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Schläge und Tritte im Weindorf

Aus dem Gericht Schläge und Tritte im Weindorf

Wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung in einem minderschweren Fall verurteilte das Amtsgericht Kirchhain zwei Stadtallendorfer, die am 3. September 2017 einen 20-Jährigen traktiert hatten.

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Besucher des Heimat- und Soldatenfestes feiern auf der Tanzfläche des Weindorfs. Die auf dem Foto zu sehenden Personen haben nichts mit dem beschriebenen Geschehen zu tun. 

Quelle: Nico Engler

Stadtallendorf. Das angeklagte Tatgeschehen ereignete sich gegen 0.30 Uhr während des Heimat- und Soldatenfestes im Stadtallendorfer Heinz-Lang-Park. Für das, was sich im Weindorf nach dem Fest-Feuerwerk ereignete, hörte das unter Vorsitz von Strafrichter Joachim Filmer tagende Gericht zwei gegensätzliche Versionen.

Laut den übereinstimmenden Aussagen beider Angeklagten, 37 und 61 Jahre alte Saisonarbeiter, gab es überhaupt keine Schlägerei. Während der Ältere mit seiner Frau tanzte, filmte der Jüngere mit seinem Handy die Szenerie. Dabei lief die Freundin des 20-Jährigen ins Bild.

Po der Freundin gefilmt

Der 20-Jährige forderte den jüngeren der beiden Angeklagten auf, die Video-Sequenz zu löschen. Als der sich weigerte, versuchte der junge Mann seinem weitaus größerem Gegenüber das Handy zu entreißen und versetzte diesem Schläge in die Seite. Der Ältere beobachtete das Geschehen und eilte seinem Kollegen zu Hilfe.

Der 37-Jährige schob den jungen Mann weg, worauf dieser beide Männer beleidigte. Er lief fort, verfolgt von den Kollegen, wobei er nach wenigen Schritten stolperte und stürzte. Mit der Drohung, die Polizei zu rufen, verschwand der 20-Jährige in der Menschenmenge.

Ganz anders die Schilderung des 20-jährigen Opfers. Der jüngere Angeklagte habe den Po seiner Freundin gefilmt. Das sei durch die Videoleuchte des Handys sichtbar gewesen. Dreimal habe er den Mann vergeblich gebeten, das Video zu löschen. Daraufhin habe er versucht, ein Foto von dem Mann zu machen.

„Daraufhin hat er mich geschubst und wollte auf mich los. Deshalb bin ich 20 bis 30 Meter weit weggelaufen“, sagte der Zeuge, der dann stehenblieb, weil ihn der 37-Jährige nicht verfolgte. Stattdessen sei der 61-Jährige auf ihn zugelaufen und habe noch aus dem Lauf versucht, ihn zu treten.

Vergeblich um Hilfe geschrien

Den Mann habe er zuvor nicht wahrgenommen, weil er zuvor nicht in Erscheinung getreten sei. Von dem Mann sei er zu Boden gerissen und geschlagen worden. Außerdem habe der 61-Jährige seiner Freundin ein Büschel Haare ausgerissen. Wer von beiden auf ihn eingetreten habe, vermochte der Zeuge nicht zu sagen.

Die 19-jährige Freundin des Opfers gab an, dass beide Angeklagte auf ihren Freund eingeschlagen und eingetreten haben. Sie habe vergeblich um Hilfe geschrien und letztlich versucht, den 37-Jährigen wegzuziehen. Dabei seien ihr von hinten von dem 61-Jährigen Haare ausgerissen worden. Abgesehen von einer geringen Abweichung bestätigte eine 20-jährige neutrale Zeugin dieses Tatgeschehen.

Dagegen erklärte die 66-jährige Frau des 61-Jährigen, dass es keine Schlägerei gegeben habe. „Wenn sie bei dieser Aussage bleiben, bekommen sie ein Ermittlungsverfahren wegen uneidlicher Falschaussage“, belehrte Joachim Filmer die Zeugin, die bei ihrer Aussage blieb: „Ich habe gesagt, was ich gesehen habe.“ Ein weiterer 54-jährige Zeuge sagte, dass er nichts gesehen habe.

Der die Anklage vertretende Rechtsreferendar sah den Anklagevorwurf durch die Beweisaufnahme bestätigt. Gegen den wegen Nötigung und Bedrohung vorbestraften 61-Jährigen beantragte er wegen gefährlicher Körperverletzung in einem minderschwerem Fall eine viermonatige Freiheitsstrafe, die in eine Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen à 25 Euro umgewandelt werden kann. Für den 37-Jährigen forderte er eine dreimonatige Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe in Höhe von 90 Tagessätzen à 25 Euro.

Notwehrsituation habe nicht vorgelegen

Rechtsanwalt Jens Fischer forderte Freispruch für seine Mandanten. Er kritisierte zum Teil widersprüchliche Aussagen der Zeugen und mutmaßte, dass die Aussagen abgesprochen worden sein könnten.

„Das Kerngeschehen ist bewiesen worden“, begründete Strafrichter Joachim Filmer seinen Schuldspruch. Beim Strafmaß schloss er sich dem Antrag der Staatsanwaltschaft an. Der 61-Jährige sei als Haupttäter härter zu bestrafen. „Der Angeklagte mischte sich ein, ohne zu wissen, was überhaupt los ist“, sagte der Richter.

Die Aussage, das schmächtige Opfer habe den massigen 37-Jährigen angegriffen, sei völlig abwegig. Eine Notwehrsituation habe nicht vorgelegen. Für den 37-jährigen Angeklagten spreche, dass von ihm zunächst keine Gewalt ausgegangen sei.

von Matthias Mayer

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