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Ostkreis Schock nach Sterilisation
Landkreis Ostkreis Schock nach Sterilisation
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00:16 17.07.2018
Melissa Radtke im Kinderzimmer einer ihrer Söhne. Quelle: Freya Altmüller
Kirchhain

Melissa Radtke sitzt in einem Pavillon in ihrem Garten. Die Kinder der 30-Jährigen sind in Schule und Kindergarten. Eigentlich sollte nach dem dritten Schluss sein. Doch dann wurde die gelernte Hauswirtschafterin erneut schwanger, mit ihrem vierten Kind.

Im Klinikum Marburg hatte sie im August 2015 eine Voruntersuchung. Daran erinnert sie sich genau, sagt sie. Zweimal wurde ihr Blut abgenommen, zwei Urinproben gab sie zur Untersuchung ab. „Auf dem Ultraschallbild war ein kleiner Punkt in der Gebärmutter“, erzählt Radtke. „‚Ich bin doch nicht schwanger?‘, habe ich gefragt. – ‚Nee, nee‘, haben sie zu mir gesagt. ‚Das kommt davon, dass Sie davor gerade erst zwei Mal schwanger waren. Die Gebärmutter hat sich noch nicht ganz zurückgebildet‘“. So beschreibt Radtke ihre Erinnerung. Ein Moment, der ihr „wie gestern“ vorkommt.

Laut Uniklinikum anderer zeitlicher Ablauf

Das Uniklinikum hat die Schilderungen der 30-Jährigen weder bestätigt, noch dementiert. Auf OP-Nachfrage teilte Pressesprecher Frank Steibli mit: „Wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass der zeitliche Ablauf der Schwangerschaft nach unseren Unterlagen anders war als von Frau Radtke dargestellt.“

Nach der Sterilisation hatte die 30-Jährige starke Unterleibsschmerzen. „Die Hormone müssen sich erst umstellen“, erklärte man ihr am Telefon immer wieder, sagt sie. Aber die Schmerzen hörten nicht auf. An ihrem Geburtstag, am 10. November, ging sie zu ihrem Frauenarzt. „Ich habe am Empfang gebettelt, dass ich untersucht werden möchte. Mein Arzt hat zu mir gesagt: ‚Frau Radtke, ich kann Ihnen gleich sagen, dass Sie nicht schwanger sind. Aber wenn es Sie beruhigt dann untersuche ich Sie‘. Auf dem Bildschirm war dann so ein großes Baby zu sehen.“ Die Mutter zeigt mit ihren Händen rund 20 Zentimeter. „Das war quasi mein Geburtstagsgeschenk.“

Zur Adoption freigeben war keine Option

Der Arzt überwies Radtke an das Uniklinikum. Wegen einer Thrombose im Bein hatte sie drei Tage zuvor begonnen, ein Medikament zu nehmen. Eines, das während der Schwangerschaft zu einer Behinderung beim Kind führen kann. In der Klinik habe man ihr verschiedene Optionen zur Wahl gestellt, erzählt sie. Die Geburt könne vorzeitig eingeleitet werden und sie könne trotz fünftem Monat abtreiben. Zu rechtfertigen sei das mit einer möglichen Behinderung des Kindes, habe es geheißen. „Darüber sollte ich dann nachdenken“, erzählt Radtke. „Aber das konnte ich nicht machen.“ Sie überlegte, das Kind zur Adoption freizugeben, entschied sich aber dagegen. „Ich kann nicht ein Kind zur Welt bringen und es dann weggeben.“

Babykleidung und die Wiege hatte die 30-Jährige gerade verkauft. „Ich hab’ Rotz und Wasser geheult“, sagt die Alleinerziehende. Zu den beiden Vätern ihrer Kinder hat sie Kontakt, sie sehen ihre Söhne und Töchter. Aber ansonsten ist sie auf sich allein gestellt.

Trotz Sterilisation Schwangerschaft möglich

„Mit vielen Kindern bist du gleich asozial“, sagt Melissa Radtke. Trotz Pille sei sie dreimal schwanger geworden. Grund dafür könne ein Magenbypass sein, den sie sich einsetzen ließ. Der sorge dafür, das Medikament anders wirken. Deshalb habe sie sich auch für die Sterilisation entschieden. Doch auch da bleibt ein Rest-Risiko, schwanger zu werden.

Im Februar diesen Jahres war sie bei einer Untersuchung beim Frauenarzt. Sie bat ihn, zu testen ob sie schwanger ist. „Das kann ja gar nicht sein“, habe man ihr wieder gesagt – und als der Test positiv war, gleich noch mehrere zur Überprüfung gemacht. Sie war wieder schwanger. Wo die Schwangerschaft saß, konnte man zu dem Zeitpunkt noch nicht feststellen. Vielleicht nicht in der Gebärmutter, sondern im Eileiter oder unter der Bauchdecke. Radtke hatte eine frühe Fehlgeburt. Um auszuschließen, dass sie erneut schwanger wird, könne sie sich auch die Gebärmutter heraus nehmen lassen. Das habe ihr Frauenarzt ihr erklärt, sagt Radtke. „Wenn ich noch einmal schwanger werde, würde ich das machen“, erklärt die 30-Jährige.

"Ich möchte keins meiner Kinder missen"

Auf den linken Arm hat sie sich die Namen und Geburtsdaten ihrer vier Kinder tätowieren lassen. „Da kann ich die Geburtstage nicht vergessen“, lacht sie und streicht sich mit der Hand darüber. „Keins meiner Kinder war geplant“, erklärt sie. „Aber ich möchte keins missen.“

Das Geld hat der gelernten Hauswirtschafterin immer Sorgen gemacht. Schon nach ihrem zweiten Kind wollte sich Radtke sterilisieren lassen, weil sie trotz Pille immer wieder schwanger wurde. Pro Familia war bereit, die Kosten dafür zu übernehmen. Bis dahin dauerte es jedoch mehr als ein Jahr und Radtke bekam in der Zeit ein weiteres Kind. Nachdem bei der Sterilisation nicht festgestellt worden war, dass sie schwanger ist, ging sie zu einer Anwaltskanzlei, um die Uniklinik auf Unterhalt zu verklagen. Dort bereitet Anne Ziegler die Klage vor. Bis zum Ende der Ausbildung des Kindes mit dem 25. Lebensjahr sollten von Geburt an monatlich 600 Euro gefordert werden, erklärt die Juristin. Hinzu käme ein geringes Schmerzensgeld von 7 000 Euro, die Kosten für die Erstausstattung des Babys und ein größeres Auto. Insgesamt käme man so auf rund 250 000 Euro, sagt Juristin Anne Ziegler.

Ergebnis eines Gutachtens ist abzuwarten

Wie die Erfolgsaussichten einer solchen Klage vor dem Marburger Landgericht wären, hängt von einem ärztlichen Gutachten ab, erklärt Ziegler. Das soll prüfen, ob die Schwangerschaft vor der Sterilisation hätte festgestellt werden können. Der Fall liegt derzeit der Gutachter- und Schlichtungsstelle der Landesärztekammer Hessen vor. In den nächsten Monaten ist mit einem Ergebnis zu rechnen.
Deshalb möchte sich das Uniklinikum derzeit nicht dazu äußern, teilte Frank Steibli mit.

Bis die Klinik die Krankenakte für die Schlichtungsstelle geschickt hat, dauerte es laut Anwaltskanzlei sieben Monate. Anne Ziegler sagt, sie habe mehrmals daran erinnert, schließlich sogar eine Klage angedroht.

Radtke lebt von Leistungen des Kreisjobcenters und einem 20-Stunden-Job als Reinigungskraft. Für die Klage will sie Prozesskostenhilfe vom Staat beantragen. Mit dem Unterhalt hofft sie auf eine finanzielle Entlastung. Ob die 30-Jährige Chancen darauf hat, hängt ganz vom Ergebnis des Gutachtens ab, sagt Anne Ziegler. Eine Prognose sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich.

Die Familie

Melissa Radtke wurde 1987 in Hanau geboren. Ab einem Alter von sieben Jahren wuchs sie in einem Internat in Würzburg auf, ab dem Alter von 15 Jahren lebte sie allein. 2008 bekam sie ihr erstes Kind. Ihre drei weiteren Kinder kamen 2014, 2015 und 2016 zur Welt.

von Freya Altmüller