Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis "Schlimm und furchtbar" - aber "banal"
Landkreis Ostkreis "Schlimm und furchtbar" - aber "banal"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:16 03.06.2012
Über fünf Jahre liegt der Missbrauch zurück – aus dem Kind wurde ein junges Mädchen.Foto: Weigel Quelle: Nadine Weigel
Stadtallendorf

„Wir sind überzeugt, dass es zu mehreren sexuellen Übergriffen gekommen ist“, fasste Richter Dr. Thomas Wolf zusammen. Der Vorsitzende der 3. Großen Jugendkammer des Marburger Landgerichts verurteilte den 42 Jahre alten Angeklagten allerdings nur wegen eines Falles von sexuellen Missbrauchs in Tateinheit mit Vergewaltigung.

Zu unterschiedlich waren die Aussagen des Opfers bezüglich des zweiten Vorwurfs: Die Details zu Zeit, Tatort und sogar dem eigentlichen Hergang waren zu verschieden, um die für eine Verurteilung notwendige Sicherheit zu erlangen, erklärte Wolf.

Dies führe jedoch nicht dazu, dass er das Opfer als unglaubwürdig einstufe, wie der Verteidiger gefordert hatte. Die junge Frau habe eine Erklärung für ihre fehlende Jungfräulichkeit gesucht und daher seinen Mandanten belastet, hatte er in seinem Plädoyer gesagt und einen Freispruch gefordert. Da Aussage gegen Aussage stehe und die Glaubhaftigkeit der Zeugin durch ihre wechselhaften Aussagen erschüttert sei, müsse das Gericht zu diesem Urteil kommen, betonte der Verteidiger.

Richter Wolf zog es jedoch vor, die unterschiedlichen Details als „Unschärfen“ zu bezeichnen, die nur normal seien. Die Tat liege über fünf Jahre zurück, was für eine Jugendliche eine „lange Zeit“ sei. „Zeitliche Angaben“ seien in Aussagen selten gut. Die Güte der Aussage zur Vergewaltigung bezeichnete der Richter jedoch als sehr hoch und sehr überzeugend - was auch daran liege, dass die Folgen dieser Tat weitaus größer gewesen seien als die des vorgeworfenen Oralverkehrs: Die Jugendliche habe kein Mädchen mehr sein wollen - dies äußerte sich durch ein eher burschikoses Auftreten. Zudem habe es sich der strengen moralischen Glaubensauffassung des Islams zugewandt.

Staatsanwältin Annemarie Wied betonte: „Das Mädchen mochte den Angeklagten eigentlich, weil er auch etwas mit ihr unternahm. Das nutzte er für seine Bedürfnisse aus.“ Die Entjungferung sei vor dem religiösen Hintergrund besonders schlimm. „Sie war nach der Vergewaltigung sogar zur Mutter gelaufen, zu der sie eigentlich kein gutes Verhältnis hatte.“ In der Notsituation habe sie dennoch auf die Hilfe der Mutter gesetzt und sei erneut enttäuscht worden, da diese von der ersten Regel des Mädchens ausging und dem Blut an Beinen oder Unterhose keine weitere Bedeutung zumaß: „Das Restvertrauen ging verloren, und das Verhältnis verschärfte sich noch“, sagte Wied und ergänzte: „Sie hat Emotionen, Schmerzen und Entsetzen geschildert.“ All diese Folgen und Reaktionen seien maßgeblich dafür, dass sich die junge Frau so gut an die Details erinnere.

Sie forderte viereinhalb Jahre Haft für den Missbrauch eines Kindes in Tateinheit mit einer Vergewaltigung - den letzten Punkt hatte sie noch hinzugefügt, da der Angeklagte sein Opfer festgehalten und so verhinderte hatte, dass es sich von ihm löst. Die Möglichkeit, dass die junge Frau den Mann zu Unrecht belastet, schlossen sowohl sie als auch der Richter aus: Seit mehreren Jahren habe der 42-Jährige keinen Kontakt mehr zu Mutter und Tochter, lebe fernab von Stadtallendorf und sei daher kein Teil mehr ihres Lebens. Entsprechend fehle das Motiv.

Eine Gutachterin sagte, die 16-Jährige sei ob ihrer „intellektuellen Minderbegabung“ auch nicht in der Lage, sich die zahlreichen Details auszudenken und konsequent in verschiedenen Aussagen beizubehalten.

Richter Wolf kommentierte in seiner Urteilsbegründung, der Fall sei mit einem Blick auf die Statistiken im juristischen Alltag und die Häufigkeit von Kindesmissbrauch inzwischen als „banal“ einzustufen: „Dabei ist er schlimm und furchtbar.“

Der 42-jährige Bauhandwerker hat nun eine Woche Zeit, Rechtsmittel einzulegen.