziehungsweise sechsten Stunde, spätestens also um 13.10 Uhr. Die Schule war davon ausgegangen, dass der Höhepunkt des Orkans erst am Nachmittag erreicht wird.

Kommentar

von Michael Rinde

Das letzte Wort über den Unterrichtsausfall hat bei Unwetter der Schulleiter. Darauf verweisen Schulamt und Kultusministerium gerade stereotyp. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt für diese Entscheidung? Warum lassen die übergeordneten Behörden die Schulleiter in einer derart schwierigen Situation allein? Warum schieben Kultusministerium und Schulamt die Verantwortung jetzt einfach weiter an den Landkreis als Schulträger? Das erinnert bitter an ein „Schwarzer-Peter-Spiel“ unter Behörden. Letzteres hilft niemandem, es bringt keine Lösung. In Zukunft muss es bereits im Vorfeld klare Entscheidungen auf übergeordneter Ebene geben, wenn Gefahr beispielsweise durch ein schweres Unwetter droht. Das Schulamt in Marburg ist vor Ort, näher geht es kaum mehr. Dass es anders geht, hat sich in Nachbarkreisen gezeigt. Deshalb sind Behörden jetzt in der Pflicht, miteinander zu reden, neue, deutlich bessere Lösungen zu finden und bitte auch Entscheidungen zu treffen. Verordnungen lassen sich ändern, sie sind keine Vorschriften für die Ewigkeit. Im Zweifel fällt lieber einmal zu viel Unterricht aus als das Schüler wieder mitten durch Orkanböen laufen.

Chisnell betont gegenüber der OP: „Die Betreuung von allen Schülern, die bleiben wollten, war gewährleistet. Lehrer haben außerdem Verhaltensregeln und Hinweise gegeben“. Die beiden verletzten Mädchen hatten regulär Schulschluss.

Die späte Entscheidung der GBS hatte vor einer Woche Kritik ausgelöst. Amanda Chisnell will für die Zukunft einen Unwetterplan, den sie unter anderem mit der Stadt und deren Rettungsdiensten abstimmen will. Man müsse sich darauf einstellen, dass es häufiger zu solchen Situationen kommen könne.

Auch Eltern müssen Entscheidung treffen

Diese Konsequenz soll es aus ihrer Sicht in jedem Falle geben. Wäre es nicht sinnvoll, dass die Entscheidung über Unterrichtsausfall bei Unwetterwarnung auf höherer Ebene fiele? Diese Frage stellte die OP Amanda Chisnell, aber auch der Leitung des Staatlichen Schulamtes Marburg und dem Kultusministerium. „Das würde uns als Schulleitern die Situation erleichtern“, sagt Chisnell. Wenn das Schulamt Gründe dafür habe, sich nicht festzulegen, müsse eine Entscheidung auf Ebene der Stadt, sprich mit anderen Schulen, aber auch der Stadt Stadtallendorf fallen. Chisnell hebt aber auch hervor, dass es Eltern letztlich immer frei gestellt sei, ihre Kinder in so einer Situation in die Schule zu schicken. „Eine Information an die Schule genügt“, sagt sie.

Arno Bernhardt, Leiter des Staatlichen Schulamtes Marburg, verweist auf die Rechtsgrundlage, die die Entscheidung bei den Schulleitern sieht. Am Tag von „Friederike“ hatte er aufgrund von Nachfragen alle Schulen noch einmal darüber informiert, unter welchen Voraussetzungen Unterricht ausfallen kann. Er verweist auf Paragraf 21 der Dienstordnung.

Vonseiten des Landkreises Marburg-Biedenkopf in seiner Funktion für Gefahrenabwehr und als Schulträger habe es ­keine Handlungsempfehlungen für den gesamten Landkreis gegeben.
„Deswegen gab es auch keinen Anlass für das Staatliche Schulamt, Anweisungen für den Unterrichtsausfall zu erteilen“, sagt Bernhardt. Vorausgesetzt, dass dies auch in vergleichbaren Fällen so sein sollte, werde das Staatliche Schulamt wieder entsprechend handeln. Der Schulamtsleiter hatte sich am vergangenen Freitag sehr deutlich hinter die Leitung der Georg-Büchner-Schule und ihrer Entscheidung gestellt.

Ministerium will Gespräche führen

Im Kultusministerium werden keine Beschwerden über die Stadtallendorfer Ereignisse bearbeitet. Philipp Bender, stellvertretender Pressesprecher, sieht zunächst keinen Grund, über Schulausfälle bei Unwetterwarnungen zukünftig auf übergeordneter Ebene, etwa durch Ministerium oder Schulämter, entscheiden zu lassen. „Wir werden mit den Schulämtern sprechen, wie man das Verfahren optimieren kann“, sagt Bender. Er warnt aber vor zu großen Erwartungen. Denn die bestehende Regelung habe sich bewährt. „Wenn ein zusätzlicher Akteur bei der Entscheidung hinzukäme, könnte das zu Verzögerungen führen“, meint Bender.

Die E-Mail des Schulamtes am Tag von „Friederike“ habe Servicecharakter gehabt, sie sei keine Weisung gewesen. Auch das Ministerium merkt gegenüber der OP an, dass sich der Kreis als Schulträger an jenem Tag gar nicht gegenüber den Schulbehörden und den Schulen geäußert hat. „Wobei wir das nicht als Kritik verstanden wissen wollen“, betont Bender. Letztlich müssten die Schulleitungen die Situation abschätzen und entscheiden.

Der Kreis Waldeck-Frankenberg hatte den Schulen nahegelegt, den Unterricht nach der dritten Stunde enden zu lassen. Der vom Kultusministerium und dem Schulamt angesprochene Kreis Marburg-Biedenkopf reagierte auf Nachfrage der OP. In diesem Zusammenhang seien mehrere Aspekte wichtig, betont Kreissprecher Stephan Schienbein, Dabei verdeutlicht er vor allem den Umstand, dass bei dem Unglück nicht noch etwas Schlimmeres passiert sei und dass es dem verletzten Mädchen wieder besser gehe. „Wir halten es nicht für angebracht, Fragen der Zuständigkeit oder der Verantwortung zwischen verschiedenen Behörden hin und her zu    schieben“, reagiert Schienbein auf die Aussagen aus Marburg und Wiesbaden. Ziel müsse es vielmehr sein, eine konstruktive Lösung zu finden. Der Kreis will handeln. Er will Abläufe und auch die konkrete Rechtslage überprüfen, auch um festzustellen, ob es grundsätzlichen Regelungsbedarf gibt. „Auch werden wir als Schulträger und Behörde der Gefahrenabwehr das Gespräch mit dem Staatlichen Schulamt suchen, um ­abzustimmen, wer welche Rolle spielt und wer welche ­Verantwortung trägt“, kündigte Schienbein an.

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