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„Schlägerei beginnt mit einer Frau und endet im Freispruch“

Aus dem Gericht „Schlägerei beginnt mit einer Frau und endet im Freispruch“

Zeugenaussagen gelten in Gerichtskreisen als das schwächste aller Beweismittel. Eine Verhandlung vor dem Marburger Jugendschöffengericht machte überaus deutlich, warum das so ist.

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Der Neustädter Bürgerpark war Schauplatz einer handgreiflichen Auseinandersetzung. Foto: Matthias Mayer

Neustadt. Sieben Zeugen sagten aus und diese gaben sehr zum Unmut des unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Cai Adrian Boesken tagenden Gerichts sieben verschiedene Tatversionen zum Besten. Bei dieser Gemengelage blieb dem Gericht nichts anderes übrig, als den Angeklagten aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Angeklagt war ein 20-jähriger Auszubildender aus Neustadt, der sich laut Anklage am 10. September 2011 gegen 2.30 Uhr einer Körperverletzung und einer räuberischen Erpressung schuldig gemacht haben soll. Das Geschehen ereignete sich nach der YouFM-Party während des Neustadttreffens in zwei Etappen. Auf dem Heimweg soll der Angeklagte grundlos einen vor ihm laufenden 26-jährigen Neustädter attackiert haben. Dessen 23-jährige Verlobte schritt ein und zerriss in einem Handgemenge das Sweatshirt des Angreifers.

Dieses Shirt spielte eine halbe Stunde später eine zentrale Rolle, als der 20-Jährige mit seinen Freunden im Bürgerpark erneut auf das Paar stieß. Der Angeklagte forderte lautstark Geld von der jungen Frau für das Shirt. Diese weigerte sich jedoch, woraufhin es erneut zu einer Auseinandersetzung gekommen sein soll, in deren Folge der Angeklagte der Frau ins Gesicht geschlagen haben soll.

Für Cai Adrian Boesken und die beiden Schöffen bestand die Schwierigkeit, Licht ins Dunkel zu bringen. Mehrfach ermahnte der Richter die Zeugen zu vollständiger und wahrheitsgemäßer Aussage. Der Angeklagte räumte zwar die Auseinandersetzung mit dem 26-Jährigen ein, gab aber an, dessen Begleiterin nicht geschlagen zu haben.

Bei der Zeugenbefragung bildeten sich zwei Gruppen. Auf der einen Seite befanden sich die beiden Opfer, die betonten, dass der Angeklagte unerwartet angegriffen hätte. Auf der anderen Seite sagten die 18-jährige Freundin des Angeklagten sowie zwei weitere Bekannte aus, dass die Opfer zuvor provoziert hätten. So sei eine 17-Jährige aus der Clique des Angeklagten in Scherben getreten, was die 23-Jährige ironisch kommentiert habe. Erst daraufhin sei es zu der Auseinandersetzung mit dem 26-Jährigen gekommen. Dies sagten sowohl die drei Zeugen der Verteidigung, als auch der Angeklagte aus, wo es Abweichungen und Erinnerungslücken in der Frage gab, ob und wer wann wen geschlagen hat. Die beiden Opfer beharrten auf ihrer Aussage, grundlos angegriffenen worden zu sein.

Räuberische Erpressungist nicht haltbar

Auch die Abläufe im Bürgerpark ließen sich nicht aufklären. Die Zeugengruppe des Angeklagten wollte nicht oder keine Schläge gegen die 23-Jährige gesehen haben. Diese und ihr Verlobter wiederum blieben bei dem Tatvorwurf, verstrickten sich aber in Widersprüche. Für Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung zeigte sich schnell, dass der Anklagepunkt der räuberischen Erpressung nicht haltbar ist.

Klarheit erhoffte sich das Gericht schließlich durch eine 24-jährige Zeugin aus Schwarzenborn/Knüll, deren Name erst zum Schluss der Beweisaufnahme genannt wurde und diese deshalb ihre Aussage nicht abgesprochen haben konnte. Als die Frau nach 90-minütiger Sitzungsunterbrechung erschien, schilderte sie eine ganz andere Version des Tatgeschehens.

Die Staatsanwaltschaft sah nach der Aussage dieser Zeugin den Tatvorwurf der Körperverletzung als erwiesen an und beantragte eine Geldauflage in Höhe von 350 Euro. Die Verteidigung erklärte, dass nach den abweichenden Zeugenaussagen die Schuld seines Mandanten nicht bewiesen worden sei und beantragte Freispruch.

Dem folgte das Gericht. Cai Adrian Boesken fasste das Urteil mit dem in Richterkreisen bekannten Spruch „Eine Schlägerei beginnt mit einer Frau und endet im Freispruch“ zusammen.

von Julius Mayer

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