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Ostkreis Ostkreis: Arztnachwuchs verzweifelt gesucht
Landkreis Ostkreis Ostkreis: Arztnachwuchs verzweifelt gesucht
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00:16 04.06.2018
Nachfolger verzweifelt gesucht: wie zwei Ärztinnen aus dem Ostkreis die Nachfolgersuche angehen. Quelle: Patrick Pleul
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Stadtallendorf

Für Dr. ­Brigitte Halfenberg war von Anfang an klar, dass sie die Stadt Stadtallendorf mit ins Boot nimmt. „Als ich mich vor fast 25 Jahren hier niedergelassen habe, war mein erster Weg auch ins Bürgermeisterzimmer“, erinnert sich die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin.

Jetzt hat sie wieder den Kontakt gesucht, weil sie auf der Suche nach einer Praxis-Nachfolge ist. Und stieß bei Bürgermeister Christian Somogyi auf offene Ohren. „Natürlich wollen und müssen wir als Stadt die ärztliche Versorgung vor Ort sicherstellen. Und deswegen ist uns sehr daran gelegen, dass der Sitz von Frau Dr. Halfenberg hier in der Stadt bleibt“, betont das Stadtoberhaupt.

Dr. Brigitte Halfenberg sucht mithilfe der Stadt einen Nachfolger für ihre Praxis. Foto: Katja Peters

Sollte sich kein Nachfolger finden, dann ist der Arztsitz weg und wird von der kassenärztlichen Vereinigung anderweitig vergeben. Das will weder Brigitte Halfenberg noch der Bürgermeister.

Also setzten die beiden sich zusammen und kamen auf die Idee, dass die Stadt der Ärztin bei der Nachfolgersuche hilft. Mit einer Anzeige auf der Internetsite von Stadtallendorf und im hessischen Ärzteblatt. „Das sind die Anfänge. Wir wollten nicht nur reden, sondern auch handeln“, erklärt Christian Somogyi.

Anfang des Jahres schickte die Ärztin die Anzeige an alle Universitätskliniken in Deutschland. Keine einzige hat geantwortet. Auch auf die Anzeige im Ärzteblatt oder auf der Internetseite gab es bisher keine Resonanz.

„Ich denke trotzdem positiv“, sagt Brigitte Halfenberg lachend. „Ich werde einen Nachfolger finden, weil die Rahmenbedingungen einfach perfekt sind“, gerät die 58-Jährige ins Schwärmen. Ihre Praxis ist wirtschaftlich stabil und hat eine gute Patientenanbindung. Mittlerweile behandelt sie nach eigenen Angaben schon die dritte Generation an Patienten. Ihr Verhältnis zu den Haus- und Fachärzten sei sehr kollegial.

1 200 Patienten und 40 000 Karteien

„Es ist mein Baby. Hier habe ich wirklich viel Herzblut investiert“, wird sie ganz kurz sentimental, um dann gleich wieder positiv fröhlich weiterzuerzählen: „Über den Praxisräumen gibt es zusätzlich vollausgestattete Räume für ambulante Operationen. Und meine beiden Arzthelferinnen sind fit und die Abläufe gut organisiert.“

Ende 2019 will sie aufhören. Gibt es einen Nachfolger, der schon früher übernehmen will, wäre das auch kein Problem. „Ich helfe auch gerne bei der Einarbeitung in die Praxisab­läufe oder bei den Abrechenmodalitäten. Das wäre für einen Neuling natürlich optimal.“

Sie behandelt im Quartal 1 200 Patienten, hat 40 000 Patientenkarteien in ihren Schränken und betont: „Man kann von der Praxis wirklich gut leben.“ Und das, obwohl sie nur halbtags Sprechstunde als HNO-Ärztin hat.Der Sitz ist also ideal, um ihn zu teilen. „Ich denke da an ein Modell von beispielsweise zwei Ärztinnen, die nicht Vollzeit arbeiten möchten oder können. Mit der Praxis und dem geteilten Sitz könnten sie Beruf und Familie sehr gut unter einen Hut bringen.“

Für Brigitte Halfenberg stand immer fest, dass sie als niedergelassene Ärztin praktiziert. „Bei allen Nachteilen hat die Selbstständigkeit auch ganz viele Vorteile“, sagt die gebürtige Berlinerin.

Numerus Clausus und Bürokratie stehen im Weg

Genauso sieht es auch Eva Randebrock-Degenhardt aus Mengsberg. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hat sich vor knapp zwei Jahren im Neustädter Stadtteil niedergelassen. Sie war vorher schon einmal als niedergelassene Ärztin in Dillenburg tätig gewesen, ehe sie die Leitung einer Tages­klinik übernahm. Der Liebe ­wegen zog sie schließlich in die Schwalm.

Im Moment suche sie Unterstützung in der Praxis mit der Perspektive einer ­Übernahme in ein paar Jahren. Denn noch will sich Eva Randebrock-Degenhardt nicht zur Ruhe setzen. Aber allein eine Assistenz zu bekommen, erweist sich als schwierig.

Eva Randebrock-Degenhardt aus Mengsberg netzwerkt. Foto: Sandra Rose

„Es herrscht nicht nur ein Hausarztmangel, es gibt generell zu wenige Ärzte in allen Fachgebieten“, stellte sie schon vor ein paar Jahren fest. Dabei mangele es nicht an Abiturienten, die Arzt werden wollen. „Es gibt viele, die interessiert sind, aber durch den Numerus clausus und die viele Bürokratie werden sie verprellt“, so das Empfinden der Psychiaterin.

Als sie Ende der 1970er anfing, Medizin zu studieren waren 80 Prozent Männer und 20 Prozent Frauen eingeschrieben. „Von denen dann auch noch zehn Prozent schwanger wurden und somit ausschieden“, erinnert sie sich. Damals war Arzt ein reiner Männerberuf und ihr wurde oft gesagt: „Wenn du das studierst, dann fährst du später Taxi.“

Das hat sich zum Glück nicht bewahrheitet; und heute steht fest, dass kein Medizinstudent auf der Straße landet, denn es werden händeringend Ärzte gesucht. Auch Psychiater oder Fachärzte für psychotherapeutische Medizin. „Aber es gibt keinen Nachwuchs. Ich habe das Gefühl, die gehen alle in die IT“, sagt die Mengsbergerin mit einem Augenzwinkern.

Hobby und Familie sind heute wichtiger

Für sie spiele auch die Einstellung der neuen Generation eine Rolle. Die Work-Life-Balance habe einen ganz anderen Stellenwert als früher. „Die Einstellung fehlt. Niemand möchte mehr lange arbeiten. Hobby und Familie sind heute wichtiger“, so ihre Feststellung. Dabei muss ein Landarzt beispielsweise gar nicht mehr nachts raus oder unzählige Bereitschaftsdienste am Wochenende schieben. Das habe die Kassenärztliche Vereinigung, nach ihrem Verständnis, gut geregelt.

Sie möchte ihr Wissen weitergeben, jetzt, wo es ihr noch nicht schwer fällt, wo sie noch mitten im Beruf steckt. Deswegen betreut sie Weiterbildungsassisten­ten in ihrer Praxis. „Das ist ­eine Win-Win-Situation: „Ich ­gebe mein Wissen weiter, die Assistenten lernen und es werden Kontakte geknüpft, die später mal hilfreich sein können. Vielleicht auch bei der Nachfolgersuche.“

von Katja Peters

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