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Nur ganz knapp am Knast vorbei

Aus dem Gericht Nur ganz knapp am Knast vorbei

Der Angeklagte reagierte geradezu panisch auf das Plädoyer der Staatsanwaltschaft: "Was soll ich jetzt machen? Mein Chef kündigt mir, und ich verliere meine Wohnung."

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Kirchhain. Der 25-jährige Arbeiter hatte allen Grund zu größter Besorgnis, denn die Vertreterin der Anklage hatte gegen ihn wegen Körperverletzung einen dreimonatige Freiheitsstrafe ohne Bewährung beantragt. Der Angeklagte stand als Bewährungsversager vor dem Amtsgericht Kirchhain, das unter Vorsitz von Richter Joachim Filmer tagte. Erst sechs Monate vor seiner neuerlichen Tat war der Kirchhainer wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt worden, die das Amtsgericht auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt hatte.

Und dann kam der 4. Juli 2011. An diesem Tag soll der 25-Jährige auf dem Gelände der Kirchhainer Ferienspiele an der Ohm gegen 17.50 Uhr einem als Betreuer eingesetzten Studenten einen Faustschlag versetzt und ihm eine Platzwunde am rechten Auge versetzt haben.

"Ich war es nicht. Ich verstehe nicht, warum ich heute der Angeklagte bin", sagte der Angeklagte trotzig und selbstbewusst. Stattdessen beschuldigte er einen polizei- und gerichtsbekannten Jugendlichen der Täterschaft. Der hatte im Zuge der Auseinandersetzung ein Messer gezückt. Gegen diesen Jugendlichen wird gesondert ermittelt.

Er sei an dem fraglichen Abend mit drei Begleitern - zwei Männer und einer Frau - zu dem Gelände gelaufen, um dort einen Döner zu essen. "Wir saßen da und wurden aufgefordert, wegzugehen. Dabei kam es zum Streit", schilderte der Angeklagte das Geschehen. Er habe gesehen, wie der Döner eines Begleiters und eine Brille zu Boden geflogen seien. Er selbst habe nur ganz zum Schluss des Gerangels jemanden zur Seite geschubst und dann gesagt: "Wir gehen jetzt."

Das Opfer schilderte das Geschehen ganz anders. Die ungebetenen Gäste hätten auf den Stufen des Toilettenwagens gesessen, als die Betreuer gegen 18 Uhr zu ihrer Teambesprechung auf dem Gelände zusammenkamen. Die Aufforderung, das Gelände zu verlassen, habe das Quartett ignoriert. Als zwei Mitarbeiter des Teams die Gesprächsrunde verließen, um den Toilettenwagen aufzusuchen, seien diese mit Steinen beworfen worden. Das gesamte Team habe daraufhin die Eindringlinge aufgefordert, das Gelände zu verlassen. "Ich bin laut geworden, und dann habe ich eine gefangen", sagte der 21-jährige Student.

Spätes Geständnis

Den Angreifer hatte das Opfer bei der Polizei wiedererkannt und auch im Gerichtsaal lieferte er eine präzise Beschreibung der Kleidung des Angreifers: Arbeitshose und ein spezielles T-Shirt, das der Angeklagte auch im Gerichtssaal trug.

"Dann muss ich es doch gewesen sein. Das tut mir leid", bekannte der Angeklagte. Die Reue kam spät und beeindruckte die Anklagevertreterin nicht: "Dem Angeklagten muss deutlich gemacht werden, dass es so nicht weiter geht. Ich sehe keinen Grund für eine neue Bewährung", sagte sie.

Joachim Filmer verurteilte den Angeklagten wegen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von vier Monaten, die er auf drei Jahre zur Bewährung aussetzte. Der angeklagte muss 500 Euro Schmerzensgeld an das Opfer bezahlen und sich unter die Aufsicht eines Bewährungshelfers stellen. "Sie sind gerade noch einmal dem Knast entsprungen. Wenn Sie nach dem Faustschlag nachgesetzt hätten, wären Sie eingefahren", machte der Richter deutlich. Seine dringliche Empfehlung: "Sie müssen unbedingt an sich arbeiten. Wenn Sie in den nächsten drei Jahren noch einmal zuschlagen, sind Sie für ein Jahr und drei Monate weg. Nehmen Sie es als allerletzte Chance."

Das Urteil erlangte sofort Rechtskraft.

von Matthias Mayer

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