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Nur noch eine Chance

Aus dem Gericht Nur noch eine Chance

Beim Schlusswort blickte der hagere Angeklagte starr geradeaus und sagte: „Ich möchte noch eine Chance.“ Und dann fiel das Urteil: ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung.

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Kirchhain. Vor Richter Joachim Filmer stand ein von 14 Jahren Heroin-Abhängigkeit gezeichneter und gesundheitlich schwer angeschlagener Mann, der zur Finanzierung seiner Sucht etliche Straftaten begangen hat. Seit 2001 wurde der heute 34-Jährige 16-mal verurteilt,darunter mehrfach zu Freiheitsstrafen von bis zu 15 Monaten, die er zum Teil verbüßte.

Von seiner Sucht und den mit ihr verbundenen Straftaten kam er auch im Knast nicht los. Ein einziges Mal startete er einen Therapieversuch, den er bereits nach fünf Tagen abbrach. Er habe sich durch die monotonen Putzdienste, das Verbot des Kaffeekonsums und die anfängliche Kontaktsperre zu seiner Familie gegängelt gefühlt, sagte der Angeklagte vor dem Kirchhainer Amtsgericht.

Dort musste er sich verantworten, weil er laut Anklageschrift zwischen April und August 2011 achtmal in Zügen der Deutschen Bahn beim Schwarzfahren erwischt worden war, im November 2011 in Stadtallendorf ein gestohlenes Fahrrad im Wert von 500 Euro für 20 Euro als Hehlerware gekauft, in Kirchhain ein abgeschlossenes Trekkingrad gestohlen und in der Stadtallendorfer Innenstadt am 9. Januar 2012 von einem Verkaufsständer in der Stadtallendorfer Innenstadt T-Shirts im Wert von rund 100 Euro entwendet haben soll.

Angst vor Entdeckung spielt keine Rolle

Der Angeklagte räumte die Taten ein, gab aber an, die T-Shirts nicht gestohlen, sondern - in einer dreckigen Tüte verpackt - auf einem Spielplatz gefunden zu haben. Für Anklage und Gericht machte das keinen Unterschied. Fundunterschlagung werde so bestraft, wie Diebstahl, erklärte Joachim Filmer.

Die Beweisaufnahme gab erschreckende Einblicke, wie sehr der Suchtdruck das Leben eines Drogenabhängigen dominiert, welch völlig untergeordnete Rolle die Sorge vor der Aufdeckung einer Straftat für die Betroffenen spielt. So ließ sich die Angeklagte bei seinen Drogenbeschaffungsfahrten, die ihn nach Frankfurt oder Aschaffenburg führten, an einem Tag zweimal beim Schwarzfahren erwischen. Und mit dem Fahrrad, dass er an einer Bushaltestelle von einem gewissen „Manni“ so günstig erstanden hatte, radelte er am anderen Morgen zur Frühschicht - einem Arbeitskollegen direkt in die Arme. Diesem war das Rad gestohlen worden. Diese Erfahrung schreckte ihn nicht davon ab, mit dem am Vortag gestohlenen Trekking-rad durch Kirchhain zu radeln. Und wieder wurde er erwischt. Am Bahnhof erkannte ein Passant das einer Frau entwendete Fahrrad und holte die Polizei.

Die Pflichtverteidigerin beantragte für ihren zuletzt im September 2011 in Frankfurt wegen Diebstahls zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilten Mandanten unter Einbeziehung des Frankfurter Urteils eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr, auf vier Jahre auszusetzen zur Bewährung. Die Anklagevertreterin forderte wegen Diebstahls, Unterschlagung, Hehlerei und Leistungserschleichung eine 15-monatige Gesamtfreiheitsstrafe - ohne Bewährung.

Joachim Filmer packte beim Strafmaß noch drei Monate drauf und riet dem Angeklagten dringend, mit einer ernsthaften Drogentherapie zu beginnen. Dann lasse er auch über einen Strafaufschub mit sich reden. Da ist sie - die erhoffte Chance. Der Angeklagte muss sie nur noch nutzen.

von Matthias Mayer

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