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Richter übt Kritik an Ermittlungsarbeit

Missbrauchsprozess Richter übt Kritik an Ermittlungsarbeit

Tag zwei der Verhandlung gegen einen 42-Jährigen, der ein Kind missbraucht haben soll, ergab wenig Neues. Allerdings scheint klar: Silvester 2006 kommt als Tatzeitpunkt nicht in Frage.

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Im Sexualkundeunterricht soll einer inzwischen 16-Jährigen bewusst geworden sein, dass sie als Kind vom damaligen Freund ihrer Mutter missbraucht wurde.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Stadtallendorf. Im Kreise der Kollegen will der Angeklagte im Missbrauchsprozess in der Vergangenheit Silvester gefeiert haben. Mit Rommee spielen, Raki trinken und Gesprächen hätten sie in einem türkischen Café den letzten Abend des Jahres 2006 verbracht, bestätigten drei Zeugen, die ebenso wie der Angeklagte damals bei einem Bauunternehmen angestellt waren, am Mittwoch vor dem Marburger Landgericht.

Die Essenz der Aussagen der Bauarbeiter und der derzeitigen Freundin des Mannes lautete, dass der angenommene Tatzeitpunkt Silvester 2006 wohl ausgeschlossen werden kann - schon während des ersten Verhandlungstages hatten sich Unklarheiten zu diesem Detail abgezeichnet. Der Angeklagte soll die damals Elfjährige an diesem Tag zum Oralsex gezwungen haben - sie hatte die Vorwürfe jedoch erst Jahre später geäußert, als sie im Sexualkundeunterricht in der Schule aufgeklärt worden war.

Zum zweiten angeklagten Punkt sagte Richter Thomas Wolf am Mittwoch, dass neben dem sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen auch eine Vergewaltigung in Frage komme: Der Mann soll vermutlich im Oktober 2005 die damals Zehnjährige dazu gezwungen haben, sich auf seinen Schoß zu setzen. Gegenüber der Polizei hatte die Jugendliche angegeben, der damalige Freund ihrer Mutter habe sie dazu gezwungen, sich auf seinen Schoß zu setzen. Er habe sie an den Armen festgehalten und sei in sie eingedrungen, während die Mutter unter der Dusche stand - diese deutete anschließend die Blutspuren an den Beinen ihrer Tochter als Zeichen ihrer ersten Periode.

Doch ohnehin scheint das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter gespalten - was auch eine ermittelnde Kriminalpolizistin bestätigte: Die Mutter sei eher flippig, während die Tochter vernünftig wirke. „Das Mädchen will Familienleben“, sagte die Beamtin, die eher durch Zufall auf den Fall aufmerksam geworden war.

Vor dem Landgericht berichtete die 40-Jährige, sie habe wegen eines anderen Falls in einer Stadtallendorfer Sonderschule ermittelt. Das Mädchen sei mit einer Betreuerin auf sie zugekommen und habe erzählt, dass ein Mann sie verfolge.

Die Polizistin forderte sie nach eigenen Angaben auf, zunächst mit ihrer Mutter zu reden - was das Mädchen letztendlich auch tat, um wenige Tage später wieder Kontakt zur Polizei aufzunehmen und ihren Fall zu schildern. Dabei berichtete sie auch, dass sie Tabletten genommen und den Arm aufgeschlitzt habe, „auch wegen des Typen, der mich vergewaltigt hat“, wie es im Polizeiprotokoll heißt.

Sowohl Richter Wolf als auch die Polizistin schlossen aus dieser Aussage sowohl auf die familieninternen Probleme als auch auf die psychische Belastung, die das Mädchen wohl habe ertragen müssen.

Doch die Beamtin musste sich auch noch Kritik gefallen lassen: „Ist das die Ermittlungsrichtlinie, dass sie ein Mädchen zur Mutter schicken, wenn es um eine sexuelle Handlung geht?“, fragte Wolf und erhielt ein „Nein“ als Antwort. Er halte die an den Tag gelegte Vorgehensweise für sehr bedenklich: „So bringen Sie die Aussage in Gefahr. Wenn Kinder oder Jugendliche aussagen, sollte man äußere Einflüsse verhindern, also sie keinesfalls vorher zu jemand anderem schicken.“

Die Verhandlung wird am kommenden Mittwoch um 9 Uhr im Landgericht fortgesetzt.

von Florian Lerchbacher

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