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Ostkreis Das ganz andere Kinoerlebnis
Landkreis Ostkreis Das ganz andere Kinoerlebnis
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00:18 02.08.2018
Aaron, Aida und Sophia (von links) hatten beim „Schlepperkino“ den besten Ausblick aus sieben Metern Höhe in ihrem Teleskopstapler. Quelle: Nadine Weigel
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Bracht

Rund 150 Traktoren, eine Live-Band und eine riesige Leinwand – der Samstagabend hatte einiges zu bieten. Knapp 600 Besucher kamen zum „Schlepperkino“ auf dem Brachter Feld. Mit Popcorn und Cola machten es sich die Gäste auf den Schleppern gemütlich. Viele hatten Sofas auf den Frontladern befestigt und machten es sich dort gemütlich. Als es dann dunkel wurde und die Band „The Heads“ schon ordentlich eingeheizt hatte, lief auf der Leinwand „Willkommen bei den Sch'tis“.

„Das ist eine super Sache. Mal was ganz anderes“, sagten Elke und Rainer Fus aus Bracht, die vor ihrem Traktor in Gartenstühlen auf der Wiese saßen. Nicht nur der Film beeindruckte sie, auch die vielen Schlepper, die ringsherum um das Ehepaar standen. „Viele von denen stehen seit Jahren ja nur noch irgendwo in der Scheune“, bemerkte Rainer Fus: „Es ist schon toll, dass sie jetzt mal wieder zum Vorschein kommen. Wir waren von Anfang an von der Idee begeistert.“

Das 1. Brachter Schlepperkino war ein voller Erfolg. Mehr als 150 Schlepper und 600 Menschen ist die Bilanz der außergewöhnlichen Veranstaltung anlässlich der 777-Jahre Bacht. Fotos: Nadine Weigel

Die meisten der Besucher kamen aus dem Landkreis, doch ein paar Meter neben dem Ehepaar Fus stand auch ein Traktor mit Berliner Kennzeichen. Nein, schmunzelte Besitzer Stefan Klabunde, er sei nicht extra für das „Schlepperkino“ mit dem Trecker aus der Bundeshauptstadt nach Bracht gefahren. Klabunde hat aber Verwandtschaft in Bracht, ist zwei- bis dreimal pro Jahr hier, und immer dann fährt er auch mit dem Traktor. „Ich mache das ‚just for fun‘. Ich liebe einfach Trecker“, sagte er.

Auf das Berliner Kennzeichen ist Klabunde besonders stolz. Vor sechs Jahren, als er den Traktor anschaffte, fragte er bei der Zulassungsbehörde in Berlin nach, ob das „B“ auf dem Nummernschild sein könne – auch wenn der Trecker in Hessen steht. „Die waren so kulant und haben es genehmigt“, erzählte er stolz.

„So eine Veranstaltung schweißt ja auch zusammen“, freute sich Organisator Werner Metke, der einen Tag später auch die Vorführung der Erntearbeit in der Vergangenheit moderierte. Die männlichen Mitglieder der Trachtengruppe Halsdorf kümmerten sich mit Sense und Sichel ums Getreide, das die weiblichen Mitglieder dann zu Gaben banden und zu Heucheln aufstellten.

Besonders beeindruckend: Der 91 Jahre alte Heinrich Funk ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls mit der Sense zu arbeiten und sich über einen der (kaum halb so alten) Autoren dieses Textes zu amüsieren, als dieser sich ebenfalls einmal an der landwirtschaftlichen Arbeit versuchte. Und auch „Erntehelferin“ Heidi Reuter fand es besser, wenn der Senior die Sense schwingt – da beim Laien die Getreidehalme kreuz und quer lagen, während sie bei Funk ordentlich in eine Richtung fielen und viel leichter aufzuheben waren.

Wenige Stunden nach dem Schlepperkino ging es in Bracht beim Erntetag weiter.

Um die Erntearbeit der jüngeren Vergangenheit zu demonstrieren, kamen dann noch unter anderem die Fahrzeuge des Landwirtschaftlichen Kultur- und Technik-Clubs Wohratal zum Einsatz, der rund 20 Traktoren ausstellte.

Einer davon war der Normag (Baujahr 1952) von Alfons Wieber, der – wie der Stadtallendorfer stolz berichtete – erst kürzlich bei der Kartoffelernte zum Einsatz kam. Die Spurweite habe im Gegensatz zu der von modernen Maschinen zu den Furchen gepasst, erklärte er. Die Familie Dietrich rund um Vereinsvorsitzende Anna-Lena Dietrich stellte gleich fünf Porschetraktoren aus – wobei einer ein Allgaier-Porsche sei, wie Vereinskollege Thomas Schmid einwarf, mit dem Hinweis, dass der Werkzeughersteller Allgaier anfangs für Porsche die Traktoren gefertigt habe.

Besonderen Eindruck hinterließ der älteste Traktor: ein Lanz, Baujahr 1941, von Manfred Dehnert. Besucher Peter Knoth wollte den Motor unbedingt laufen hören: „Davon bekomme ich Gänsehaut. Der Lanz wird mit Feuer vorgeglüht. Beim Anlassen hört man jeden Kolbenhub, und weil der Zylinder liegt, wackelt das ganze Fahrzeug“, schwärmte er und betonte: „Das klingt urtümlich.“

von Yanik Schick
 und Florian Lerchbacher

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